VonFlorian Leclercschließen
In Frankfurt fährt die U5 künftig nicht mehr zum Hauptbahnhof durch. Zahlreiche Bus- und Bahnlinien fahren nicht mehr so oft. Hintergrund ist der Fachkräftemangel.
Am Nikolaustag gab es Kaffee und Plätzchen bei der Frankfurter Nahverkehrsgesellschaft Traffiq in der Stiftstraße. Aber eigentlich war den Anwesenden gar nicht vorweihnachtlich zumute.
Denn die Stadt Frankfurt dünnt den Nahverkehr aus. Vom 27. Januar 2024 bis zu den Sommerferien 2024 fahren zahlreiche U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse weniger oft. Die massivste Einschränkung betrifft die U5. Sie macht an der Konstablerwache halt und fährt nicht mehr zum Hauptbahnhof. „Das ist sicherlich eine Komforteinbuße“, räumte der Frankfurter Verkehrsdezernent Wolfgang Siefert (Grüne) ein. Am Wochenende muss man bei der U9 künftig eine halbe Stunde auf den nächsten Zug warten.
Fahrerinnen und Fahrer fehlen
Der Grund für die Ausdünnung des Fahrplans hat sich seit geraumer Zeit angekündigt: In Frankfurt fehlen Fahrerinnen und Fahrer, derzeit 36 Personen bei insgesamt 870 Menschen im Fahrdienst, erklärte Michael Rüffer, Geschäftsführer der Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF). Der Fachkräftemangel sei aber kein rein Frankfurter Problem: Deutschlandweit fehlen nach Branchenauskunft 1700 Menschen, die einen Zug fahren können, und 8000 Busfahrer und Busfahrerinnen. Hinzu kämen hohe Ausfälle wegen Erkrankungen – Grippe, Corona, Erkältung. „Heute hatten wir einen Krankenstand von 16 Prozent“, sagt Rüffer.
Die Ausfälle im Frankfurter Nahverkehr hätten sich über einen langen Zeitraum durchgehend erhöht, führte Tom Reinhold aus, Geschäftsführer von Traffiq. Schon im März fielen demnach drei Prozent der Busse aus und knapp zwei Prozent der Bahnen. Von Juni an stiegen die Ausfälle weiter an, auf knapp mehr als fünf Prozent Ausfälle bei U-Bahn und Straßenbahn im September und sechs Prozent bei den Bussen.
Das ging nicht unbemerkt vorüber. Die Beschwerden von Fahrgästen häuften sich. Allein im September lagen 221 Reklamationen bei Traffiq auf dem Tisch. Die meisten Beschwerden betrafen die Buslinien 30, 42, 64, M34, M43, M46, die Tramlinien 15 und 17 und die U-Bahn-Linie U8.
DIE ÄNDERUNGEN AB 27. JANUAR
Die U-Bahn-Linie U5 fährt ab 27. Januar von Preungesheim zur Konstablerwache. Die Weiterfahrt zum Hauptbahnhof entfällt. Fahrgäste steigen in die S-Bahn und die U4 zum Hauptbahnhof um.
Die U5 fährt alle 7,5 statt alle 5 Minuten in der Hauptverkehrszeit. Die Takte werden am Wochenende gedehnt.
Die Linien U6 und U7 fahren in der Hauptverkehrszeit alle 10 statt alle 7,5 Minuten. Der Takt wird am Wochenende länger.
Die Straßenbahnlinie 14 fährt weniger oft und nur noch bis Gustavsburgplatz.
Die Linie 12 fährt abwechselnd nur bis Eissporthalle oder nach Fechenheim.
Die Linien 17 und 18 fahren weniger oft, in der Hauptverkehrszeit alle 10 statt alle 7,5 Minuten.
Die Buslinien 33, M34, 39, 40 und M43 fahren seltener. Die Buslinie 79 bleibt außer Kraft.
Zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember endet die Buslinie 54 aus Sindlingen am Bahnhof Griesheim. Die Linie 59 von Unterliederbach fährt durch die Oeserstraße bis Bingelsweg. Die Buslinie 89 fährt in Griesheim über Erzbergerstraße, Bahnübergang Elektronstraße zur Leonardo-da-Vinci-Allee.
An 60 Haltestellen werden Fahrpläne mit QR-Code ausgehängt, wo die Live-Abfahrten angezeigt werden. fle
Weitere Infos: rmv.de
„Wir sind nicht die Einzigen, die mit dem Fachkräftemangel und dem erhöhten Krankenstand zu kämpfen haben“, sagte Verkehrsdezernent Siefert. Er verwies auf Beispiele aus Köln, Wiesbaden, München und Berlin, wo der Fahrplan ebenfalls ausgedünnt worden sei.
Es sei kundenfreundlicher und ehrlicher, einen ausgedünnten Fahrplan anzubieten, bei dem Bus und Bahn tatsächlich fahren würden, als einen Fahrplan, der wegen der Widrigkeiten nicht einzuhalten sei, sagte er. Grüne und CDU im Römer unterstützten das grundsätzlich. „Die Maßnahme ist natürlich kontraproduktiv für die Verkehrswende“, fuhr Siefert fort. Die Stadt Frankfurt habe beim Nahverkehr „Großes vor“ - etwa den Ausbau der U-Bahn-Linie U5 ins Europaviertel und zum Frankfurter Berg, die Ringstraßenbahn zwischen Ginnheim und Friedberger Warte, den Ausbau der U4 von Bockenheim nach Ginnheim. „Wir wollen nach dem Sommer auch wieder mit dem alten Angebot fahren.“
VGF-Geschäftsführer Rüffer kündigte an, die Ausbildung auf ein modulares System umzustellen, damit Interessierte etwa zuerst auf der U-Bahn eingesetzt werden könnten und nach einer Weiterbildung auf der Straßenbahn. Auch soll es weitere Angebote bei der betrieblichen Gesundheitsvorsorge geben, um krankheitsbedingte Ausfälle zu minimieren. „Ich denke da zum Beispiel ans Fitnessstudio“, sagte er.
Alter Fahrplan zur EM
Die Belegschaft habe seit Corona Überstunden aufgebaut und könne die Ausfälle von Personal nicht länger durch Mehreinsatz ausgleichen. Auch sei die Bereitschaft, geteilte Schichten – die Hälfte vormittags, die Hälfte am Abend – zu fahren, deutlich gesunken. Dem Fachkräftemangel müsse die Bundespolitik etwas entgegensetzen, forderte Siefert. So dauere es zu lange, bis Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland arbeiten könnten. Die Berufsabschlüsse müssten zügig anerkannt werden.
Während der Fußball-EM (14. Juni bis 14. Juli 2024) mit fünf Spielen in Frankfurt soll die Ausdünnung des Fahrplans nicht mehr gelten. Bus und Bahn sollen nach dem früheren Takt fahren.
Auch interessant
Kommentar: Dünner Takt - Ein Rückschritt für die Verkehrswende
