Schloss Wilhelmshöhe

„Es ist ein wahnsinniges Chaos“: Schwere Kritik am Führungsstil von HKH-Direktor Eberle

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Martin Eberle, Direktor von Hessen Kassel Heritage (HKH), vor dem Schloss Wilhelmshöhe.
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    Bettina Fraschke
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Nach Protesten gegen die Umbenennung der Museumslandschaft Hessen Kassel in Hessen Kassel Heritage gibt es Kritik an Direktor Martin Eberle – auch von Mitarbeitern.

Kassel – Äußerungen aktueller und ehemaliger HKH-Beschäftigter lassen den Schluss zu, dass es starke Unzufriedenheit mit Entscheidungen und dem Führungsstil von Martin Eberle gibt. Er ist auf der Wilhelmshöhe Chef von 235 Beschäftigten. Die Berichterstattung unserer Zeitung stützt sich auf zahlreiche ausführliche Gespräche.

Kritik betrifft etwa die Depotsituation. Eberle möchte sich von teuren Interimslösungen trennen, auch das seit langem als Lager genutzte ehemalige Polizeipräsidium am Königstor räumen, um mehr Geld für Ausstellungen zur Verfügung zu haben. Eine Halle auf dem Henschelareal ist 2022 geleert worden. Eberle setzt auch auf „Entsammeln“. Von Beständen der Volkskunde- sowie der Techniksammlung soll sich HKH trennen. Fachleuten im eigenen Haus geht das zu schnell – von Chaos ist die Rede.

Führungsverhalten als selbstherrlich beschrieben

Auch die Neuordnung einzelner Sammlungsbereiche sorgt für Unmut. Wie Eberles Führungsverhalten, das als selbstherrlich beschrieben wird. Eberle weist Vorwürfe, er sei beratungsresistent, entschieden zurück. Mit der Umstrukturierung will er die Institution auf lange Sicht neu aufstellen. Unklar bleiben die Zukunft der Orangerie mit erheblichem Sanierungsbedarf sowie die Präsentation der Objekte des astronomisch-physikalischen Kabinetts.

Auch die SPD-Fraktion im Landtag richtet ihr Augenmerk auf die Kasseler staatlichen Museen. Sie hat die Landesregierung aufgefordert, einen Fragenkatalog zur baulichen Situation, zur Zugänglichkeit und der Verlegung von Einrichtungen zu beantworten. Zuständig ist das von Angela Dorn geführte Ministerium für Wissenschaft und Kunst.

Eine der 35 Fragen lautet, wann die Landesregierung über die von ihr beabsichtigte Zukunft der Schlösser und Museen informieren und ein „konstruktives Gespräch mit der Bevölkerung“ suchen wird. Wir stellen auf zwei Seiten dar, worum es geht.

Heftige Kritik an Führungsstil – HKH-Direktor Martin Eberle weist Vorwürfe zurück

Unterschiedlicher können Wahrnehmungen nicht sein. Setzt man die Mosaiksteinchen einer Reihe von Gesprächen mit aktuellen und ehemaligen HKH-Beschäftigten zusammen, ergibt sich ein – man kann es nicht anders deuten – verheerendes Bild der Personalführung von HKH-Direktor Martin Eberle.

Sitzt man ihm dann in seinem Büro im Kirchflügel gegenüber, wo er zu einem langen Fragenkatalog der Redaktion Stellung nimmt, hört man, die Vorwürfe hätten ihn „umgehauen“.

„Ich bin sicherlich ein leidenschaftlicher und emotionaler Mensch“, sagt Eberle, „ich bin kein sachlicher Typ.“ Es tue ihm „unendlich leid“, wenn sich Mitarbeiter zurückgesetzt oder nicht ernst genommen fühlten: „Ich möchte nicht, dass hier jemand leidet.“ Eberle erzählt, dass es in der Hauptabteilung Gärten und Gartendenkmalpflege hervorragend klappe („ganz so schlimm kann’s nicht sein“), er verweist auf eine vier Jahre alte interne Mitarbeiterumfrage ohne Auffälligkeiten, er spricht von einer Vielzahl an Fortbildungen und Schulungen, die er angestoßen habe. Eine professionelle Befragung, vonseiten des Landes initiiert, zur psychischen Gefährdungslage werde folgen.

Einsaprungen laut Eberle „ganz klar kommuniziert“

Er wisse wirklich nicht, was er noch machen könne, damit sich Einzelne nicht ausgegrenzt und ständig missverstanden fühlen – man könne sich da auch reinsteigern. Als Direktor müsse er aber Entscheidungen fällen, mit denen vielleicht nicht jeder glücklich sei: „Was ich mir wirklich nicht vorwerfen lasse, ist, dass ich beratungsresistent bin.“

