VonSebastian Richterschließen
Nach 36 Jahren will er erstmal sein „Leben chillen“: Der Bahnbabo geht in Rente. Aus dem Stadtbild verschwinden wird Peter Wirth aber nicht, stattdessen hat er jede Menge Pläne.
Frankfurt – Es begann mit einem Kommentar auf Social Media und löste für ihn einen Tsunami aus: Der Bahnbabo geht in den Ruhestand. Frankfurts bekanntester Bahnfahrer verlässt den Führerstand der hiesigen Straßenbahnen, der Stadt bleibt der Teilzeitpolitiker, Hobbydichter, inoffizieller Sozialarbeiter und Vorbild der Jugend noch bis zum Herbst erhalten.
Der Bahnbabo (bürgerlich: Peter Wirth) hatte lediglich unter einem Beitrag der Hessenschau bei X (ehemals Twitter) kommentiert, dass sich junge Menschen bei der VGF bewerben sollten. Dabei ließ er - beiläufig, wie er betont - fallen, dass er ja selbst im Herbst in Rente ginge. Diese Nachricht hat dazu geführt, dass sich Peter Wirth vor Medienanfragen aktuell kaum retten kann.
- Mein Berufsleben neigt sich nun langsam seinem Ende,
und der Bahnbabo geht im kommenden Herbst in seine wohlverdiente Rente.
Nach 36 Jahren und Millionen von Kilometern,
steig‘ ich aus der Kabine aus und überlasse sie meinen jüngeren Vertretern.
Peter Wirth, alias Bahnbabo
Bahnbabo wirbt um junges Straßenbahnpersonal in Frankfurt
Hintergrund seines Kommentars auf X war der sogenannte „ehrliche Fahrplan“, eine Maßnahme der VGF gegen Personalmangel. „Wir haben schlicht zu wenig Leute“, erklärt Peter Wirth im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Der ÖPNV brauche dringend neue Leute, mit seinem Aufruf wollte das Gesicht des öffentlichen Nahverkehrs in Frankfurt junge Leute dazu bewegen, sich für eine Karriere bei der VGF zu entscheiden.
Den größten Bekanntheitsschub erreichte der Bahnbabo wohl durch seine Kandidatur bei der Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt 2023. Mit einem winzigen Wahlkampf-Budget und ohne eine große Partei im Rücken wurde er Überraschungskandidat und fuhr mit 5,1 Prozent der Stimmen ein stabiles Ergebnis ein. „Mein Ansinnen war es, die Wahlbeteiligung nach oben zu bringen“, erklärt der Bahnbabo im Gespräch. Und die lag mit 40,3 Prozent zehn Prozentpunkte höher als bei der Wahl 2018, vielleicht auch ein Verdienst seiner Kandidatur.
- Demokratie bedeutet, wir können alle mitbestimmen.
Dennoch sollten wir uns jedes Mal wieder auf diese Freiheit zurückbesinnen.
Demokratie heißt aber auch, wir sollten alle wählen gehen,
denn sonst werden am Ende die, die wir gar nicht wollen, an der Spitze stehen.
Peter Wirth, alias Bahnbabo
Mike Josef: Frankfurter Bahnbabo ein Vorbild für die Jugend
Zwar schied der Bahnbabo im ersten Wahlgang aus, für die Stichwahl unterstützte er den SPD-Kandidaten Mike Josef – der schließlich der nächste Oberbürgermeister von Frankfurt wurde. Dessen wichtige Botschaft aus Sicht des Bahnbabos: „Egal wer du bist, egal wie du aussiehst, du kannst es in dieser Stadt schaffen.“
Noch immer sieht er Josef als Vorbild. Dessen Karriere gibt der Bahnbabo auch den Jugendlichen als positives Beispiel mit. Wenn er von Jugendlichen angesprochen wird, bezeichnet er Josef als „den Babo von Frankfurt.“ Dann zeigt er ein Bild des SPD-Politikers mit syrischem Migrationsgeschichte und sagt: „Er hat sich angestrengt und es geschafft.“ Und wenn es Josef geschafft habe, dann könnten es alle anderen auch schaffen.
Bahnbabo im Gespräch: Straßenbahnen sollen in Frankfurt Vorrang haben
Thematisch lag Wirth bei seiner Kandidatur zum Frankfurter OB – neben Integration und sozialer Benachteiligung – natürlich sein Spezialgebiet, der ÖPNV, am Herzen. Öffentliche Transportmittel sollten seiner Ansicht nach Vorrang vor den Autos haben. Auch dazu hat der Babo ein Gedicht parat.
- Ich stehe an der Kreuzung und etwas läuft verkehrt,
ich muss warten während der Individualverkehr fährt.
Die Bahn muss fahren und die Autos können stehen,
wem das nicht passt, der soll doch zu Fuß gehen.
