Nach ihm wurde eine Straße benannt

Gustav Gerlach: Enkel sieht Rolle des Großvaters in NS-Zeit kritisch

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Setzten sich mit der Eschweger Geschichte im Nationalsozialismus auseinander: Marion Lentz (Schulleiterin), Johannes Furch (Schülervertretung), Referent Dr. Gernot Gerlach, Jean-Luc Meister (Schülervertretung), Mika Bergt (Schüler) und Ulrike Arnold (Fachlehrerin Geschichte).

Welche Rolle spielte der ehemalige Feuerwehrmann und Spediteur Gustav Gerlach, nach dem in Eschwege eine Straße benannt ist, während des Nationalsozialismus in Eschwege?

Eschwege – Keine rühmliche, wie sein Enkel und Ex-Dekan Dr. Gernot Gerlach befindet. Die Stadt Eschwege steht möglicherweise vor einer neuen Straßennamen-Debatte: Dr. Gernot Gerlach, Enkel des für seine Verdienste um die Freiwillige Feuerwehr mit einem Straßennamen geehrten Gustav Gerlach, schlägt vor, die Gerlachstraße in Weinsteinstraße umzubenennen. Das begründete der in Kassel lebende Dekan im Ruhestand jetzt während eines Vortrags vor Abiturienten am Oberstufengymnasium Eschwege mit einem entsprechenden Plädoyer.

Dieses wirft auf der Grundlage neuer historischer Forschungsergebnisse ein kritisches Licht auf die Rolle seines Großvaters in der Zeit des Nationalsozialismus. Gernot Gerlach rückt vor allem die Mitwirkung des hauptberuflich als Spediteur tätigen Gustav Gerlach an dem im Jahre 1940 im Zuge der Arisierung erfolgten Zwangsverkauf des sogenannten Cäcilienhofes in der Niederhoner Straße in den Mittelpunkt. Das Gelände war im Besitz des jüdischen Unternehmers Louis Weinstein, dessen Familie bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Jahre 1933 eine bedeutende Rolle in der Eschweger Stadtgesellschaft gespielt hatte, fortan durch die neuen Machthaber aber stark in ihren wirtschaftlichen und sozialen Möglichkeiten eingeschränkt wurde. „Mein Großvater und Louis Weinstein kannten sich von der Feuerwehr, beide waren hier sehr engagiert und übten sogar die gleiche Funktion aus“, erzählt Gernot Gerlach. „Doch schon im April 1933 ließ Gustav Gerlach seinen Kameraden in einem voreiligen Gehorsam zum Arierparagrafen einfach fallen.“

Er habe sich fortan als stellvertretender Kreiswehrführer geschickt in dem von Historiker Winfried Speitkamp (Uni Kassel) beschriebenen Geflecht aus Kreis, Kommune und NSDAP bewegt und darin maßgeblichen Einfluss genommen. So sei es ihm gelungen, den Cäcilienhof zu übernehmen, um das mit einem direkten Bahnanschluss versehene Gelände und die dort vorhandenen Gebäude für die von ihm und seinem Bruder Paul geführte Spedition zu nutzen. „Der Zwangskaufvertrag war unter nationalsozialistischen Bedingungen zustande gekommen und mein Großvater hatte durch seine Beziehungen wiederholt dafür gesorgt, dass andere Interessenten nicht zum Zuge kamen“, so Gernot Gerlach. Gustav Gerlachs Freund und NSDAP-Kreiswirtschaftsberater Rudolf Brill habe dem Landrat zudem eine Stellungnahme zum Genehmigungsverfahren des Vertrags zukommen lassen und darin betont, dass eine Ausgleichszahlung nicht infrage komme, da das Objekt zum Austausch für wehrpolitische Zwecke verwendet werden solle.

Louis Weinstein, der 1939 nach England emigrieren konnte, sah aufgrund der NS-Gesetze, die Gustav Gerlach für sich nutzte, keinen Pfennig für seinen Besitz. So musste der Kauf des Cäcilienhofes in den 1950er-Jahren korrigiert und neu vollzogen werden. Heute stehen hier nach dem Verkauf des Geländes und des Abrisses der Gebäude moderne Gewerbebauten. „Die Familien Gerlach und Weinstein verband einst so viel“, sagt Gernot Gerlach während seines von Geschichtslehrerin UIrike Arnold vermittelten Vortrages am OG. „Davon war nach der Zeit des Nationalsozialismus auch durch das Handeln meines Großvaters nichts mehr übrig.“

