Medienmissbrauch und Bildung

Experte aus Hessen mahnt: „Gegen Fake-News und Verschwörungserzählungen kommt Schule kaum an“

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Nachrichten lesen? Viel angenehmer ist es, wenn das mit Musik und bewegten Bildern rübergebracht wird. Am besten schön emotional.
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Peter Holnick will Jugendliche für das Leben jenseits von Tablets und Smartphones interessieren. Es brauche Begegnungen mit echten Menschen, um in der digitalen Welt zurechtzukommen, sagt er im Interview mit Peter Hanack

Herr Holnick, von Jugendlichen heißt es oft, dass sie als Digital Natives super mit all den Geräten wie Smartphone und Tabletcomputer umgehen könnten, sich aber gleichzeitig für Nachrichten so gut wie gar nicht interessierten. Stimmt dieses Bild?

Das kommt darauf an, wie man Nachrichten definiert. Die jungen Leute informieren sich schon sehr stark. In den sozialen Netzwerken kriegen sie auch eine Menge Nachrichten mit, aber eben nicht gebündelt wie in der Zeitung oder der Tagesschau, sondern vereinzelt und eingeklemmt zwischen irgendwelchen Werbeclips oder Schönheitsgeschichten. Das ist zumeist nicht von professionellen Journalisten aufbereitet, sondern da reden dann Youtuber und andere Influencer.

Ist das ein Problem oder einfach eine andere Art, sich politisch und über das sonstige Weltgeschehen schlauzumachen?

Das ist schon problematisch. Diese Nachrichten sind ohnehin meist stark verkürzt, werden dann noch mit Musik unterlegt und es werden oft nur Ausschnitte einer Berichterstattung gezeigt. Das hat auch etwas von Beliebigkeit. Die Nachrichten werden gar nicht bewusst geschaut, sondern die kommen einfach und ich nehme sie dann zusammen mit ganz anderen Sachen auf. Außerdem kann ja heute auch jeder Nachrichten machen und seine Wahrheit in seiner eigenen Art und Weise präsentieren. Da ist die Gefahr groß, dass Jugendliche völlig falsch informiert werden, vielleicht auch bewusst falsch, mit Fake News und Verschwörungsmythen.

Dagegen muss man etwas tun, oder?

Ja, auf jeden Fall.

Schauen wir doch mal in den Bereich Schule hinein, wo die Jugendlichen und Kinder alle anzutreffen sind. Dort sollte man sie ja gut erreichen können. Was kann denn in der Schule geschehen, um solchen Tendenzen entgegenzuwirken?

Wir haben in der Schule, wie sie heute funktioniert, nur ganz wenige Chancen. Das hat verschiedene Gründe. Einmal sind Nachrichten, wie sie heute aufbereitet sind, sehr emotional. Also in den sozialen Netzwerken. Die Schule aber arbeitet vor allem kognitiv, und das ist natürlich für viele überhaupt nicht reizvoll, wenn sie sich rational mit Nachrichten befassen sollen. Da ist der Lustgewinn lange nicht so groß, wie wenn ich in kurzen Clips mit Musik und Action alles sehe. Was wir in der Schule viel mehr machen müssen, ist, Interesse zu generieren, Interesse am echten Leben.

Es gibt den Versuch, mit digitalen Medien der Desinformation oder dem Desinteresse entgegenzuwirken. Das Programm Buzzard bereitet Nachrichten für den Unterricht leicht zugänglich auf, der Fabulant, den das Land Hessen finanziert, ist ein Onlineportal, das unterhaltsam Fake News und Verschwörungsmythen aufklären soll. Kann man Kinder und Jugendliche damit erreichen?

Das funktioniert bei Jugendlichen, die aus einem Elternhaus kommen, in dem bereits Interesse erzeugt worden ist. Bei vielen funktioniert es nicht. Die Lösung ist viel aufwendiger.

Wie könnte die aussehen?

Die Schüler und Schülerinnen müssen raus aus dem Klassenzimmer, müssen selbst Leute interviewen, lernen, wie man sich selbst eine Meinung bildet, und das nicht virtuell, sondern im Kontakt mit Menschen, denen man begegnet, in die Augen schaut, Fragen stellt und mit den Antworten zurückkommt in die Klassen und sich das gegenseitig vorspielt. Ich würde damit schon in der Grundschule anfangen, den Bäcker fragen, wie die Brötchen gemacht werden, den Metzger, wie er die Wurst macht. Reale Menschen treffen, reale Erfahrungen machen, um nachher in der digitalen Welt besser orientiert zu sein.

Medienbildung in Hessen

Medienkompetenz soll an den hessischen Schulen als Querschnittsthema über alle Schulformen und Fächer hinweg vermittelt werden.

Der Praxisleitfaden Medienkompetenz des hessischen Kultusministeriums soll theoretische Grundlagen vermitteln und praktische Hinweise durch konkrete Unterrichtsbeispiele für alle Fächer geben. Er ist auf kultusministerium.hessen.de zu finden. Dort sind auch Unterrichtsbeispiele aufgeführt.

