VonMichael Forstschließen
In Griesheim formiert sich Protest gegen die Schließung einer wichtigen Fußgängerunterführung. Die Bürger fordern eine Behelfsbrücke und warnen vor einer Stadtteilspaltung.
Frankfurt - Mütter mit ihren Babys im Kinderwagen, auf Rollatoren gestützte Senioren, Kinder und Jugendliche, teils gerade von der Schule kommend: Es ist ein denkbar bunter Mix aller Alterstufen, der am Freitagnachmittag in der Waldschulstraße vor der Fußgängerunterführung zusammengekommen ist. Und doch fühlen sich die etwa 40 Menschen geeint: im Protest gegen die für den Sommer angekündigte Schließung der Fußgängerunterführung an der abgerissenen Omegabrücke - und dem Wunsch, dass die Entscheidungsträger ihre Sorgen und Bedenken ernst nehmen mögen. Vor allem ihre Kernforderung: eine Behelfsbrücke für Fußgänger und Radfahrer über den Bahndamm.
Griesheimer wehren sich gegen Brückenschließung
Hintergrund: Die Stadt, das machte Verkehrsdezernent Wolfgang Siefert (Grüne) auf der vergangenen Sitzung des Ortsbeirats deutlich, wird den Umbau der Griesheimer Bahnstation nicht verschieben. Auch wenn dadurch die Unterführung im Ostteil der Station sieben Monate geschlossen ist - was den Bahnübergang Elektronstraße zur einzigen Verbindung zwischen Alt-Griesheim und dem Norden macht.
Zwar räumte Siefert „sieben harte Monate“ ein. Doch die protestierenden Bürger wollen sich auf dieses Augen-Zu-Und-Durch-Projekt nicht einlassen und warnen eindringlich vor den aus ihrer Sicht verheerenden Folgen.
Ihnen eine Stimme zu geben, ist das erklärte Ziel von Daniela von Schoeler, hauptberuflich Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinden Griesheim und Nied. In vielen Gesprächen habe sie in den vergangenen Tagen einen großen Leidensdruck und Redebedarf wahrgenommen - und deshalb kurzfristig einige der Betroffenen zusammengetrommelt - „privat, als Anwohnerin“, wie sie betont.
Ärzte und Geschäfte in Griesheim nicht mehr erreichbar
Von Schoeler hat auch Plakate für die angemeldete Aktion gebastelt: Auf dem einen ist die Dauer der Sperrung der Unterführung abzulesen - von Juli 2024 bis mindestens Februar 2025 ist sie geplant. Das andere fordert: „Wir Griesheimer brauchen eine andere Lösung als die Schranke!“ Denn das Vorhaben, so warnt die Pfarrerin, trennt Griesheim in zwei Teile. „Viele Dinge des täglichen Bedarfs sind für die Bürger jetzt schon durch das Fehlen der Brücke eingeschränkt.“ Von der Mitte aus Griesheim kommend, könnten sie nicht mehr einfach zur S-Bahn, müssten einen Kilometer Umweg bis zur unberechenbaren Bahnschranke nehmen, um auf die andere Seite zu gelangen.
Betroffen sind nach von Schoelers Worten beispielsweise Kinder, die morgens nur noch in Begleitung zur Schule gehen könnten. Im südlichen Griesheim befänden sich viele Ärzte und Geschäfte, auf die gerade ältere, oft gehbehinderte Senioren angewiesen seien. Zwar seien Busse angekündigt - „aber wir haben jetzt schon ein Verkehrschaos an der Schranke in der Elektronstraße, das noch schlimmer werden wird“. Ihre Lösungsvorschläge? „Entweder brauchen wir eine mobile Fußgängerbrücke, welche die Stadt allerdings aus Kostengründen bislang ablehnt“, erklärt sie. Alternativ müsse die Planung für die Unterführung verschoben werden - „bis hier eine neue große Querung gebaut wird“.
Denn der Charme Griesheims, so findet sie, liege gerade in den kurzen Wegen, um schnell von A nach B zu kommen. Dem Kostenargument des Dezernenten hält sie entgegen: „Zeit ist Geld - und auch unsere längeren Wege sind teuer.“ Zudem sieht von Schoeler ein gravierendes Sicherheitsproblem, wenn der Bahndamm nicht passierbar ist: „Viele, gerade junge Menschen, werden dann über die Schienen laufen - mit lebensgefährlichen Folgen.“ Solche Szenen seien bereits jetzt zu beobachten.
„Die denken, aus Griesheim kommt ohnehin kein Widerstand“
Ein anderer Protest-Teilnehmer, der Griesheimer Künstler Nikolaus Nessler, ist überzeugt: „80 Prozent der betroffenen Leute hier weiß noch gar nichts von den Folgen im Sommer, wenn die Unterführung wegfällt.“ Und darauf spekulierten auch die politischen Entscheidungsträger. Seine bittere Vermutung: „Die denken, aus Griesheim kommt ohnehin kein Widerstand, mit denen können wir es machen.“
Genau das will die Griesheimer SPD-Ortsbeirätin Birgit Puttendörfer mit einem Antrag für die nächste Sitzung des Ortsbeirats 6 (Frankfurter Westen) verhindern. In dem fordert sie eine Ersatzbrücke für die Dauer der Tunnelsperrung. Die von der Stadt geltend gemachten Kosten dafür überzeugten sie nicht, schreibt sie.
Für die Brücke seien Kosten in Höhe von etwa zwei Millionen Euro und 10 000 Euro am Tag genannt worden. Das höre sich zwar erst einmal nach viel an. Doch heruntergerechnet seien es „Peanuts“: „Umgerechnet wären das bei der Nutzung durch alle Nutzer, die die Brücke während der Bauzeit nutzen können, Kosten von etwa zwei Euro pro Tag, pro Nutzer“, sagt Puttendörfer. Darin seien sowohl die Wechsler der Stadtteile inbegriffen sowie die Nutzer der S-Bahnen. Und jene Passagiere aus Griesheim-Mitte, die die S-Bahnen nutzten, hätten „eine gute und kurze Verbindung zum Bahnhof“.
Bei allem Verständnis für die Notsituation seien die langen Umwege für die Bürger „unakzeptabel“ - für die Ersatzbrücke gebe es keine Alternative. Auch wenn Menschen mit schweren Bewegungseinschränkungen diese leider nicht nutzen könnten. Denn, so gibt sie zu bedenken: „Keiner weiß, ob es tatsächlich bei den angepeilten sieben oder acht Monaten Bauzeit bleibt.“ (Michael Forst)
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