Quellen unserer Zeitung schildern genau das Gegenteil. Fachkompetenz werde ignoriert, spiele keine Rolle, heißt es immer wieder, Eberle nehme das wissenschaftliche Personal als Konkurrenz wahr. Er treffe einsame und willkürliche Entscheidungen, die nicht auf Sachargumenten beruhten, über die Köpfe hinweg. Die einen bekämen Bonbons zugeworfen, andere würden abgestraft – etwa bei der Genehmigung von Dienstreisen. Eine Konsequenz sei, dass sie sich wegducken, Dienst nach Vorschrift leisten, es komme zu Kündigungen: „Wer kann, der will gehen.“

Die Enttäuschung ist groß, dass die – ähnlich wie die mehrteilige Ausstellung „Kassel ... mit allen Wassern gewaschen“ 2021 – für verschiedene Standorte geplante Garten-Ausstellung abgesagt wurde: „Da haben wir für den Mülleimer gearbeitet.“ Eberle begründet das mit Kostensteigerungen durch die Energiekrise, die harte Kürzungen erforderlich gemacht habe: „Das ist ganz klar kommuniziert worden.“

Vorsitzende des Personalrats lobt Eberle

Eberle lägen allein die fürstlichen Sammlungen am Herzen, so die Kritik, wo doch die Stärke der Museen ihre historisch gewachsene Vielfalt sei – dass man eben aus einem Riesenfundus schöpfen könne. Auch die Volkskunde und die Ur- und Frühgeschichte im Landesmuseum seien ihm wichtig, sagt Eberle. Er könne aber verstehen, dass die Sammlungsleiterinnen Angst um ihr Haus haben, in dem etwa die Beleuchtungsanlage defekt sei.

Beim Gespräch im Kirchflügel sitzen auch Eberles Stellvertreterin, Edda von Spiegel (Bauwesen und Baudenkmalpflege), Natascha Callebaut als Leiterin der Kommunikationsabteilung sowie die Spitzen des Personalrats am Tisch. Die Vorsitzende Karola Krug verweist auf ihre Schweigepflicht, sie hebt aber hervor, dass es in den Parks gut läuft („ganz große Klasse“). Eberle stoße mit frischen Ideen viele Veränderungen an, belebe HKH, das gehe für den einen oder anderen, der schon lange dabei sei, vielleicht zu schnell.

Ihr Stellvertreter im Personalrat, Rüdiger Splitter, gleichzeitig Vertreter des Hauptabteilungsleiters Sammlungen, meldet sich zu Wort, als es um die Umstrukturierung der Zuständigkeiten geht. Eine Kollegin hatte die Veränderungen so kommentiert: „Das ist so, wie wenn ein Augenarzt als Urologe arbeiten soll. Beide sind Mediziner, man kann sich einarbeiten, aber die Frage ist, ob es sinnvoll ist.“ Splitter sagt: „Wir sind hier alle Allgemeinärzte, die sich einer Herausforderung stellen.“ Im Übrigen werde die Kommunikation sehr unterschiedlich aufgefasst.

Depotsituation bei Hessen Kassel Heritage – Vorwurf: Umzüge auf Biegen und Brechen

Man muss in den über zwei Stunden genau hinhören. Sein Büro habe offene Türen, sagt Eberle, jeder könne jederzeit mit Anliegen zu ihm kommen. Er biete Vieraugen-Gespräche an, er offeriere, in Abteilungsbesprechungen zu kommen. Wenige Minuten später erläutert er, dass er auf strikt hierarchische Abläufe Wert lege. Ihm tragen nur die Hauptabteilungsleiter vor. Aber noch immer würden Dienstwege nicht eingehalten, Vorgesetzte übersprungen: „Das finde ich ein Problem.“ Es gebe natürlich auch Regeln, an die man sich zu halten habe: „Das hört nicht jeder gern.“

Das Ziel von HKH-Direktor Martin Eberle ist, Depotflächen aufzulösen, um Geld einzusparen. Fachleute im Schloss äußern Bedenken – das Tempo der Umzüge und des „Entsammelns“ sei zu hoch.

Chaos, Konzeptlosigkeit, Hauruck-Aktionen, Aufräum- und Entsammel-Wahn, ein Fiasko – solche Begriffe fallen, wenn bei Mitarbeitern von Hessen Kassel Heritage von der Depotsituation die Rede ist.

Kassel: Aufgabe der Henschelhalle spart laut Eberle 75.000 Euro

HKH-Direktor Martin Eberle hingegen erklärt, er wolle Interimslösungen aufgeben und möglichst alle ausgelagerten Objekte im HKH-Hauptdepot in der Nordstadt zusammenführen, um mit dem eingesparten Geld mehr Ausstellungen machen zu können: „Wir schauen ganz systematisch, wo wir Dinge komprimieren können, damit wir über das Geld verfügen können, das wir jetzt für Depotflächen ausgeben.“

Das Landesmuseum.

Ein Beispiel ist eine Henschelhalle, die im vorigen Jahr als Depotfläche aufgegeben wurde. Eingesparte Kosten laut Eberle: 75.000 Euro im Jahr. Die dort gelagerten alten Vitrinen, große Skulpturen, Webstühle, das Buchlager – alles wurde in die Orangerie und ins ehemalige Polizeipräsidium ans Königstor gebracht.

