- VonSabine Schramekschließen
Schock und stiller Schmerz: Vor dem Gebäude, in dem früher das russische Konsulat war, fanden sich am Wochenende Hunderte Menschen ein, um zu trauern.
Frankfurt – Auch wenn an dem Gebäude, in dem bis Ende des Jahres 2023 das russische Konsulat war, nichts mehr optisch daran erinnert, kommen seit Freitagabend Menschen in den Oeder Weg. Der plötzliche Tod des Kremlkritikers Alexej Nawalny (47) erschüttert sie. Spontan ist der Bürgersteig vor dem grauen Metallzaun zum Ort der Trauer geworden. Voller Blumen, Kerzen, Grablichter und Fotos für den Mann, der für so viele zum Idol wurde.
Völlig still ist es. Paare umarmen sich weinend, andere blicken stumm auf das Gebäude und die Blumen davor. „Das war Mord“, flüstert eine Frau. „We believe in Alexey, we believe in truth“ steht auf einem Plakat mit einem Portraitfoto von Nawalny, der angeblich am Freitag nach einem Spaziergang im Straflager im äußersten Norden Russland zusammengebrochen und gestorben ist.
Nawalny starb in Lagerhaft – in Frankfurt wird öffentlich getrauert
Vor fast vier Jahren überlebte er einen Giftanschlag. Sein Leben wurde in Deutschland gerettet, er kehrte trotz drohender Haft zurück in seine Heimat, wurde festgenommen und war seit 2021 in Lagerhaft. An einem Laternenpfahl vor dem Gebäude, das seit 2016 das russische Konsulat war und dessen Betrieb von der Bundesregierung zum 1. Januar untersagt ist, hängt eine weiße Rose unter einem Foto von Nawalny und seiner Frau. In vier Sprachen heißt es „Einer für alle, alle für einen“. Gegenüber am Laternenpfahl baumeln schwarze Luftballons, Fotos und der Satz „Kein Vergeben, kein Vergessen“. Auf dem Boden in Rot auf Weiß „Helden sterben nie - Nawalny“.
Es ist, als bestünde noch Hoffnung, dass er wiederkommt. „Er ist doch noch so jung. Das kann nicht sein“, murmelt ein Mann in ähnlichem Alter. „Er darf nicht tot sein.“ Niemand will wirklich sprechen.
Die Polizei ist vor Ort. „Am Freitagabend waren etwa 300 Leute spontan hier“, sagt ein Beamter. Am Samstagnachmittag kommen und gehen ebenfalls etwa 200 Menschen. Jemand hat für 16 Uhr eine Trauerversammlung angemeldet. Schweigen, schlucken, weinen, den Kopf schütteln. Mehr geht nicht bei den Frauen und Männern, die Tulpen und Rosen auf den Boden legen. Keine Wut ist zu spüren, nur stiller Schmerz und Schock.
Viele Ukrainer sind darunter. Einige von ihnen haben seit Kriegsbeginn bis zur Schließung des Konsulats auf der gegenüberliegenden Straßenseite gegen den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine protestiert. „Putin hat Nawalny getötet“, ist sich eine Frau sicher. „So wie so viele, die ihn kritisieren, protestieren oder einfach nur Ukrainer sind“, sagt sie, zündet eine Kerze an und weint. (Sabine Schramek)