Randale

Protokolle eines schlimmen Abends bei der Eintracht

+
Das Verhältnis zwischen der Frankfurter Fanszene und der Polizei ist schlecht.
  • schließen

Ende November gab es im Waldstadion heftige Auseinandersetzungen zwischen Eintracht-Fans und der Polizei. Wie nun veröffentlichte Schilderungen zeigen, gingen die Einsatzkräfte massiv gegen Unbeteiligte vor.

Da ist dieser Lehrer. Bestimmt kein Gegner der Polizei. An diesem Samstagabend steht er mit seinem achtjährigen Sohn in der Nordwestkurve. Hinter der Kurve tobt die Schlacht. Fußballfans gegen die Polizei. Der Lehrer hat Angst, die Randale könnte sich in die Kurve verlagern. Der Sohn hat noch größere Angst.

Der Vater will das Kind ablenken, redet mit ihm ganz viel über das Spiel. Die Eintracht tritt gegen den VfB Stuttgart an. Aber der Junge weiß, dass etwas nicht stimmt. Er merkt, dass das Spiel an diesem regnerischen Novemberabend längst zur Nebensache geworden ist, weil ein paar Meter von ihm entfernt Menschen schwer verletzt wurden. Erst in der zweiten Halbzeit beruhigt sich die Lage. Später wird Eintracht-Spieler Timothy Chandler dem Jungen noch seinen Schal schenken, den Ersatzspieler tragen. Dass das Kind demnächst wieder zur Eintracht gehen wird, ist dennoch nicht zu erwarten.

Da ist dieser Eintracht-Fan, der sagt, er sei selbst zehn Jahre lang bei einer Spezialeinheit gewesen. Er kommt zu einem eindeutigen Schluss: „Der Einsatzleiter hat hier definitiv versagt.“

„Egal, wo wir hin wollten, von allen Seiten kam Pfefferspray, und wir mussten aufpassen, nicht von Schlagstöcken getroffen zu werden.“

Bericht eines Fans

Da sind die beiden Ersthelfer. Einer von ihnen ist ausgebildeter Sanitäter, so steht es im Protokoll. „Meine grundlegende Haltung war schon immer pro Polizei“, schreibt sein Kumpel. Sie wollen sich um die Verletzten kümmern, weil die Rettungsdienste hinter der Nordwestkurve völlig überfordert sind. Doch das ist kaum möglich, sie bekommen keine Unterstützung seitens der Polizei. Im Gegenteil, sie werden noch angegriffen. Im Protokoll schreiben sie: „Jeder Versuch zur Kontaktaufnahme mit den Polizisten in der ersten Reihe scheiterte, da diese völlig adrenalingesteuert auf alles einprügelten, was sich vor ihnen befand“.

Anderthalb Monate ist das Spiel der Eintracht gegen den VfB Stuttgart jetzt her. Während der Partie gab es Auseinandersetzungen zwischen Fans und der Polizei, wie es sie in dieser Intensität im Waldstadion zuvor noch nie gegeben hatte. Nun hat die Initiative „Der 13. Mann“, die Eintracht-Fans unter anderem in Rechtsfragen berät, den Medien die Protokolle von Zuschauer:innen des Spiels vorgelegt. Die Schilderungen unterscheiden sich in vielen Punkten von der Darstellung des Einsatzes, die die Polizei wenige Tage nach dem Spiel auf einer Pressekonferenz gegeben hatte.

„Es herrschte regelrecht Panik im Zugangstunnel von Block 38, und die Beamten sprühen da noch Pfeffer rein.“

Bericht eines Fans

In fast allen 139 Protokollen ist von massiver Polizeigewalt die Rede. Deutlich wird vor allem: Offenbar sprühten die Beamtinnen und Beamten hinter der Nordwestkurve wahllos mit Pfefferspray herum. Getroffen wurden sowohl gewalttätige Fans, die auf die Polizei losgegangen waren, als auch jede Menge Unbeteiligte, die auf dem Weg zu ihren Plätzen, zum nächsten Getränkestand oder zur Toilette waren.

Anlass des Polizeieinsatzes war der Angriff von Eintracht-Fans auf einen zivil gekleideten Ordner. In einigen Protokollen wird diese Attacke scharf verurteilt.

„Es war das erste Mal, dass ich mich im Stadion nicht sicher gefühlt habe. Und das wegen der Polizei, nicht wegen der anderen.“

Bericht eines Fans

Klar wird aber auch: Als die Polizei kam, war der Ordner nicht mehr in Gefahr. Und als die Beamtinnen und Beamten dann mit allen möglichen Wurfgeschossen attackiert wurden, zogen sie sich nicht sofort zurück, um die Lage zu deeskalieren. Vielmehr entwickelte sich eine etwa 30-minütige gewalttätige Auseinandersetzung mit zahlreichen Verletzten (laut der Statistik des „13. Manns“ mindestens 100 Personen), die mit der Randale überhaupt nichts zu tun hatten. „Kinder, Frauen, ältere Personen haben teilweise panisch geschrien“, heißt es in einer Schilderung.

Frankfurter Polizei: „Es gibt nichts Neues zu berichten.“

Über die unterschiedlichen Sichtweisen auf den Einsatz hätte die FR gerne auch mit der Frankfurter Polizei geredet. So wie es journalistisch geboten ist. Den Wunsch nach einem Gespräch mit einem Verantwortlichen lehnte die Behörde jedoch ab. Von der Pressestelle hieß es: „Aus unserer Sicht haben wir in dieser Sache ausreichend kommuniziert, unser Standpunkt ist klar und hat sich nicht verändert. Darüber hinaus gibt es derzeit in dieser Causa auch nichts Neues zu berichten.“

So bleibt die Sicht der Fans – und die Frage, warum eigentlich mehr als 100 Menschen über den „13. Mann“ von Polizeigewalt berichten, aber so gut wie keine Strafanzeigen gegen Einsatzkräfte vorliegen. Ina Kobuschinski, die Vorsitzende des Fanclubverbands, hat darauf eine einfache Antwort: „Spätestens jetzt haben die Fans jedes Vertrauen in die Polizei verloren.“

Ina Kobuschinski vom Fanclub-Verband.

Drei Eintracht-Heimspiele gab es seit der Randale bereits. Bei allen Partien blieb es ruhig. Ina Kobuschinski hofft, dass es auch so bleibt. Damit mögliche Scharmützel zwischen Fans und der Polizei nicht immer zu einer Vielzahl von Verletzten auf beiden Seiten führen, hat sie eine klare Forderung: „Pfefferspray muss im Fußballstadion tabu sein, auch für die Polizei.“

Kommentare