Bahnstreik

„Keiner wird uns vorschreiben, wann und wo wir streiken“: GDL-Chef Claus Weselsky zu Besuch in Bebra

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Der Boss in Bebra: Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky (Zweiter von links) beglückwünscht die Geehrten der Ortsgruppe. Unser
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Die Verhandlungen der Bahn sind gescheitert, ein weiterer Streik droht. GDL-Chef Claus Weselsky nutzt die Zwischenzeit für einen Abstecher nach Bebra.

Bebra – Wenn der Bahnverkehr in Deutschland steht, fällt meistens sein Name: Claus Weselsky, vom Boulevard auch gern Mr. Bahn-Streik genannt. Der Bundesvorsitzende ist dafür bekannt, dass er gern die gesamte Schlagkraft seiner Lokführergewerkschaft GDL in die Waagschale wirft.

Nachdem die Tarifverhandlungen mit der Bahn am Donnerstag nach vier Wochen unter anderem am Knackpunkt Absenkung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden für Schichtarbeiter gescheitert sind, hatten sich die Interessensvertretung und ihr Boss einen Maulkorb verpasst. Erst am Montag kündigten sie weitere Streiks an. Die Auszeit vom Arbeitskampf hat Weselsky für einen Abstecher nach Bebra genutzt – mit dem Auto statt der Bahn. Ein Besuch vor Ort.

Claus Weselsky in Bebra: Anreise mit dem Auto statt der Bahn

Wusste Kassierer Günther Kinscher, dass der große Vorsitzende, der sich nicht scheut, die Mitglieder des Bahnvorstands als Deppen zu bezeichnen, zur Jahreshauptversammlung der Bebraer Ortsgruppe der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer kommt? Eher nicht, denn als Weselsky mit seinem Vertreter und voraussichtlichen Nachfolger Mario Reiß am Samstagnachmittag vor dem evangelischen Gemeindehaus in Bebra aus dem Auto steigt und gut gelaunt auf den eingeweihten Ortsgruppenvorsitzenden Dirk Kümmerling, dessen Vorgänger Thomas Mühlhausen und die in Grüppchen zusammenstehenden Gewerkschaftskollegen zugeht, zeigt sich Kinscher einigermaßen überrascht. Ein Pensionärskollege sagt: „Oh, der Chef.“ Der erzählt, wie er mit Reiß auf der Autobahn im Stau gestanden hat, und dass er mit Bebra nicht nur den zu neuem Leben erweckten Lokschuppen, sondern vor allem Günther Kinscher verbindet.

Mit dem Bebraner als Vize-Bundesvorsitzenden seien große Tarifauseinandersetzungen geführt worden, in denen es gerade Kinscher immer wieder verstanden habe, die Mitglieder zu motivieren. Derartige Auseinandersetzungen ließen sich nicht freundlich verkaufen: „Was wir machen, ist bitterernst, und die Botschaften, die wir zu setzen haben, sind hart. Da kann ich mich nicht lächelnd vor die Presse stellen. Wenn wir streiken, entziehen wir der Bevölkerung Verkehrsmittel, da ist die Betroffenheit groß.“ Weselsky mag im Arbeitskampf grimmig wirken, im Umgang mit Kollegen ist er herzlich und im privaten Gespräch nahezu ein gewinnender Menschenfänger. Im Bebraer Versammlungslokal wird er mit großem Applaus begrüßt.

Unzuverlässigkeit als Markenzeichen der Bahn: Harte Worte bei Ansprache in Bebra

Vorsitzender Dirk Kümmerling stellt dort sein Team vor und verweist stolz darauf, dass die GDL-Mitglieder in Bebra auf 217 angewachsen sind, zu denen inzwischen auch viele Beschäftigte von Cantus und anderen Bahnunternehmen gehörten. Mittlerweile sei auch der ersten Fahrdienstleiter in den Reihen begrüßt worden. Der Vorstand wird einstimmig wiedergewählt.

Erster Grußwortredner ist der Bezirksvorsitzende Rudolf Schultheis aus Fulda, der sich kämpferisch gibt: „Keiner wird uns vorschreiben, wann und wo wir streiken, weder die Bundesregierung, noch die Bild-Zeitung, noch der Bahnvorstand.“ Auf ihn folgt Weselsky, der nicht spart mit Angriffen auf den Bahnvorstand: „Die anstehende Zusammenlegung von Netz, Station und Service zum Eisenbahn-Infrastrukturunternehmen InfraGO wird von den gleichen Deppen gefeiert, die das Ganze vorher auseinandergenommen haben.“ Unzuverlässigkeit sei zum Markenzeichen der Bahn geworden.

Mit Blick auf das Jubiläum von Kinscher stellt er dessen Weitsicht und Solidarität heraus. Begleitet von Applaus umarmt der Freund den Freund, beide gerührt, doch so gefasst, dass Kinscher gleich zum Rückblick ansetzt. „Es ist eine Riesenleistung gewesen, den Markt einzufangen und dafür zu sorgen, dass das Lohndumping aufhört.“ (Wilfried Apel)

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