VonGeorg Leppertschließen
Die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Elke Voitl über Angebote im Bahnhofsviertel, erste Erfolge und eine Waffenverbotszone.
Frankfurt – Über keinen anderen Frankfurter Stadtteil wird so viel und so heftig diskutiert wie über das Bahnhofsviertel. Gesundheitsdezernentin Elke Voitl (Die Grünen) hat nun ein fünf Millionen schweres Sofortprogramm auf den Weg gebracht, um Drogenkranken zu helfen.
Frau Voitl, Sie haben zuletzt im Zusammenhang mit dem Bahnhofsviertel von Wahlkampfgetöse gesprochen. Inwieweit ist die Diskussion über den Stadtteil geprägt von der anstehenden Landtagswahl?
Es wird eine öffentliche Diskussion geführt, die sehr oberflächlich ist. Dabei wäre ein differenzierter Blick auf das Viertel notwendig. Wir reden ständig über Drogenkranke. Das sind ungefähr 300 Abhängige. Aber im Stadtteil wohnen und arbeiten viel mehr Menschen. Es leben dort alleine 300 Kinder, es gibt Obdachlose, Prostituierte, Freier. Das ist das Bahnhofsviertel, und wir sollten alle Gruppen in den Blick nehmen.
Aber Fakt ist doch, dass Not und Elend im Viertel zugenommen haben.
Ja, das ist insbesondere seit dem ersten Lockdown in der Pandemie so. Für einen kurzen Zeitraum mussten wir Hilfseinrichtungen schließen. In dieser Zeit haben wir Kontakte zu drogenkranken Menschen verloren. Während wir uns in unsere sicheren Wohnungen zurückgezogen haben, haben diese Menschen den Lebensraum Straße genutzt. Sie haben sich dort als eine Gemeinschaft verstanden, die sich schützt.
Also stimmen Sie zu, wenn etwa im Wahlkampf gesagt wird, die Situation im Viertel sei schlimm?
Es ist immer schlimm, wenn Menschen leiden. Und das tun die Drogenabhängigen dort. Deshalb müssen wir ihnen helfen. Auch damit andere Gruppen ein besseres Leben haben. Etwa Passantinnen und Passanten, die durchs Viertel gehen und Angst haben, was ich gut verstehen kann.
Ihr Sofortprogramm sieht mehr Öffnungszeiten in Hilfseinrichtungen und kostenlose Utensilien zum Crack-Konsum vor. Aus der CDU heißt es, so würden Anreize für Crackabhängige geschaffen, nach Frankfurt zu kommen. Können Sie das nachvollziehen?
Nein. Die Anreize sind doch nicht unsere Hilfsangebote. Die Leute kommen nach Frankfurt, weil sie hier die Drogen kaufen können. Aber natürlich sehe ich auch das Umland in der Pflicht, Angebote zu schaffen. Die Hälfte der Abhängigen im Bahnhofsviertel kommt nicht aus Frankfurt.
Aber die Forderung etwa nach Konsumräumen im Umland ist doch alt. Die Frankfurter Nachbarkommunen folgen ihr aber nicht, und Sie haben keine rechtliche Handhabe …
Ich sehe das nicht ganz so kritisch. Ich bin Mitglied im Hessischen Städtetag. Die Frankfurter Probleme werden dort durchaus gesehen, insofern hoffe ich mittelfristig durchaus auf Einrichtungen im Umland. Aber davon abgesehen: Was ist die Alternative? Was sollen wir tun? Sollen wir Drogenkranken nicht helfen, weil wir die Not und das Elend nicht sehen wollen? Das ist mit mir nicht machbar. Es ist wichtig, dass es jetzt Tagesbetten gibt, es ist nötig, dass die medizinische Ambulanz lange Öffnungszeiten hat. Und es gibt ja auch Erfolge unserer Drogen- und Sozialpolitik. Nur werden die im Wahlkampf nicht thematisiert.
Frankfurter Gesundheitsdezernentin über das Bahnhofsviertel: „Es gibt viel zu viel Verkehr im Stadtteil“
Zum Beispiel?
Wir haben vor einiger Zeit festgestellt, dass es mehrere Drogenabhängige im Rollstuhl im Bahnhofsviertel gibt. Deren Behinderung dürfte eine Folge ihrer Sucht sein. Die haben im Freien im Rollstuhl geschlafen. Da haben wir Hotelzimmer mit wenigen Barrieren für sie angemietet. Und wir haben einen Pflegedienst beauftragt, der sich vor allem um die Wunden der Menschen kümmert. Das Angebot wurde angenommen, zuerst von vier Rollstuhlfahrern, mittlerweile von neun. Die schlafen nicht mehr draußen, und ihre Wunden sind fast vollständig verheilt.
Zum Frankfurter Weg in der Drogenpolitik gehört auch die Repression. Kommt die zu kurz, wie im Wahlkampf oft behauptet wird?
Nein, überhaupt nicht. Repression ist ein wichtiger Bestandteil des Frankfurter Wegs. Dazu stehe ich absolut. Ich bin in engem Austausch mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft und natürlich mit Ordnungsdezernentin Annette Rinn. Sie hat ja gerade berichtet, dass die Zahl der Kontrollen seit Dezember um 30 Prozent gestiegen ist. Das ist gut so.
Bei der derzeit wohl wichtigsten Forderung der CDU, einer Waffenverbotszone, legt aber Ihre Partei ihr Veto ein.
Wer glaubt, mit zwei einzelnen Maßnahmen, einer Waffenverbotszone und mehr Videoüberwachung, die Probleme im Bahnhofsviertel lösen zu können, hat diesen Stadtteil nie verstanden.
Wobei die CDU sagt, eine Waffenverbotszone sei nur ein Schritt, aber ein wichtiger …
Wir haben das Thema bereits gründlich diskutiert und können es von mir aus auch nochmal diskutieren. Ich sage aber: Eine Waffenverbotszone wird keine Probleme lösen. Wichtiger wäre, über die langfristige Zukunft des Bahnhofsviertels zu reden. Und da geht es absolut nicht nur um Drogenpolitik.
Sondern?
Wir haben eine Umfrage im Viertel gemacht. Wissen Sie, was als größtes Problem genannt wurde? Nicht die Drogenabhängigen. Sondern der Verkehr. Es gibt viel zu viel Verkehr im Stadtteil. Gerade sinnlosen Verkehr von Leuten, die ihre Autos präsentieren oder mal an Bordellen vorbeifahren wollen. Auch an diesen Problemen müssen wir arbeiten. Das Bahnhofsviertel hat enormes Potenzial. Es ist fatal, wenn wir es im Wahlkampf auf die Drogenproblematik reduzieren – der reduzierte Blick wird dem Viertel überhaupt nicht gerecht.
Das Interview führte Georg Leppert.
Rubriklistenbild: © Monika Müller

