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Seit 135 Jahren ist Frankfurt einer der wichtigsten Verkehrsknoten Europas. Täglich passieren rund eine halbe Million Menschen die gewaltigen Hallen.
Frankfurt – Reisende mit großen Koffern drängeln durch die Halle, Familien verabschieden sich am Gleis, Pendler:innen eilen zielsicher durch die Menge. Es herrscht reges Treiben am Hauptbahnhof in Frankfurt. Kein Wunder, denn bereits seit seiner Eröffnung am 18. August 1888 ist er einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Deutschlands und Europas. Am Freitag (18. August) wird das imposante Bauwerk, das täglich von rund einer halben Million Menschen passiert wird, 135 Jahre alt.
Über kaum einen anderen Bahnhof in Deutschland erzählt man sich so viele Geschichten wie über den Frankfurter Hauptbahnhof, und nicht alle sind sie schön. Das hat sicherlich auch mit den prekären Zuständen im umliegenden Bahnhofsviertel zu tun. Gerade für Obdachlose ist die Bahnhofshalle eine von wenigen Möglichkeiten in der Stadt, sich eine Weile im Trockenen auszuruhen.
Frankfurter Hauptbahnhof: Hier finden Menschen in Not Hilfe
Direkt auf Gleis eins an der Südseite des Gebäudes, zwischen ankommenden und abfahrenden Zügen, finden Menschen, die in Not geraten sind, Hilfe. In der traditionsreichen Frankfurter Bahnhofsmission stehen ihnen die Mitarbeitenden rund um die Uhr für ein vertrauensvolles Gespräch zur Seite.
Eine, die das Gewusel am Hauptbahnhof sehr gut kennt, ist Saskia Schmidt. Sie arbeitet seit 13 Jahren in der Touristeninformation links neben dem Haupteingang. Tagein, tagaus kommen Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen zu ihr.
Touristen könne sie einfach einen Stadtplan in die Hand drücken und kurz erklären, wo sie hinmüssten. Mit Drogenabhängigen sei ihr der Umgang gerade in ihrer Anfangszeit aber nicht leicht gefallen, sagt sie. Doch inzwischen habe sie gelernt, die Situationen „deeskalierend anzugehen und immer wieder mit Humor zu nehmen“. Den Notknopf unter ihrem Tisch hat sie in den vergangenen 13 Jahren tatsächlich nur zweimal drücken müssen. „Ich arbeite gerne hier, zu Hause habe ich immer etwas zu erzählen“, sagt sie und lacht.
Chronologie
1888 wurde der Bahnhof offiziell in Betrieb genommen.
1888 gab es einen Zwischenfall am Abend des Eröffnungstages: Ein Zug konnte nicht richtig bremsen und durchbrach den Prellbock.
1924 wurden zwei neue Gleishallen sowie die Seitenflügel errichtet.
1944 wurde der Bahnhof massiv bombardiert. Später wurden die ehemaligen Glasflächen mit Holz geschlossen, um die Fahrgäste gegen Regen zu schützen.
1957 eröffnete die Bahn einen 22 Meter hohen Stellwerksturm. Dort befand sich das bis dahin größte und modernste Gleisbildstellwerk Europas.
1978 wurde die B-Ebene in Betrieb genommen. Zeitgleich entstand ein Luftschutzbunker unter dem Bahnhof.
1991 führte die Deutsche Bahn den ICE-Verkehr ein.
2005 wurde ein neues Stellwerk eingeweiht, das das vorherige ersetzte.
2006 erneuerte man die Dächer der Bahnsteighallen. Seitdem ist das Dach wieder fast vollständig aus Glas.
2007 wurde der Fußboden im Bahnhofsgebäude durch schwarzen Granit ersetzt.
2010 wurde der Bahnsteig 12/13 neu gebaut.
2020 begann die Umgestaltung der B-Ebene und der Empfangshalle.
Heute nutzen täglich rund 500.000 Menschen den Frankfurter Hauptbahnhof.
Frankfurter Hauptbahnhof: Alle Reisenden haben die gleichen Fragen
An Gleis 18 des Kopfbahnhofs fährt in wenigen Minuten der Regionalexpress 98 in Richtung Kassel Hauptbahnhof ab. Ganz vorne sitzt Kemal Sungur im Führerstand. Ist er nicht auf der falschen Seite? Der Zug fährt doch in die andere Richtung! „Nein, nein, ich bin der Kontrolleur“, erwidert er. Jetzt kurz vor Abfahrt wird er von Reisenden umlagert, die alle die gleichen Fragen an ihn haben.
