- VonBrigitte Degelmannschließen
Heimische Experten erklären, was sich ändern muss, um den Fachkräftemangel im Handwerk wirkungsvoll zu bekämpfen. Wie lassen sich mehr junge Leute für die Berufe begeistern?
Frankfurt – Dass es gerade in handwerklichen Berufen sehr viel mehr Fachkräfte braucht, damit die Energiewende gelingt, das würde wohl niemand bestreiten. Aber wie schafft man das? Experten sehen hier mehrere Ansätze.
„Der größte Hebel liegt in der Ausschöpfung des inländischen Potenzials“, sagt Stefan Hoehl, Geschäftsführer der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU), Er fordert deshalb, gerade handwerklich-technische Berufe besser zu bewerben, um mehr Schulabgänger als bisher dafür zu begeistern.
Mehr junge Leute in Ausbildung bringen
Genau das versuchen Handwerkskammern und die Agentur für Arbeit seit Jahren - mehr oder weniger erfolgreich. Zum Beispiel mit Imagekampagnen und Berufsorientierungsprojekten in Schulen. So haben Vertreter der Handwerkskammer (HWK) Frankfurt-Rhein-Main im vergangenen Jahr mit Gymnasiasten aus Rüsselsheim ein solarbetriebenes Gewächshaus gebaut - um den Schülern ganz nebenbei zu demonstrieren, wie spannend solche handwerklichen Arbeiten sein können. Auch Praktika und Ausbildungsstellen vermittle man, sagt der Frankfurter HWK-Geschäftsführer für den Geschäftsbereich Bildung, Florian Schöll. Selbst an Universitäten sei man aktiv. „Wir haben einen Mitarbeiter, der sich speziell um Studienabbrecher beziehungsweise Studienzweifler kümmert und sie für eine Ausbildung im Handwerk begeistern will“, so Schöll.
Hohe Abbrecherquoten während der Ausbildung
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt versuche ebenfalls, das Interesse von Schülern an Technik und energiepolitischen Themen zu fördern, sagt IHK-Präsident Ulrich Caspar. Zum Beispiel in dem Projekt „Energie macht Schule“. Der überwiegende Teil der Schüler strebe allerdings nach wie vor in Richtung Abitur und Studium, räumt Berufsberater Cihan Özcan von der Agentur für Arbeit in Frankfurt ein. Oft liege das an den Eltern. Kürzlich habe er das wieder erlebt, sagt Özcan. Da saß eine Mutter mit ihrem Sohn vor ihm, der mit einer Ausbildung liebäugelt. „Aber die Mutter will unbedingt, dass er Abitur macht“, seufzt der Berufsberater. „Der Gedanke, dass man ohne Abitur weniger wert ist, ist immer noch stark in den Köpfen verankert.“
Ein weiteres Problem sind die hohen Abbrecherquoten während der Ausbildung. Um sie zu senken, seien Praktika hilfreich, damit die Jugendlichen vorher schon mal in den Beruf hineinschnuppern könnten, sagt Özcan und appelliert an Arbeitgeber, entsprechende Möglichkeiten anzubieten. „Viele brechen ihre Ausbildung auch deshalb ab, weil sie vorher keine Erfahrungen sammeln konnten und keine Informationen über den Beruf hatten.“
Mehr Fachkräfte aus dem Ausland anwerben
Trotz aller Bemühungen um Nachwuchskräfte für das Handwerk: Ohne Fachleute aus dem Ausland dürfte die Energiewende kaum zu schaffen, sind sich Experten einig. Das zeige schon ein Blick auf die demografische Entwicklung, die in den nächsten Jahren zu erwarten sei, sagt VhU-Geschäftsführer Hoehl. Schließlich nähert sich die Generation der Babyboomer dem Rentenalter. Gerade die starken Jahrgänge, die meist sehr gut ausgebildet seien, verließen allmählich den Arbeitsmarkt, so Hoehl. Vor diesem Hintergrund brauche es „eine qualifizierte Zuwanderung“. In diesem Zusammenhang gibt er zu bedenken, dass von den knapp 1,5 Millionen Migranten, die 2022 in Hessen lebten, nur etwa ein Fünftel die Arbeit als Hauptgrund für die Einwanderung genannt habe. Das hätten Untersuchungen des hessischen Landesamts für Statistik ergeben.
