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Die Region ohne VW kann sich niemand vorstellen. Die Ankündigung des Konzerns, eventuell ganze Werke zu schließen, sorgt nicht nur in Baunatal für Entsetzen vor der Betriebsversammlung.
Baunatal – Die meisten Mitarbeiter des VW-Werks in Baunatal kommen aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Der Standort hat aber für die gesamte Region eine immense Bedeutung. Wir haben uns bei Mitarbeitern, Politikern und Experten umgehört.
Der Bürgermeister
Wenn man wissen will, welche Bedeutung das VW-Werk in Baunatal für die Region hat, hilft ein Blick auf den Lebenslauf des Bürgermeisters von Edermünde. Thomas Petrich hat mehr als 33 Jahre bei VW gearbeitet. 1980 hat er eine Ausbildung als Industriekaufmann begonnen, später kümmerte er sich um das Marketing im Ersatzteilbereich, vier Jahre war er Referent des Betriebsratsvorsitzenden Karl-Heinz Mihr, und seit 2014 ist der Sozialdemokrat Bürgermeister der Baunataler Nachbargemeinde Edermünde. VW prägt das Leben des 61-Jährigen.
Jeder vierte der 8000-Einwohner im Norden des Schwalm-Eder-Kreises arbeitet bei VW. Die Zulieferer sind da noch nicht eingerechnet. Die Kaufkraft der Beschäftigten, rechnet Petrich vor, hält hier praktisch den gesamten Handel am Laufen. Wie alle anderen war der Bürgermeister „geschockt“, als er am Montag die Nachricht hörte, dass der Konzern den Beschäftigungspakt aufkündigen könnte und sogar Werkschließungen nicht auszuschließen seien. Das Aus für das Werk in Baunatal wäre für Petrich ein Schreckensszenario: „Die Folgen für die Region möchte ich mir nicht ausmalen.“
Als langjähriger VWler beschäftigt den Politiker auch die Art und Weise, wie der Vorstand mögliche Folgen verkündete: „Früher hat VW immer die Mannschaft mitgenommen.“ Für Petrich war das eine Unternehmenskultur. Nun sei der Betriebsrat nicht eingebunden gewesen. Der Bürgermeister weiß, dass VW wie die gesamte Autoindustrie vor einem fundamentalen Wandel steht. Er hofft, dass man die Krise gemeinsam bewältigt.
Die Wirtschaftsförderer
Wie wichtig die Automobilwirtschaft und besonders VW für die Region sind, zeigt Kai Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel, an einer Studie des Bundeswirtschaftsministeriums auf. Die fand heraus, dass in der Stadt und im Landkreis Kassel etwa 30 500 Erwerbstätige direkt oder indirekt in dieser Branche tätig sind – also entweder bei VW oder Mercedes oder bei einem Zuliefererbetrieb.
„Die Universität hat den Faktor drei bis vier errechnet. Das heißt, dass dahinter noch drei bis vier Mal so viele Menschen hängen“, erklärt Wittrock. „Das ist in der Region mindestens eine hohe fünfstellige Anzahl an Menschen.“ Bundesweit seien laut dem Wirtschaftsförderungs-Geschäftsführer etwa 3,6 Prozent der Arbeitnehmer in der Automobilindustrie beschäftigt. In Kassel und Umgebung seien es jedoch beinahe 10 Prozent.
Die Ankündigung, eventuell Mitarbeiter zu entlassen, ist laut Wittrock nicht gänzlich überraschend, da sich der Konzern in die industriepolitische Entwicklung in ganz Deutschland einreihe. Die Rahmenbedingungen seien hier oft deutlich ambitionierter als an ausländischen Standorten. Dennoch spreche viel für den Standort Baunatal. „Hier wird die Elektromobilität nicht nur entwickelt, sondern auch produziert“, sagt Wittrock. „Das Knowhow aus diesem Prozess fließe anschließend an die weltweiten VW-Standorte, so zum Beispiel auch in den nordamerikanischen oder südostasiatischen Markt.
Der Dezernent
Nicht nur Baunatal ist von VW geprägt, sondern auch die Großstadt Kassel. Deren Wirtschaftsdezernent Matthias Nölke (FDP) sagt: „Der gesamte Wirtschafts- und Arbeitsstandort Kassel wird durch das VW-Werk attraktiver, innovativer und wettbewerbsfähiger.“ Neben seiner wichtigen wirtschaftlichen und sozialen Rolle als Arbeit- und Auftraggeber trage das VW-Werk mit seiner Belegschaft zum hohen Aufkommen aus der Gewerbe-, Einkommen- und Umsatzsteuer in Kassel bei.
Der Prominente
Tobias Damm ist einer der bekanntesten Mitarbeiter bei VW. Als Fußballer spielte der Familienvater aus Homberg im Schwalm-Eder-Kreis für Mainz 05 in der Bundesliga. Bis vorigen Herbst trainierte er den Viertligisten KSV Hessen Kassel. Nun ist er beruflich ausschließlich Sachbearbeiter für den VW-Betriebsrat. Damm kennt viele Kollegen, die wie er von weither nach Baunatal pendeln: „VW hat für die Region einen riesigen Stellenwert. Da geht es nicht nur um die 15 500 Mitarbeiter, sondern auch um Familien und Freunde, die dahinter stehen.“
Die Ankündigung von möglichen Werkschließungen nimmt er ernst, aber er glaubt nicht, dass es so weit kommt. Vor der Betriebsversammlung am Mittwoch ist er gespannt, welchen Plan der Vorstand dort vorstellen wird. Denn: „In den letzten Jahren gab es keinen vernünftigen Plan. Beim Umstieg auf die E-Mobilität hat man die falschen Weichen gestellt.“ Und er hofft auf eine große Solidarität: Alle, die am Mittwoch arbeiten, sollten bei der Betriebsversammlung sein.
Der Experte
Aufgrund der Brisanz des Themas wollen nicht alle Ansprechpartner mit Namen genannt werden. Für einen ehemaligen hochrangigen VW-Mitarbeiter sei die Nachricht zwar überraschend gewesen, da der Konzern aber schon vor einiger Zeit kommuniziert hatte, 20 Prozent der Personalkosten einsparen zu wollen, sei klar gewesen, dass dies nur über den Abbau von Personal machbar sei.
Zwar trage auch die Leitung des Unternehmens ihren Teil dazu bei, jedoch hätte die gesamte Automobilindustrie sowie die Regierung auf Elektromobilität gesetzt, was laut dem ehemaligen Mitarbeiter zu früh passiert wäre.
Um den Standort in Baunatal mache er sich aber keine großen Sorgen. „Der Konzernvorstand wird nicht dorthin fahren, wo das Dach brennt“, sagt der ehemalige VWler. Die Getriebe aus Baunatal würden gut laufen. Gefährdet sieht er eher die Montagestandorte in Osnabrück und Dresden. (Fabian Diekmann, Matthias Lohr)
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