Gustav Gerlach, der im Spruchkammerverfahren 1946/47 als „Mitläufer“ eingestuft wurde, habe sich an der systematischen Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Familie Weinstein persönlich beteiligt und bereichert. „Es ist zwar allen Familienmitgliedern gelungen, sich der drohenden Lebensgefahr durch Auswanderung zu entziehen, doch verloren sie alles, was sie in Jahrzehnten mühevoll aufgebaut hatten“, sagt Gernot Gerlach. Umso bedeutsamer erscheint vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass Wolfgang Carl Weinstein, ein Neffe von Louis Weinstein, der 1935 in die USA emigrierte und sich fortan den Nachnamen Wenten gab, von 1976 bis 2008 einen Preis für hervorragende Leistungen im Fach Englisch am Oberstufengymnasium in Eschwege gestiftet hatte. „Damit hat er ein wichtiges Zeichen der Verständigung gesetzt“, so Gernot Gerlach, der die Tradition aufgreifen und den Wenten-Preis nun wieder auflegen will.

Uni Kassel forschte zur NS-Geschichte

Die Stadt Eschwege hat in den vergangenen 20 Jahren damit begonnen, die nationalsozialistische Geschichte der Stadt aufzuarbeiten. Auslöser war die Diskussion, welche Rolle der ehemalige Bürgermeister Dr. Alexander Beuermann während seiner Amtszeit von 1934 bis 1945 eingenommen hatte. Dazu wurde die Universität Kassel unter der Leitung von Professor Winfried Speitkamp beauftragt.

Auslöser der Aufarbeitung der Eschweger NS-Geschichte war ein Vortrag des Eschweger Historikers Gerd Strauß über Dr. Beuermann und einen daraus resultierenden Antrag der Stadtverordnetenfraktion der Grünen, die nach ihm benannte Straße umzubenennen. Im Mittelpunkt der 2014 veröffentlichten Forschungsarbeit stand die Frage, ob Eschwege eine nationalsozialistische Stadt gewesen sei oder eine Stadt im Nationalsozialismus? Speitkamps Antwort kann nicht auf eine einfache Formel reduziert werden. Deshalb trägt sein Manuskript den Titel: „Eschwege und der Nationalsozialismus“. Gleichwohl kommt er zu dem Schluss, dass sich die politischen Akteure und gesellschaftlichen Gruppen der führenden Bürgerschicht ab 1933 als Nationalsozialisten verstanden haben.

Speitkamp stellte vor zehn Jahren auch fest, dass es keine kritische Nachbetrachtung gegeben hat, im Gegenteil. In den 1950er- und 1960er-Jahren seien zahlreiche NSDAP-Mitglieder mit Straßennamen geehrt worden. Zwölf von 13 Ehrungen seien in dieser Zeit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern zuteilgeworden. In seinem Buch nennt Speitkamp die Bartholomäusstraße, die Bürgermeister-Stolzenberg-Straße, die Döhlestraße, die Ernst-Metz-Straße, die Göttingstraße, die Hindenlangstraße, die Karl-Dithmar-Straße, die Kurt-Holzapfel-Straße, den Rudolf-Clermont-Weg und eben die Gerlachstraße.

Zwei Ehrungen mit Straßenbezeichnungen sind auf Basis der Forschungen Speitkamps bereits zurückgenommen worden: die für Dr. Alexander Beuermann (neu seit 2009: Am Ottilienberg) und die für Fritz Neuenroth (neu seit 2015: Jardin de Saint-Mandé). Neuenroth wurde in der Studie vorgeworfen, Kinder jüdischen und christlichen Glaubens erniedrigt zu haben. (Tobias Stück)

Er fordert die Stadt Eschwege auf, die Kriterien für die Ehrung seines Großvaters zu überprüfen und die Familie Weinstein als neue Namensgeberin für die Gerlachstraße in Betracht zu ziehen. Laut Stadtarchivarin Dr. Annika Spilker, die bei dem Vortrag am Oberstufengymnasium anwesend war, könnte das etwa über die Einrichtung eines Arbeitskreises geschehen, der sich ebenfalls über weitere möglicherweise problematische Straßennamen beraten solle. Auch ein entsprechender Antrag einer Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung wäre laut der Historikerin eine Möglichkeit, die politische Diskussion über den Straßennamen, wie etwa bereits bei Nazi-Bürgermeister Beuermann geschehen, ins Rollen zu bringen. (Melanie Salewski)

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