Bisher stammt ein Großteil der Migranten aus EU-Ländern. Das aber werde sich in absehbarer Zeit ändern, weil die betreffenden Länder ebenfalls mit demografischen Problemen zu kämpfen hätten, sagt Hoehl: „Deshalb brauchen wir künftig mehr Menschen aus Drittstaaten.“
Firmenchefs wie der Elektrotechniker Stefan Ehinger setzen längst auch auf Mitarbeiter mit nichtdeutscher Herkunft. „Wir haben schon viele Migranten und Geflüchtete eingestellt“, sagt er. „Wir brauchen sie dringend.“ Eines der größten Hindernisse dabei: Sprachbarrieren. Ohne ausreichend Deutschkenntnisse der Bewerber könne man ja nicht miteinander kommunizieren. „Eine gewisse Grundintegration muss vorhanden sein“, so Ehinger. Hier könne aber auch die Agentur für Arbeit helfen, betont Berufsberater Cihan Özcan: „Denn wir organisieren auch Sprachkurse und bieten Unterstützungsmöglichkeiten während der Ausbildung an.“
Bessere Schulbildung
Neun von zehn Kandidaten, die sich bei ihm um einen Ausbildungsplatz bewerben, könnten selbst einfache Rechenaufgaben nicht lösen, klagt Heizungs- und Sanitärmeister Thomas Dresch: „Die wissen nicht, was zehn Prozent von 100 ist.“ Defizite in der Schulbildung kritisiert auch VhU-Geschäftsführer Stefan Hoehl und verweist auf mehrere Schulleistungsuntersuchungen, bei denen Deutschland deutlich schlechter abschnitt als viele andere Länder. So kann jeder vierte Viertklässler nicht richtig lesen. „Das ist eine Katastrophe, das können wir uns nicht leisten“, sagt Hoehl und fordert, dass schon vor Schuleintritt Sprachkurse durchgeführt werden.
Aber auch an hessischen Berufsschulen gebe es einiges zu tun, sagt HWK-Experte Schöll. Etliche Schulhäuser seien marode, Schüler und Lehrer hätten mit zu kleinen Räumen und schlecht funktionierenden Toiletten zu kämpfen. Schöll: „Die Gebäudesubstanz lässt zum Teil sehr zu wünschen übrig. Viele Schulen sind eine Katastrophe.“ Das sei auch im Hinblick auf die versprochene Gleichwertigkeit mit der akademischen Ausbildung problematisch. Denn: „Gleichwertigkeit drückt sich auch in einem attraktiven Lernort aus.“ Öfters schon habe er von jungen Leuten gehört, dass sie keine Ausbildung machen wollten, weil sie den Besuch der Berufsschule scheuten, so der HWK-Geschäftsführer.
Berufsberater Cihan Özcan gibt allerdings zu bedenken, dass einige Arbeitgeber bei der Suche nach neuen Auszubildenden allzu sehr auf Noten fixiert seien: „Sie gucken zu wenig auf die Person vor sich, ob die vielleicht doch passen könnte, auch wenn die Noten nicht so toll sind. Da verprellt man viele.“
Flexiblere Arbeitszeiten
Work-Life-Balance - bei diesem Stichwort rollt mancher Arbeitgeber genervt mit den Augen. Doch immer mehr Arbeitnehmer legten heute Wert auf flexible Arbeitszeiten, gerade jüngere, sagt Berufsberater Cihan Özcan. Das Problem: „Gerade im Handwerk ist das oft noch sehr statisch.“ Einige Betriebe experimentierten immerhin mit der Vier-Tage-Woche - „das ist für viele Mitarbeiter attraktiv“. Für Handwerksbetriebe sind solche Modelle aber oft schwer umzusetzen. Eine Reduzierung der Arbeitszeit wäre in seinem Betrieb schwierig, sagt Elektrotechniker Stefan Ehinger, ebenso eine Vier-Tage-Woche. Denn: „Wir machen hauptsächlich Projektarbeit bei Neubauten und Sanierungen, da sind die Arbeitsabläufe komplex.“ Dennoch versuche man auch in seinem Betrieb, die Arbeitszeiten zu flexibilisieren. Ehinger: „Wir haben eine digitale Zeiterfassung mit Arbeitszeitkonten eingeführt, so dass Mitarbeiter mal mehr, mal weniger arbeiten können.“
Bürokratische Hindernisse abbauen
Auch das Thema Bürokratie treibt nicht wenige Arbeitgeber im Handwerk zur Verzweiflung. Natürlich seien geregelte Ruhezeiten oder die Festlegung von Maximalarbeitszeiten wichtig, sagt Firmenchef Ehinger: „Aber manche Vorschriften entsprechen nicht mehr der Lebenswirklichkeit der Arbeitnehmer.“ Vor allem die Suche nach flexibleren Arbeitszeit-Lösungen sei oft aufwendig wegen der starren gesetzlichen Vorgaben. Aber auch im betrieblichen Alltag seien oft bürokratische Hürden zu überwinden, sagt Ehinger.