Peter Wirth, alias Bahnbabo
Für den Babo hat der Fahrgast die oberste Priorität. „Der Fahrgast muss vorne fahren. Autofahrer sollten sich hinten anstellen.“ Der aktuelle Kompromiss in der Frankfurter Verkehrspolitik zwischen ÖPNV und Individualverkehr funktioniere nicht, es müsse „eine Entscheidung getroffen werden.“ Er wünscht sich eine Priorisierung für den ÖPNV, die „diesen Namen auch verdient“.
Dafür müsse aber auch der Fahrplan der Straßenbahngesellschaft stimmen. Zurück zum Stabilisierungsfahrplan: Der sei für Fahrgäste eine Belastung. Aber die VGF brauche schlicht mehr Personal – und das sei schwer zu finden. Straßenbahn zu fahren sei kein leichter Job. „Der Wechseldienst geht auch mit viel Stress einher“, erklärt er. Durch die unterschiedlichen Schichten und Arbeitszeiten entstehe eine soziale Benachteiligung. Man dürfe auch nicht vergessen, dass ein 30 Tonnen schweres Fahrzeug, das man nicht lenken und nur eingeschränkt bremsen könne, im Nahverkehr im Nachteil sei, was sich wiederum auf die Arbeitsbedingungen auswirke.
Die VGF braucht mehr Personal bei den Straßenbahnen
Die Arbeitgeber müssten schauen, dass sie attraktiv seien, erklärt der Bahnbabo. Dazu gehöre auch die Bezahlung. Die Unzufriedenheit mit der Situation bei den Fahrern zeige sich auch im aktuellen Streik vom Freitag (2. Februar). „Die Leute suchen eine Work-Life Balance - man kriegt aber nur Work-Work-Balance“. Auch im Hinblick auf die kommende Europameisterschaft werde die VGF eine Menge Fahrer brauchen. In Frankfurt sind fünf Spiele geplant, für den ÖPNV werde das „eine harte Sache“. Die Spiele werden im Juni und Anfang Juli stattfinden. Da ist der Bahnbabo noch am Start, bevor er im Herbst seinen Abschied feiert.
- (...) Doch ihr müsst nicht traurig sein, denn ich bin ein Kind dieser Stadt.
Ihr werdet mich immer wieder sehen, entweder in der Politik, oder in einem Nachrichtenblatt.
Peter Wirth, alias Bahnbabo
Und was plant der Bahnbabo danach? Erstmal will Peter Wirth „mein Leben chillen.“ Aber, so ruhelos wie der Babo nun einmal ist, wird er weiter aktiv bleiben. In jedem Fall will er sich weiter sozial engagieren. Seit 2019 wirkt er bei der Organisation MainLichtblick mit.
Dort erfüllt er Kindern, die „nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen“, verschiedene Wünsche. Das können Geschenke wie iPads sein, oder eine Reise nach Andalusien, die er bei einem Quiz gewonnen, aber lieber an einen Jungen weitergegeben habe, der schon zwei Mal an Krebs erkrankt sei. Mit dieser Reise habe seine „eigene Reise in die Welt des Helfens“ angefangen, die er bis heute weiterverfolgt. Inwiefern er sich bei MainLichtblick weiter engagieren kann, steht allerdings noch nicht fest. „Je nach Situation kommen die Fälle rein.“
Bahnbabo spendet Autorenanteil direkt an MainLichtblick
Zudem will er mit seinem Gesicht weiter für Aufmerksamkeit sorgen. Bei einem Rudelsingen in Frankfurt sammelte er zuletzt im Dezember beim Weihnachtsmarkt in Alt-Sachsenhausen Geld für den guten Zweck. So geht es auch mit den Lesungen zu seinem Buch „Beste Laune mit dem Bahnbabo“. Seinen Autorenanteil von etwa 10 Prozent des Verkaufspreises spende er direkt an MainLichtblick.
Generell geht es dem Bahnbabo nicht ums Geld. Er hasse „jede Form der Kommerzialisierung seiner selbst“, erzählt er im Gespräch. Darum habe er sich „Bahnbabo“ als Marke eintragen lassen, damit niemand mit seinem Namen „Kommerz“ machen könne.
Ob er noch einmal in die Politik geht, will der Bahnbabo offen lassen. Er deutet aber zumindest an, dass es ja noch eine Oberbürgermeisterwahl in Frankfurt gebe. Aber ersteinmal steht seine wohlverdiente Rente an. Bis die im Herbst ansteht, fährt er erstmal weiter seine Straßenbahn durch Frankfurt. Weil er beim Fahren nicht zum Essen kommt, holt sich der Bahnbabo seine Energie an einem Arbeitstag aus drei Gemüsesmoothies. Drei davon reichen für eine Schicht – natürlich versetzt mit Proteinpulver. (spr)
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