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Ein bekannter und überaus erfahrener Politiker aus Göttingen gibt sein Bundestagsmandat zurück. Trittins Rückzug kommt überraschend.
Göttingen – Jürgen Trittin hört auf: Der Göttinger Bundestagsabgeordnete und „Mister Atomausstieg“ legt sein Mandat zum 31. Dezember 2023 nieder. Das bestätigte sein Sprecher im Wahlkreis Göttingen, Sascha Völkening am Dienstagabend auf Nachfrage unserer Zeitung.
Nachrücker könnte Ottmar von Holtz aus Hildesheim werden, er steht auf Platz eins der Nachrückerliste. Er war bereits von 2017 bis 2021 im Bundestag. Nach Holtz käme Margaux Erdmann aus Braunschweig zum Zuge.
Rückzug zur Halbzeit der Legislaturperiode ist überraschend
Trittin, dessen Rückzug zur Halbzeit der Legislaturperiode überraschend kommt, hatte allerdings bereits vor der Bundestagswahl 2021 angekündigt, dass es seine letzte Kandidatur sein werde. Auch im Kreisverband Göttingen war klar: Jürgen Trittin steht 2025 nicht mehr zur Verfügung. Die Fraktionsvorsitzenden seien schon länger über den Rückzug informiert gewesen, so Trittin.
In einem aktuellen Interview auf Spiegel-Online sagte Trittin, dass er im Sommer festgestellt habe, dass er im Herbst 25 Jahre Mitglied im Deutschen Bundestag sei. „25 – das ist doch ein schönes Jubiläum, um davon Abschied zu nehmen“. Also tut der eigenwillige Trittin das – zieht sich aus dem Bundestag zurück.
Trittin will eigenbestimmt gehen
Für ihn sei es auch wichtig, eigenbestimmt zu gehen. Er selbst blicke auf zwei gute Jahre mit grüner Regierungsbeteiligung zurück, sagte er auf Spiegel-Online. Intern aber spielte der überaus erfahrene Trittin keine starke Rolle mehr.
Gleichwohl hatte seine Meinung immer Gewicht – vor allem, was seine Expertise in außenpolitischen Fragen und Problemstellungen angeht. So war Trittin von 2017 bis 2021 Mitglied im Auswärtigen Ausschuss, seit 2021 zudem außenpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion und Mitglied der parlamentarischen Versammlung der NATO.
Trittin: Als Umweltminister den Atomausstieg vollzogen
In seine Zeit als Umweltminister von 1998 bis 2005 fiel der bahnbrechende Beschluss zum Atomausstieg. Trittin sieht diesen als markanten Punkt hin zur Energiewende. Jürgen Trittin, der manchmal schroffe Teilnehmer in Gesprächsrunden, setzte auch den von CDU-Umweltminister Klaus Töpfer angebahnten Dosenpfand um, was ihm den Spitznamen „Mister Dosenpfand“ einbrachte.
Trittin, mit einem spitzbübischen, trockenen Humor ausgestattet, nutzte diesen und legte fortan einige Male als Discjockey „DJ Dosenpfand“ auf.
Trittin stammt aus Bremen-Vegesack, wo er auch sein Abitur baute. Dann ging er 1975 zum Studium der Sozialwissenschaften nach Göttingen – in einer dort ganz heißen Phase, politisch unruhigen Zeit. Später war er dort Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Freier Journalist. Trittin war auch im linken Spektrum aktiv, auch bei Großdemonstrationen und Hausbesetzungen dabei.
Trittin ist gern gesehener Gast in Talk-Shows: meinungsstark und souverän
Jürgen Trittin, gern gesehener Gast, weil politisch von Emissionshandel bis Weltpolitik extrem erfahren, meinungsstark, souverän und intellektuell stets eine Bereicherung, will nun erstmal ein bisschen zu sich kommen. „Ich werde ein bisschen reisen, Clash und Talking Heads hören. Und dann gucken wir mal“, sagte er im Spiegel-Online-Interview am Dienstag.
In seiner langjährigen Wahlheimat und „Wahlkreis-Hauptstadt“ Göttingen wird er sicher öfter mal zu sehen sein – zu eng sind die Verbindungen. Zudem hat er hier auch stets den talentierten politischen Nachwuchs der Grünen wie die Landtagsabgeordnete Marie Kollenrott mit Rat und Tat unterstützt, nie aber als belehrender Alt-Experte. (Thomas Kopietz)
