Die Zeit drängt

Ärzte-Problem in Neuhof spitzt sich zu: Auch Stephan von Keitz kündigt Ruhestand an

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Es ist ein weiterer Rückschlag mit Blick auf die medizinische Versorgung: Dr. Stephan von Keitz in Neuhof geht zum Jahresende in den Ruhestand. Das spitzt die Lage insbesondere in der Kaligemeinde nochmals zu: Auch Dr. Aman Esmaty hatte angekündigt, seine Praxis Ende Juni aufzugeben.

Neuhof - 1500 Patientinnen und Patienten betreut die Praxis von Dr. Stephan von Keitz in Neuhof pro Quartal. Ende des Jahres will der Mediziner in den Ruhestand gehen. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hat der 64-Jährige derzeit noch nicht an der Hand.

Fulda: Ärztemangel in Neuhof - Stephan von Keitz auch bald im Ruhestand

Damit spitzt sich das Problem der ärztlichen Versorgung in Neuhof zu: Auch Dr. Aman Esmaty will seine Praxis in Neuhof-Opperz Mitte des Jahres aufgeben – auch hier fehlt derzeit noch eine Person, welche die Nachfolge antreten könnte. Ganz aufhören wird Stephan von Keitz nicht zwangsläufig: „Teil der Gespräche, die wir gerade führen, ist auch die Zusicherung, dass mindestens einer der derzeit noch tätigen Ärzte auch weiter unterstützend tätig sein wird. Dazu bin ich bereit.“

Hausarzt Stephan von Keitz will Ende des Jahres in den Ruhestand gehen.

Für den Mediziner sind die Schwierigkeiten bei der Suche nach einer Nachfolge nicht verwunderlich. „Selbstständig eine Praxis zu führen, als Einzelunternehmung, das wird immer aufwendiger.“ Problematisch sei nicht nur der immer größere bürokratische Aufwand; auch die Digitalisierung stelle die Praxen vor enorme Herausforderungen. Hinzu kommt laut Stephan von Keitz ein Generationsunterschied: „Wir Hausärzte, die jetzt in den Ruhestand gehen, kommen aus einer Generation, die mit wenig Auflagen und wenig Bürokratie konfrontiert war. Der heutigen Generation ist außerdem ihre Lebensqualität sehr wichtig. Und das Geschlechterverhältnis hat sich gedreht: Zu meiner Zeit waren 80 Prozent der Ärzteschaft männlich. Mittlerweile sind fast 70 Prozent weiblich.“

Strukturelle Veränderungen hätten den Markt ausgedünnt, sagt der Arzt. „In den letzten Jahrzehnten tendierte man zur Ausbildung von Fachärzten – die Allgemeinmedizin ist da ein bisschen hinten runtergefallen.“

Neuhof an sich sei kein schlechter Standort, sagt Stephan von Keitz. „Man hat alles, was man braucht. Es gibt die räumliche Nähe zu Fulda und die gute Anbindung nach Frankfurt.“ Die Chance darauf, zeitnah eine Lösung zu finden, sieht er dennoch bei „nicht mehr als bei 50 Prozent“.

Ärztemangel in Neuhof: Bürgermeister Heiko Stolz optimistisch

Neuhofs Bürgermeister Heiko Stolz (CDU) blickt auf die Entwicklung des Problems zurück: Bis zum Sommer 2023 sei die Gemeinde sicher gewesen, dass die medizinische Versorgung in trockenen Tüchern liege. „Dann sind die Aspiranten abgesprungen. Das war für uns natürlich ein riesiger Schock. Wir mussten bei der Suche wieder bei Null anfangen.“

Hausärztinnen und -ärzte, die bereit sind, eine solche Nachfolge anzutreten, seien grundsätzlich schwer zu finden. „Das ist kein Neuhofer Problem“, unterstreicht der Rathauschef. „Wir sind eine attraktive Kommune, die per Auto und Zug sehr gut angebunden und infrastrukturell sehr gut aufgestellt ist. Auf diesen Voraussetzungen gründete sich – und gründet sich noch – mein Optimismus, dass wir jemanden finden.“ Die Absagen im Sommer 2023 hätten schlicht private Gründe gehabt.

In Neuhof wird dringend nach neuen Ärzten gesucht. (Symbolfoto)

Doch welches Versorgungsmodell erscheint umsetzbar? „Einen Einzelarzt halte ich für unrealistisch“, schätzt Stolz. „Denn wer tut sich das denn an? Man braucht Verwaltungskräfte, die rar am Markt sind, das gleiche gilt für medizinisches Fachpersonal. Dazu kommen hohe Anforderungen an die Dokumentation.“

Stolz zufolge läuft es momentan eher auf eine Praxisgemeinschaft hinaus. „Das ist aktuell der Favorit von allen, die sich anbieten würden: Eine Gemeinschaft aus mehreren Ärzten unter Federführung eines Geschäftsführers, oder ein MVZ, vielleicht mit der Gemeinde als Anteilseigner. Dazu müssten wir uns Know-How einkaufen, aber grundsätzlich wäre es denkbar, dass die Gemeinde hier in die Bresche springt.“ Denkbar sei auch, dass die Gemeinde anfangs die Miete übernimmt, um den Einstieg zu erleichtern, oder bei der Verwaltung unterstützt. Insgesamt zeigt sich Stolz auch weiterhin kämpferisch: „Ich bin immer noch sehr optimistisch, dass wir das hinkriegen.“

Und wie sieht es in den restlichen Kommunen im Südkreis aus? „Flieden befindet sich in der relativ glücklichen Lage, dass in zwei Praxen der Generationswechsel mehr oder weniger gut gelungen ist“, sagt Stephan von Keitz. Auch in Kalbach gebe es derzeit junge Kollegen.

Eine kurz- oder mittelfristige Lösung für die Grundprobleme sieht der Mediziner nicht. Auch Medizinische Versorgungszentren seien nicht das Allheilmittel. „Es bringt ja nichts, ein MVZ zu gründen, weil man dafür Erfahrung in diesem Verwaltungsbereich braucht, die es aber oftmals nicht gibt. Es fehlt hier einfach das Know-How.“

Rubriklistenbild: © Benjamin Nolte/dpa-tmn

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