Wo werden die Zugteile getrennt? Und wo sollen sie sitzen? „In Frankfurt fragen viele auf Englisch, in Gießen und Kassel ist das nicht so“, erklärt er. Obwohl er den Job erst seit drei Monaten macht, hilft er den Leuten routiniert und freundlich weiter.
Reisende wie Christel aus Bad Homburg, deren Zug heute gar nicht erst gekommen ist, erhalten am Service Point oder im Reisezentrum der Deutschen Bahn (DB) Auskunft über ihre Weiterreise. Eine lange Schlange steht hier. Alle warten auf Informationen, die Mitarbeitenden der DB sind sehr beschäftigt. Christel ist sauer. Regelmäßig fahre sie mit dem ICE von Frankfurt nach München, um ihre Familie zu besuchen. Das Gebäude gefalle ihr sehr, doch sicher fühle sie sich als Alleinreisende nur noch in der Bahnhofsbuchhandlung. „Leider kann ich den Bahnhof nicht abkoppeln vom Zugsystem der Deutschen Bahn“, sagt sie. Der Zustand des Unternehmens spiegele den Verfall des Landes.
Hauptbahnhof Frankfurt: Einer der schönsten Bahnhöfe Deutschlands
Als der Bahnhofsneubau 1888 eröffnete, sollte er Fortschritt, Modernität und Wohlstand in einer wichtigen Messe- und Handelsstadt zeigen. Bis heute sei der Frankfurter einer der schönsten Bahnhöfe Deutschlands, sagt Susanne Kill, Leiterin der Abteilung Unternehmensgeschichte der Deutschen Bahn in Berlin.
Wie war das wohl 1888? Würden sich Reisende aus diesem längst vergangenen Jahr wohl noch zurechtfinden im Hauptbahnhof anno 2023? Susanne Kill ist da ganz zuversichtlich. „Es gibt eine innere Logik, die sich im Ort widerspiegelt. Die hat sich bis heute erhalten und erklärt sich von selbst“, sagt sie.
Vieles ist aber doch ganz anders. Staunen würden Reisende aus dem vorletzten Jahrhundert wohl auch über voll gestellte Bahnsteige, digitale Fahrscheinautomaten oder Infotafeln. Die Bahn nutzte auch die Nebenräume, den Bauch des Bahnhofs, viel intensiver. Verschwunden sind die Bahnsteigsperren, wo man seine Fahrkarte vorzeigen musste, um zum Zug zu kommen, verschwunden sind auch viele der bahneigenen Serviceleistungen, öffentliche Wartesäle und Ähnliches. „Die Halle war ursprünglich viel leerer. Es gab aber zahlreiche Gepäckträger, eine große Gepäckaufbewahrung und zahlreiche Gaststätten erster, zweiter und dritter Klasse, so wie es bis in die 1950er Jahre auch drei verschieden teure Tarife gab“, berichtet Kill.
Frankfurter Hauptbahnhof: Kultur des schnellen Essens
Heute prägen kleine Geschäfte und viele Imbissbuden das Bild der riesigen Halle mit ihrer stählernen Dachkonstruktion. „Diese Kultur des schnellen Essens ist noch nicht so alt“, sagt die promovierte Historikerin.
Am Crêpes-Stand zum Beispiel arbeitet John Valen aus Myanmar seit fünf Jahren. Die meisten seiner Pfannkuchen verkauft er an Schüler:innen „und Menschen, die ein heißes Frühstück mögen“. Er nimmt die Veränderung durch das Deutschlandticket deutlich wahr. „Das ist gut fürs Geschäft, ich habe viel mehr Kundschaft“, sagt er.
Auch nach 135 Jahren beeindruckt die gewaltige Fassade des Bahnhofs, die an Sakralbauten erinnert. „Der Frankfurter Hauptbahnhof hat sogar drei gewaltige Schiffe wie eine Kirche“, sagt Kill. Nicht umsonst spreche man von den Bahnhöfen der Kaiserzeit als „Kathedralen des Fortschritts“. Die großen Bahnhöfe, die in der Zeit nach 1870 überall in Deutschland entstanden, wurden oft weit außerhalb der damaligen Innenstädte gebaut. „So entstanden neue Herzen der Städte, neue Zentren wie in Frankfurt, wo zeitgleich die Kaiserstraße als moderner Boulevard und Gegensatz zur historischen Innenstadt gebaut wurde“, sagt die Historikerin. (Selma Oestringer und Andreas Hartmann)
Rubriklistenbild: © Renate Hoyer


