VonThomas J. Schmidtschließen
In der Alten Oper erhielten Hunderte Jungmeister eine große Bühne. Doch einige Gewerke waren nur mit einstelliger Meisterzahl vertreten. Lehrlinge fehlen weiterhin.
Frankfurt – 433 junge Meisterinnen und Meister feierten sich und ihre Leistung: Die Handwerkskammer Frankfurt Rhein-Main hatte sie und ihre Angehörigen in die Alte Oper eingeladen, um die Jungmeister in den nächsten beruflichen Abschnitt zu verabschieden. „Sie“, sagte Susanne Haus in ihrer Ansprache, „sind unsere Antwort auf den Fachkräftemangel. Das Handwerk ist bereit für die Zukunft.“ Susanne Haus ist Präsidentin der Handwerkskammer, einer Institution, die 32.000 Unternehmen und mehr als 150.000 Mitarbeiter vertritt. Sie unterhält auch Meisterschulen.
700 Absolventen haben diese Schulen im vergangenen Jahr gehabt, und besagte 433 Jungmeister waren zur Feier in die Alte Oper gekommen. „Es ist nicht irgendeine Halle, es ist die Champions League der Veranstaltungssäle“, sagte Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef (SPD). Und meinte damit, dass das Handwerk nach wie vor einen hervorragenden Platz in der Stadt habe. „Um das Jahr 1200 war jeder zweite Bürger Handwerker. Die Zeiten ändern sich, heute haben Sie Schwierigkeiten, Lehrlinge zu finden.“
Doch man müsse in den Schulen wieder auf die Attraktivität des Handwerks hinweisen – „nicht nur Hochschulbildung bietet Chancen“, sagte er in Richtung des Ehrengastes Prof. Enrico Schleiff, Präsident der Goethe-Universität. Der Handwerkskammer zeigte sich Josef dankbar dafür, dass sie immer wieder Druck gemacht habe und jetzt allmählich der Campus für berufliche Bildung in Rödelheim Gestalt annehme.
Handwerksfirmen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen
Susanne Haus verwies in ihrer Ansprache darauf, dass es für die Handwerksfirmen wichtig sei, „verlässliche Rahmenbedingungen“ zu haben, eine Politik also, die nicht jede Woche eine andere Richtung einschlage. Dies richtete sie an Berlin. Zuvor waren die mehr als 433 jungen Meister – 398 Männer, 35 Frauen – feierlich in den Saal gezogen, nach Gewerken geordnet zur Musik der Band „Showtic“. Dabei wechselte die Szene – mal drängten sich 78 Elektrotechniker unter dem Beifall des Publikums auf der Bühne, dann, berufsständisch in roten Kitteln gekleidet, 63 Fleischer. Andere Gewerke waren diesmal ganz schwach vertreten. Lediglich vier Tischler, lediglich ein Schuhmacher, lediglich eine Maßschneiderin.
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Diese, Pia Hammes, ist 27 Jahre alt. „Ich habe 2020 meine Ausbildung beendet“, sagte sie. Sie habe schon immer gerne genäht und Kleidung entworfen. „Leider ist mein Beruf nicht mehr geschützt. Ich hätte keinen Meistertitel gebraucht, um mich selbstständig machen zu können.“ Die Selbstständigkeit plane sie durchaus, ihr Traum-Arbeitsplatz jedoch sei das Theater.
Darum hat der Nachwuchs den Meisterabschluss gewählt
„Ich komme aus einer Familienmetzgerei, in der sechsten Generation“, sagt der frisch gebackene Fleischermeister Timo Rompel, der selbst erst 19 Jahre alt ist. Er will die Metzgerei in Bad Homburg übernehmen. „Aber vorher mache ich noch eine Weiterbildung zum Betriebswirt.“ Das sei für die Selbstständigkeit so wichtig wie die fachlichen Kenntnisse.
Die jungen Meister kamen am Samstag aus allen Bezirken der Handwerkskammer zusammen – aus dem Odenwald, dem Taunus, dem Main-Kinzig-Kreis, auch aus Frankfurt. So hat Tim Pleiner (30) seinen Schornsteinfeger-Meister erworben. „Ich arbeite in Hattersheim und könnte wohl den Bezirk meines Meisters übernehmen“, sagt der Frankfurter.
Christian Lemcke, Bäckermeister aus Hofheim, plant die Selbstständigkeit ebenfalls – trotz der Probleme, vor denen kleine Bäckereien stehen, etwa die astronomischen Energiepreise. „Ich setzte darauf, den Teig über Nacht gären zu lassen.“ So müsse er morgens auch nicht ganz so früh anfangen wie andere Bäcker. (Thomas J. Schmidt)