Zum Umgang mit künstlicher Intelligenz (KI) im Schulalltag hat das Kultusministerium jetzt einen Leitfaden herausgegeben. Dieser soll Lehrkräften und Schulleitungen helfen, KI-Technologien in ihre Arbeit zu integrieren. Er steht im Internet als Download unter digitale-schule.hessen.de zur Verfügung.

Fake News und Verschwörungsideologien aufklären soll das Onlineportal „Der Fabulant“. Das Angebot hat die hessische Landesregierung zusammen mit dem gemeinnützigen Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung geschaffen. Die Seite, auf der ein Hase die Hauptfigur ist, soll zugleich unterhalten und informieren. Kritik gab es wegen vergleichsweise hoher Kosten und wenigen Nutzern und Nutzerinnen. Moniert wurden auch inhaltliche Ungenauigkeiten. Es ist erreichbar unter derfabulant.de

Zu den Partner:innen des Landes gehören unter anderem die hessischen Medienzentren, die Landeszentrale für Politische Bildung, die „Digitalen Helden“ und das Institut für Medienpädagogik und Kommunikation (MUK). pgh

Wie soll so etwas organisiert werden in der Schule, wie wir sie kennen?

Man müsste es möglich machen, dass diese Exkursionen von Eltern oder Studierenden begleitet werden dürfen. Das ist leider verboten. Und jede Grundschulklasse bräuchte ein Mikrofon, um die Gespräche aufnehmen und weiter bearbeiten zu können. Wir vom MUK machen so etwas in Schulen und auf einmal können sich Lehrkräfte das auch vorstellen, und dann ist das gar nicht mehr so schwierig.

Ist den Lehrkräften bewusst, wie wichtig die Medienkompetenz ist? Auf was stoßen sie da?

So richtig auf dem Schirm haben sie es oft nicht, das kommt ja in der Ausbildung kaum vor. Sie haben gelernt, Unterricht zu planen. Wenn wir aber in die Schule kommen, wissen wir am Anfang noch überhaupt nicht, wie es ausgeht, dennoch funktioniert es jedes Mal. Wir arbeiten ja mit Kindern und Jugendlichen, die ihre eigenen Ideen haben, wir wissen auch nicht, was bei der Recherche herauskommt. Da passieren ja Sachen. Aber bei der Lehrkraft steht oft das Bewerten im Vordergrund, schließlich müssen ja Noten gegeben werden.

Tun Sie den Lehrkräften nicht unrecht? Es gibt ja durchaus den Auftrag, die Medienkompetenz zu stärken. Das ist schließlich Teil des Lehrauftrags, der wird ja nicht einfach missachtet.

Es gibt einen Teil, der sich tatsächlich einfach verweigert. Und ja, es gibt viele, die sich bemühen. Und es gibt an einer Schule meist nicht mehr als ein oder zwei, bei denen es wirklich gelingt mit der Medienbildung. Das scheitert häufig einfach an der Fantasie der Lehrkräfte oder auch an deren Überforderung, weil sie das so nicht gelernt haben. Medienarbeit ist immer ein bisschen Chaos, ein Abenteuer, und das ist mit unserem Schulsystem nicht vereinbar.

Dann schauen wir doch zum Schluss noch einmal raus aus den Klassenräumen. Kann man Kinder und Jugendliche dort für Aufklärung und seriöse Nachrichten erreichen oder geht das im digitalen Überangebot unter?

Ich habe dafür keine wissenschaftliche Zahl. Aber es sind vielleicht 20 Prozent, die man ansprechen kann. Das ist bei den Eltern ja nicht anders. Da rufen Eltern an einer Schule nach einem Elternabend zu diesen Themen und von 100 Eingeladenen kommen vielleicht 20. Man kann sie nicht zwingen, und bei den jungen Leuten ist es ähnlich, weil Bildung ja auch immer ein bisschen anstrengend ist. Dem gehen viele aus dem Weg, sagen, das interessiert mich nicht, ich will mehr Spaß, und das ist mir alles zu komplex mit der Politik und so. Wenn man das ändern will, muss man tatsächlich schon in der Grundschule anfangen, auf solche Themen mit Spaß vorzubereiten. Die Lehrkräfte muss man anders ausbilden oder weiterbilden, damit man das schafft. Die Welt hat sich verändert, die Ausbildung nicht.

Ihr Fazit ist recht pessimistisch: 80 Prozent, die man heute nicht erreicht. Was macht man da?

Man muss dennoch immer wieder Angebot machen. Das ist doch klar. Wir brauchen Begegnungen. Wir müssen mehr miteinander reden, die Sprechkultur hat stark abgenommen. Aber Zahlen und Fakten allein wecken kein Interesse. Ich glaube schon an die Kraft der Gruppe, man kann Leute mitziehen, wenn man einige erreicht. Aber dafür müssen die Angebote sich ändern. Die müssen spannender werden, die müssen Menschen auch verändern können, sie emotional ansprechen. So funktioniert die Medienwelt heute in vielen Bereichen.

Peter Holnick (60) ist Geschäftsführer des Instituts für Medienpädagogik und Kommunikation Hessen (MUK) mit Sitz in Darmstadt.

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