VonThomas Stillbauerschließen
Eine kleine, schnelle Demonstration legen Fridays for Future und Verdi in Frankfurt hin. Schnell und munter wie der Öffentliche Personennahverkehr, den sie sich gemeinsam wünschen.
Es ist eine eher kleine Demo diesmal. Das deutet sich schon an, als um 11.50 Uhr die Verdi-Leute auf den Römer einbiegen, die sich vom Straßenbahnbetriebshof Gutleut auf den Weg gemacht haben. „Keine Busse, keine Bahnen ohne Menschen, die sie fahren“, rufen sie – und finden sich auf einem weitgehend leeren Frankfurter Rathausplatz wieder. Jedenfalls vergleichsweise leer, wenn man bedenkt, dass dort in zehn Minuten einer der zwei Jahreshöhepunkte der Frankfurter Klimabewegung losgehen soll: der März-Klimastreik der Fridays for Future.
Eine kleine, auch eine schnelle Demo. Keine zwei Stunden, und alles ist in der Innenstadt gelaufen.
Sie fahren zusammen
Eine kleine, eine schnelle, aber auch eine eindrucksvolle Demo, das muss man ihr wieder einmal lassen. Die jungen Menschen in der ersten Reihe legen eine Power und Stimmgewalt hin – Chapeau. „Streik in der Schule, Streik im Betrieb, das ist unsere Antwort auf eure Politik“, rufen sie. Und: „Heute ist kein Arbeitstag, heute ist Streiktag“, solidarisch mit den Partnerinnen und Partnern aus den Verkehrsbetrieben, die heute für bessere Arbeitsverhältnisse in Bussen und Bahnen mitdemonstrieren – was dem Klima zwangsläufig ebenfalls helfen werde, da sind sie sich alle einig, die Malocherinnen und Malocher, die Schülerinnen und Schüler, sämtlich vereint hinter dem Motto: „Wir fahren zusammen“.
Das hatten sie eigentlich auch schon am Morgen klar machen wollen: mit einem „Swarming“ an der Bockenheimer Warte – kleinen, kurzen Straßenblockaden, um den Autoverkehr zu unterbrechen. Doch die Polizei habe die Gruppe eingekreist, „gekesselt und kontrolliert“, wie die Fridays for Future auf X (vormals Twitter) mitteilen. Fridays-Sprecher Leon Kemp sagt im Gespräch mit der FR, die etwa zwei Dutzend Personen seien von der Polizei „an die Wand gestellt“ worden, und man habe ihnen gesagt, sie kämen in Gewahrsam, wenn sie ihre Pläne in die Tat umsetzten. Die Klimagruppe habe sich kriminalisiert gefühlt, sagt Kemp.
Ein Sprecher der Polizei sagt auf Anfrage, die Beamten hätten am Morgen lediglich die Personalien einer Ansammlung von Personen festgestellt. Dabei sei Polizeipersonal beleidigt worden, deswegen habe die Polizei Strafanzeige erstattet.
ÖPNV kostenlos, umweltfreundlich und barrierefrei - so die Forderung
Davon lässt sich später die laute, bunte Demo nicht beeindrucken. Auf dem Römerberg sagt die Fridays-Sprecherin, man sei heute für einen klimagerechten ÖPNV unterwegs und für die Rechte der Mitarbeitenden: „Keine Verkehrswende ohne die Beschäftigten.“ Noch immer verursache der individuelle Autoverkehr immense Emissionen, obwohl es so viele andere Möglichkeiten gebe, sagt die Sprecherin: „Wir wissen doch alle, dass Autos nicht die Zukunft sein können.“ Die Zukunft könne auch nicht in Elektroautos und einem zugleich völlig überlasteten ÖPNV liegen. „Habt ihr denn den Schuss immer noch nicht gehört?“, fragt die junge Frau an die Politik gerichtet. Mehr Gehalt, kürzere Schichten und kürzere Arbeitszeiten für die Leute in Bus und Bahn, das sei die Zukunft – und ein ÖPNV, der kostenlos, umweltfreundlich und barrierefrei fahre.
Die Forderung kommt häufig an diesem Freitag: Nulltarif für Fahrten mit Bus- und Bahn. Noch scheint sie ungefähr so erfolgversprechend, wie das Schild plausibel ist, das ein Mann mitten in der Kundgebung präsentiert: „Haarp = Stürme + Erdbeben“. Haarp sei ein amerikanisches Wetterbeeinflussungssystem, sagt der Mann. Er erobert damit nicht die Aufmerksamkeitshoheit an diesem Tag. Aber das hat er mit den Leuten gemeinsam, die drüben auf der Zeil immer noch an einem Stand beklagen, Ungeimpfte würden diskriminiert.
Eine kleine Straßenbahn macht mit bei der Klimademo. In Wirklichkeit steckt ein Fahrrad drin, das Konzept wird vermutlich nicht den Berufsverkehr revolutionieren, aber es ist ein sympathischer Bestandteil des Streiktags. Viola Rüdele vom Bündnis Verkehrswende geht mit einem Gruß darauf ein, während sie ihren Traum von vielen neuen Straßenbahnlinien in Frankfurt ausschmückt: „Ganz viele Tramlinien, es reicht nicht, wir brauchen noch mehr.“ Es gelte, Frankfurt jederzeit flächendeckend per Tram befahrbar zu machen. Straßenbahnverbindungen seien günstig und vor allem schnell zu bauen: der Kilometer oberirdisch 15 Mal schneller als der Kilometer unterirdisch. Nebeneffekt: Es bleibe weniger Platz für Autos auf der Straße.
Demonstrantinnen und Demonstranten zeigen Schilder: „You can’t recycle wasted time“, es sei unmöglich, verschwendete Zeit zu recyceln. „Uns läuft die Zeit davon.“ Die Zeit für die Klimawende.
Die Rendite dürfe nicht darüber entscheiden, „ob und wo ein Bus fährt“, sagt der Mann von der Gruppe „Kritik und Praxis“. Er nennt sich Jakob, die Gruppe nennt sich linksradikal. Doch kostenloser ÖPNV, „das ist keine radikale Forderung, den gibt es anderswo schon längst“. Die Verkehrswende müsse sich an den Menschen orientieren, nicht an den Bedürfnissen der Wirtschaft, verlangt Jakob.
Einer hupt
Als die Demo wieder auf den Römer zurückkehrt, hupt ein Auto lang und verzweifelt. Es scheint sein Los zu beklagen. Es wird ihm nicht helfen.
An diesem Samstag treffen sich die Fridays im 12 Uhr zum Klimacafé im Café Kurzschlusz in der Kleiststraße. Eingeladen sind aber nur Menschen im Alter bis 25 Jahre. Verständlich. Wir haben die Welt von ihnen nur geborgt.


