Inklusion großes Thema

Arbeitsagentur-Chef trotz Krisen optimistisch: Die Situation ist „erstaunlich gut“

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Nahmen an der Konferenz der Arbeitsagentur teil (von links): Silke Grabowitsch, Rainer Sippel, Waldemar Dombrowski, Thorsten Wilhelm, Jan Martin Schwarz.
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Auch wenn die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Jahren gestiegen ist und sich Unternehmen erheblichen Herausforderungen gegenübersehen, bleibt Arbeitsagentur-Chef Waldemar Dombrowski optimistisch. Während der jährlichen Pressekonferenz rückte zudem ein weiteres Thema in den Fokus: die Situation von behinderten Menschen.

Fulda - Beim ersten Blick auf die nackten Zahlen, die die Entwicklung des Arbeitsmarktes in den vergangenen Jahren zeigen, kann einem schon mal mulmig werden: 2023 ist die Arbeitslosigkeit um fast 16 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit sogar um 21 Prozent. 3,3 Prozent der erwerbsfähigen Menschen im Landkreis Fulda haben keine Arbeit. Das sind 4216 Menschen.

Fulda: Arbeitsagentur-Chef trotz Krisen optimistisch

Dombrowski machte für den Anstieg zwei Effekte aus: die gedämpfte wirtschaftliche Entwicklung samt Inflation, steigenden Zinsen und einem schwachen Konsumklima sowie die geopolitische Lage, insbesondere die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. „Wir leben in einer Zeit mit Multikrisen“, konstatierte der Agentur-Geschäftsführer.

Anders als sonst blieben die Zahlen im Jahresverlauf stabil: Von den üblichen Frühjahrs- und Herbstbelebungen war kaum etwas zu spüren. Das heißt in Worten des Agentur-Chefs: „Wir sehen einerseits deutliche Bremsspuren für den Arbeitsmarkt, andererseits ist diese Stabilität aber auch ein positives Zeichen.“

Auffällig: Der Anstieg der Zahlen ist vor allem im Kreisjobcenter zu sehen, das für die Grundsicherung zuständig ist: Hier schießen die Zahlen der betreuten Personen aufgrund der enormen Fluchtbewegungen in die Höhe. Im Bereich der Arbeitslosenversicherung hingegen gibt es im Vergleich zu 2019 sogar eine leichte Verbesserung. Dombrowski warf auch einen Blick zurück auf das Jahr 2013, als sogar noch 21 Prozent mehr Menschen Arbeitslosengeld bezogen.

Hätte der Kreis eine Arbeitslosenquote wie im Bund, dann wären hier 2000 Menschen mehr arbeitslos.

Waldemar Dombrowski, Arbeitsagentur-Chef

Positiv für die Region ist auch: Der Landkreis verzeichnet hessenweit die wenigsten Arbeitslosen – und ist auch bundesweit bei den Spitzenreitern dabei. „Hätte der Kreis eine Arbeitslosenquote wie im Bund, dann wären hier 2000 Menschen mehr arbeitslos“, verdeutlichte Dombrowski. Ein gutes Signal sei auch der Rückgang der Arbeitslosigkeit bei Schwerbehinderten (minus 1,5 Prozent). Sorgen bereiten allerdings Menschen unter 25 Jahren: In dieser Personengruppe hat die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent auf 437 zugenommen.

Durchschnittlich war 2023 ein Mensch bei der Arbeitsagentur 112,9 Tage lang arbeitslos gemeldet. 627 Personen haben eine geförderte Weiterbildung begonnen. Im vergangenen Jahr zählte die Agentur rund 98.811 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Kreis Fulda. Das waren rund viereinhalbtausend Menschen mehr als vor Corona, betonte Dombrowski: „Das zeigt die sehr dynamische Situation in unserer Region.“ Sein Fazit: „Angesichts der Herausforderungen ist das eine erstaunlich gute Situation.“

Zwar sprach der Agentur-Chef in einem Ausblick auf das laufende Jahr von Unsicherheit in der Bevölkerung, hohen Energiekosten, gestiegenen Zinsen, gesunkenen Wachstumsprognosen beim BIP und weiterhin bestehenden Personalengpässen. Chancen gebe es aber auch: In der Region seien viele Branchen wie handwerkliche Gewerke, Gesundheit und Pflege sowie der Kalibergbau „robust“, die Beschäftigung bewege sich auf hohem Niveau, der Bereich Tourismus und Tagungen sei in Fulda stark.

Video: Wie die Bundesagentur für Arbeit in Deutschland hilft

Die Wirtschaftsstruktur sei außerdem weitgehend mittelständisch geprägt und die Unternehmen hätten ein gutes Bewusstsein dafür, dass Fachkräfte ein knappes und wertvolles Gut seien. Die Pressekonferenz der Arbeitsagentur fand am Mittwoch bei antonius statt. Daher ging es beim Gespräch auch um Menschen mit Behinderungen.

Rainer Sippel, Stiftungsratsvorsitzender der Bürgerstiftung, wies darauf hin, dass die Arbeitswelt in Deutschland nicht inklusiv sei: Die Arbeitslosenquote bei Schwerbehinderten betrage 10,8 Prozent – obwohl größere Unternehmen eine Ausgleichsabgabe zahlen müssen, wenn nicht oder nur teilweise Schwerbehinderten einen Arbeitsplatz anbieten. Das liege auch daran, dass Werkstätten für viele Menschen eine Sackgasse sei: „Das System der Werkstätten ist in Deutschland gescheitert, denn diese sind eine Art Sonderwelt.“ Nur wenige fänden von dort den Weg in die Arbeitswelt.

Daher gehe antonius mit dem Berufswegekonzept der Arbeitsschule „Startbahn“ und dem Unternehmensnetzwerk „Perspektiva“ alternative Wege. Beides orientiert sich an den Talenten und dem Potenzial junger Menschen; durch passgenaue Konzepte können sie eine Ausbildung beginnen, berichteten gestern die beiden Geschäftsführer von Startbahn/Perspektiva, Silke Grabowitsch und Jan Martin Schwarz.

Dank dieser Konzepte, aber auch dank Unternehmer, die eine hohe soziale Verantwortung haben, sei die Situation in der Region Fulda für behinderte Menschen deutlich besser, erklärten beide. Ein Wermutstropfen, den Rainer Sippel beklagte: die überbordende Bürokratie. „Wir würden uns wünschen, dass wir viel mehr Ermessens-Spielräume für unsere Arbeit haben.“

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