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Thevagar Mohanadhasan aus Kassel will Vize-Bundeschef der Jusos werden und sieht sich als Vorbild. Der 28-Jährige sagt: „Auch wenn man aus der Armut kommt, kann man es schaffen.“
Kassel – Thevagar Mohanadhasan weiß, was man von einem angehenden Vize-Bundesvorsitzenden der Jusos erwartet. Die Jugendorganisation der SPD reibt sich seit jeher mit der Partei. So sagt der 28-Jährige aus Kassel, dass die Sozialdemokraten in der Berliner Ampelkoalition zwar viele Fortschritte erreicht hätten wie die Anhebung des Mindestlohns. Sehr viel länger übt er dann aber eindeutige Kritik an der Regierung unter Kanzler Olaf Scholz.
Es werde an den falschen Stellen gespart, etwa im Kinder- und Jugendplan. Die Schuldenbremse müsse abgeschafft werden. Zudem rät der Nachwuchsmann: „Die Ampel sollte weniger nach außen streiten und mehr miteinander verhandeln.“ Mit seiner Kritik könnte Mohanadhasan vom 17. bis 19. November auf dem Bundeskongress in Braunschweig punkten, wo die Jusos einen neuen Vorstand wählen und der Nordhesse als Vize-Chef kandidiert.
„Die Ampel sollte weniger nach außen streiten“: Juso aus Kassel will stellvertretender Bundesvorsitzender werden
Mohanadhasan, den die meisten Genossen nur Thiva nennen, schätzt seine Chancen als nicht schlecht ein. Er ist bereits kooptiertes Mitglied im Bundesvorstand und im Unterbezirksausschuss der SPD Diversitätsbeauftragter. Schlagzeilen machte er zum ersten Mal im November vorigen Jahres, als er bei der Wahl der SPD-Direktkandidaten für die Landtagswahl gegen Esther Kalveram antreten wollte. Das fanden viele in der damals zerstrittenen Partei nicht gut. Mohanadhasan zog seine Kandidatur zurück. Heute sagt er zu den Gründen: „In manchen Momenten muss man seinen eigenen Anspruch dem Parteifrieden unterordnen.“
Der Student hat eine bewegende Familiengeschichte. Seine Eltern kamen in den Neunzigerjahren als tamilische Bürgerkriegsflüchtlinge aus Sri Lanka nach Kassel. Als Mohanadhasan vier Jahre alt war, starb seine Mutter nach einer Gas-Explosion in der Wohnung. Der Vater zog die drei Kinder allein auf, hatte einen Supermarkt in der Nordstadt und später eine Pizzeria. „Ich bin an der Kasse aufgewachsen“, sagt Mohanadhasan. Auch deshalb hat er bei Lidl die Einarbeitung zum Verkaufsleiter im Lebensmitteleinzelhandel gemacht. In Göttingen hat er Philosophie und Wirtschaft studiert, mittlerweile ist er für Globale Politische Ökonomie und Entwicklung in Kassel eingeschrieben.
Juso aus Kassel vor Kandidatur für Bundesvorstand: „Ich bin breit aufgestellt“
Mohanadhasan ist selbstbewusst und sagt über sich: „Ich bin breit aufgestellt.“ Und: „Ich möchte ein Vorbild sein und zeigen: Auch wenn man aus der Armut kommt, kann man es schaffen.“ In die SPD ist er bereits 2014 eingetreten, als Martin Schulz Spitzenkandidat im EU-Wahlkampf war und für ein Europa der sozialen Gerechtigkeit warb. Das beeindruckte Mohanadhasan. Eine andere Partei kam für ihn danach nicht mehr infrage: „Nur in der SPD ist die Breite der Gesellschaft zuhause – von Arbeitern am Fließband bis zu Akademikern.“
Ähnliches gilt auch für die Jusos, die mit Johannes Gerken vor einigen Jahren schon einmal einen Kasseler als einen von mehreren Vize-Chefs hatten. In Braunschweig müssen sie im November auch einen Nachfolger für die Vorsitzende Jessica Rosenthal wählen, die sich wegen der Geburt ihres Kindes zurückzieht. Das Rennen zwischen Phillipp Türmer (Offenbach) und Sarah Mohamed (Bonn) gilt als offen.
„Keine Zusammenarbeit mit Faschisten“: SPD-Jugendorganisation wählt neuen Bundesvorstand
Mohanadhasan kann sich gut mit der Bewerbung der Rheinländerin identifizieren, wie er sagt. Beide haben den Kampf gegen Rassismus und gegen Rechts auf ihre Fahnen geschrieben. Mit Blick auf die CDU und deren Umgang mit der AfD sagt der Kasseler: „Es darf keine Zusammenarbeit mit Faschisten geben.“ Er selbst erlebt im Alltag immer wieder Rassismus – etwa bei der Wohnungssuche.
Fragt man ihn, was er einmal beruflich machen will, sagt er: „Die Politik kann eine Berufsoption sein.“ Falls das nicht klappt, gäbe es eine Alternative. Auf der Seite der Jusos wird der Besitzer zweier Hunde als „professioneller Spaziergänger“ vorgestellt. (Matthias Lohr)
Studierende in Kassel, die das Semesterticket haben, zahlen ab Oktober drauf, wenn sie das Deutschlandticket nutzen wollen.
