- VonHeidi Niemannschließen
In einem millionenschweren Anlagebetrug über das Internet verliert ein Göttinger Senior eine hohe Summe. Er sagt vor Gericht aus.
Göttingen – Im Prozess um einen millionenschweren Online-Anlagebetrug hat vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Göttingen als erster Zeuge jener Mann ausgesagt, der vor mehr als drei Jahren das Strafverfahren ins Rollen gebracht hatte.
Der 81-jährige Allgemeinarzt aus Göttingen berichtete, dass er insgesamt rund 246.000 Euro verloren habe.
Opfer erstattet Strafanzeige
Als er gemerkt habe, dass er Betrügern auf den Leim gegangen war, habe er sich nicht geschämt und versteckt: „Ich habe das einzig Richtige getan und Strafanzeige erstattet.“
In dem Prozess müssen sich vier Männer – zwei 37 und 40 Jahre alte Israelis, ein 30-jähriger Bulgare und ein 52 Jahre alter israelisch-rumänischer Staatsbürger – wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betruges sowie Bildung einer kriminellen Vereinigung verantworten.
Vermutlich mehr als 5600 Geschädigte in Deutschland
Insgesamt sollen sie allein in Deutschland mehr als 5600 Personen geschädigt und dabei mehr als 23 Millionen US-Dollar sowie einen weiteren Betrag von mehr als 2,2 Millionen Euro erlangt haben. Weltweit soll das kriminelle Netzwerk mehr als 33.000 Geschädigte um über 89 Millionen Euro geprellt haben.
Der 81-jährige Opfer war der morgendlichen Lektüre eines Artikels über die frühere SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles auf die angeblich gewinnträchtige Trading-Plattform fx-Leader aufmerksam geworden.
Zunächst ein Klick im Internet
Er habe dann auf den Link geklickt und seine Daten eingegeben. Wenig später habe er einen Anruf erhalten. Zunächst habe er 200 Euro eingezahlt.
Dies war der Mindestbetrag, um das Kundenkonto aktivieren zu können. Nachdem er später weitere Beträge von 1000 und 6000 Euro eingezahlt hatte, habe sich ein „persönlicher Berater“ bei ihm gemeldet. Dieser habe ihn dazu animiert, höhere Summen zu investieren, weil sich nur so Gewinne erzielen ließen.
Freundliche Callcenter-Mitarbeiter
Die Callcenter-Mitarbeiter seien sehr freundlich, sehr gut geschult und sehr überzeugend gewesen, sagte der Zeuge. „Was sie da vorgaben, klang zunächst glaubhaft.“ Man habe vereinbart, „dass fx-Leader für mich handelt“, und zwar mit Währungspaaren, Indizes und Rohstoffen. „Die hatten dabei freie Hand.“ Er habe auf Anraten der vermeintlichen Berater in mehreren Tranchen insgesamt knapp 250 000 Euro angelegt.
Zunächst habe alles nach einer lukrativen Geldanlage ausgesehen. Beim Abgleich mit den offiziell veröffentlichten Kursen habe er festgestellt, dass an dem jeweiligen Tag und zu der Uhrzeit keine derartigen Handelsaktivitäten festzustellen waren. „Da habe ich gemerkt, dass das alles gar nicht funktionierte.“
Angeblich zurückgezahltes Geld kommt nie an
Der 81-Jährige hatte daraufhin versucht, eingezahlte Beträge zurückzubekommen. Auf den im Internet angezeigten Kontoauszügen seien dann auch Rückzahlungen verbucht gewesen. „Das Geld ist aber nie auf meinem Konto angekommen“, berichtete er.
Die Callcenter-Mitarbeiter hätten immer neue Ausreden gefunden, warum es mit den angeblichen Überweisungen nicht geklappt habe. Inzwischen ist dem 81-Jährigen klar, dass er einen Totalverlust erlitten hat. „War schmerzlich – aber ‘ne Dummheit war‘s halt auch.“ (Heidi Niemann)