Etwa dann, wenn man eine Zähleranlage für eine neue Photovoltaikanlage oder eine neue Wallbox zum Aufladen eines Elektroautos beantrage: „Das kann sich über Wochen oder sogar Monate hinziehen und bindet Facharbeitskraft.“ In einem Fall habe das sogar neun Monate gedauert, erinnert sich der Elektrotechniker. Damals ging es um eine Anlage mit mehreren Wallboxen, die schon nach einem Vierteljahr installiert waren. In Betrieb genommen werden konnten sie allerdings erst sechs Monate später, als der Zähler endlich eingetroffen war. In der Zwischenzeit musste Ehinger immer wieder den verärgerten Kunden beruhigen. „So schaffen wir die Energiewende nicht in der notwendigen Geschwindigkeit“, sagt er.
Einen Teil seiner Arbeitszeit müsse er zudem mit mühseliger Dokumentationsarbeit verbringen. Etwa dann, wenn das Landesamt für Statistik Angaben zur Entwicklung der Baupreise braucht. Eigentlich habe er das alles in seinem Computersystem, sagt Ehinger. Doch es fehle an digitalen Verknüpfungsmöglichkeiten mit der Behörde, so dass er die Zahlen immer noch per Hand in Papierbögen einträgt.
„Da haben Land und Bund noch einige Hausaufgaben zu machen“
Die IHK fordert ebenfalls einen Abbau bürokratischer Belastungen. „Gerade kleine und mittlere Unternehmen sind überproportional von Berichts-, Dokumentations- oder Meldepflichten belastet, weil sie häufig kein eigenes zusätzliches Personal für administrative Aufgaben haben“, sagt Ulrich Caspar. Vor allem im Energiebereich seien Unternehmen mit vielen Pflichten konfrontiert. „Das hält Arbeitskräfte von ihren eigentlichen betrieblichen Tätigkeiten ab“, moniert Caspar.
Auch die Beschäftigung nichtdeutscher Arbeitnehmer, die man ja dringend braucht, ist mit hohen bürokratischen Hürden verbunden, ergänzt Berufsberater Cihan Özcan. Ein Problem sei zudem, dass die Qualifikationen der Bewerber häufig nicht akzeptiert würden, weil die Prüfungen nicht in Deutschland abgelegt worden seien: „Da sind die Ansprüche zum Teil zu hoch.“ Das belaste die Betroffenen massiv, ebenso Probleme mit ihrem Aufenthaltstitel.
„Diese Verfahren sind viel zu zäh“, sagt auch VhU-Geschäftsführer Stefan Hoehl. Ein Grund dafür sei, dass dabei mehrere Ämter kooperieren müssten, unter anderem Ausländerbehörde und Agentur für Arbeit. In vielen der 31 hessischen Ausländerbehörden könnten sich zudem nur ein oder zwei Mitarbeiter um den Bereich Fachkräftezuwanderung kümmern. Seit Langem fordert der VhU eine zentrale Ausländerbehörde für Hessen, um die Prozesse zu beschleunigen. Immerhin sei dieses Thema jetzt in den Koalitionsvertrag der rot-schwarzen hessischen Landesregierung aufgenommen worden, sagt Hoehl.
Wichtig sei es außerdem, die Verfahren im Bereich Arbeitsmigration endlich vollständig zu digitalisieren. Bisher müssten die Antragssteller dieselben Dokumente in Papierform bei verschiedenen Behörden vorlegen - weil deren IT-Systeme nicht miteinander kooperieren könnten. „Da haben Land und Bund noch einige Hausaufgaben zu machen“, sagt der VhU-Geschäftsführer. (Brigitte Degelmann)
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