Eberle will weitere Depotflächen aufgeben

Doch auch diese seit vielen Jahren genutzten Depotflächen in der Landesimmobilie am Königstor will Eberle aufgeben. Das soll 70.000 bis 80.000 Euro im Jahr an Bauunterhaltung sparen – Geld, das das Land Hessen dann aus einem anderen Topf aufbringen müsste. HNA-Informationen zufolge hat Eberle das – wie manche glauben: unrealistische – Ziel ausgegeben, das ehemalige Polizeipräsidium bis Ende dieses Jahres zu räumen. Eberle spricht davon, es solle „so schnell wie möglich“ gehen.

Aber: „Wir haben ja keinen zeitlichen Druck, das ist das Schöne, das Königstor wird mir ja nicht weggenommen. Ich bin nicht böse, wenn es Ende nächsten Jahres wird. Aber je früher das der Fall ist, desto mehr Geld spare ich ein – schlicht und einfach.“ Die Sammlung Ur- und Frühgeschichte soll an das Landesamt für Denkmalpflege nach Wiesbaden gehen, das sie laut Eberle HKH lediglich als Leihgabe überlassen hat.

In Wiesbaden werde gerade der Bedarf für Depotflächen ermittelt. Bis tatsächlich ein Gebäude errichtet ist, wird es laut Eberle mindestens zehn Jahre dauern: „Dann geben wir die Bestände zurück.“ Bis dahin sollen Teile der Sammlung – etwa in Kisten verpackte Scherben – in leer stehenden Bereichen des Weißensteinflügels von Schloss Wilhelmshöhe untergebracht werden – die Ergebnisse einer entsprechenden Bodenlastprüfung lägen vor.

„Entsammeln“ aufgrund von Richtlinien

Von der Volkskunde-Sammlung soll nur ein Drittel bis die Hälfte bleiben – der Rest wird an andere Museen abgegeben oder vernichtet. Dem gehe eine genaue Prüfung mit externen Gutachtern voraus, versichert Eberle, alle Objekte würden fotografiert und dokumentiert, bevor man sich von ihnen trennt: „Das ist ein normaler Prozess in Museen.“ Eberle verweist auf die dem „Entsammeln“ zugrunde liegenden Richtlinien des Deutschen Museumsbundes.

Überrascht wurden die HKH-Mitarbeiter von Eberles Vorgabe, dass die Tapetensammlung vor der für 2026 avisierten Eröffnung des Deutschen Tapetenmuseums am Brüder-Grimm-Platz noch einmal umziehen soll – vom Königstor ins Landesmuseum. Dort sollen die Schauräume und die Sonderausstellungsfläche im vierten Stock als Lager genutzt werden.

Es sei sinnvoll, die Tapeten, die seit 13 Jahren am Königstor lagern, für ein dauerhaftes Depot oder die Präsentation im Museum vorzubereiten, heißt es aus HKH-Quellen – dazu zählten eine Schadstoffbehandlung und eine „sauerstoffarme Lagerung“. Dieser Umzug „auf Biegen und Brechen“ für nur zweieinhalb Jahre sei aber unnötig. Der Transport sei ein riesiger Aufwand und bedeute eine unnötige Gefährdung der Tapeten: „Diese Zwischenlösung erschließt sich nicht.“

Fachleute äußern Bedenken – Eberle soll sie ignoriert haben

Laut Eberle bleibt trotz eines Umzugs ausreichend Gelegenheit, vor der Einrichtung des Museums die Tapeten zu reinigen und zu entscheiden, was für die Sammlung dauerhaft übernommen werden soll.

Im vertraulichen Gespräch äußern mehrere Fachleute von HKH Bedenken, die Eberle ignoriert habe – Einwände gegen die Verlagerung der Ur- und Frühgeschichte nach Wiesbaden, Kritik an der teilweisen Auflösung von Sammlungen, an der Gefährdung von Kunstgut. Die vielen eiligen Umzüge seien unsinnig und überflüssig, sie kosteten viel Geld, Zeit, Kraft und Nerven. Es gehe alles zu plötzlich und zu schnell, es fehle an Zeit, die Sammlungen vor dem Umzug zu sichten und zu sortieren.

Eberle verweist darauf, dass er keine Rückmeldung seitens der Depotverwaltung habe, die die Pläne umsetzt, dass er zu schnell vorgehe. „Es ist ein wahnsinniges Chaos“, sagt dagegen ein HKH-Insider, „und es fühlt sich an wie bei Sisyphos“, weil überall die Depotflächen voll seien, nicht nur im allen technischen Ansprüchen genügenden Hauptdepot, sondern etwa auch in der Torwache.

„Im Wesentlichen sind unsere Depotflächen ausreichend“, sagt hingegen Eberle. HNA-Quellen zufolge gab es von einer Arbeitsgruppe erarbeitete Überlegungen für ein neu zu errichtendes Generaldepot „auf der grünen Wiese“, die Eberle bei seinem Amtsantritt vom Tisch gewischt habe.

Mehr über die Zukunft des astronomisch-physikalischen Kabinetts in der Orangerie in Kassel lesen Sie hier.

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