VonBettina Fraschkeschließen
Großen Unmut hat die Schließung des Planetariums in der Orangerie in Kassel vor über zwei Jahren hervorgerufen. Noch immer fehlt eine Perspektive.
Kassel – Auf der Website von Hessen Kassel Heritage heißt es zur Orangerie: „Ein Haus für Lorbeer- und Orangenbäume“ und „In den 1760er-Jahren beobachtete sein Enkel Landgraf Friedrich mit Fernrohren auf den Dächern der Orangerie den Lauf des Mondes und der Planeten.“ Die renommierte Sammlung des astronomisch-physikalischen Kabinetts, die dort über Jahrzehnte beheimatet war, ist aus dem Gebäude verschwunden. Aber eben auch von der Website von HKH. Die Perspektive ist unklar.
Im astronomisch-physikalischen Kabinett wurde anschaulich, wie am Kasseler Hof Sternenkunde betrieben wurde – die wissenschaftliche Forschung diente dem Ruhm der Landgrafen. Sie holten internationale Wissenschaftler nach Kassel, ließen Messinstrumente entwickeln, die außerdem ihrem Repräsentationsbedürfnis dienten. „Rembrandts der Physik“ werden die wertvollen Objekte genannt – im führenden naturwissenschaftlichen Museum der Welt, der Smithsonian Institution in Washington D.C., sind Repliken ausgestellt.
Planetarium in Kassel klagt über Personalprobleme
Seit über zwei Jahren aber ist das astronomisch-physikalische Kabinett (APK) geschlossen. Grund: gravierender Sanierungsbedarf. Auch das Planetarium im Haus ist geschlossen. Wenn dessen Personalprobleme gelöst seien, soll es öffnen, sagt HKH-Direktor Martin Eberle, an dem es aktuell heftige Kritik gibt.
Seit der APK-Schließung im April 2021 sind der bürgerschaftliche und wissenschaftliche Protest nicht verstummt. Die Physiker der Universität, überregionale und regionale Fachleute, sowie 170 Unterzeichner eines Offenen Briefes an Ministerpräsident Boris Rhein setzen sich für die Beibehaltung des APK ein. Unstrittig ist bei allen, dass die Sammlungspräsentation neu aufbereitet werden müsste.
Ein Problem ist die Brandschutzmeldeanlage, die erneuert werden muss. Das kann zügig erfolgen, sagt die stellvertretende HKH-Direktorin Edda von Spiegel. Parallel werde aber derzeit der gesamt Sanierungsbedarf geprüft.
Gebäude in Kasseler Orangerie muss erneuert werden
Ein Sprecher des Hessischen Kunstministeriums teilt mit: „Die Gebäudetechnik muss – auch vor dem Hintergrund möglicher energetischer Optimierungen – zum großen Teil erneuert werden. Insofern kann noch keine Aussage hinsichtlich der zukünftigen Nutzung getroffen werden.“ Die sei auch abhängig von der Haushaltslage.
Martin Eberle geht von einer „mindestens zehnjährigen“ Schließungszeit aus. Was dann mit dem Gebäude geschieht, sieht er nicht in seiner Verantwortung: „Das ist eine Entscheidung des Ministeriums. Ein Museumsdirektor entscheidet nicht, ob ein Museum auf oder zu macht.“ Er gehe davon aus, dass er in den Bewertungsprozess einbezogen werde.
Das Planetarium in Kassel
Das astronomisch-physikalische Kabinett hat Objekte versammelt, die die Geschichte von Astronomie, Raum- und Zeitmessung sowie der experimentellen Physik seit der Renaissance darstellen. Ältestes Instrument ist eine Planetenuhr (1557-1562) von Landgraf Wilhelm IV., die die Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten zeigt.
Langfristig könne er sich beide Varianten vorstellen: „Alles beibehalten, das ist für mich nach wie vor eine Variante. Oder man kann wieder eine Orangerie einrichten.“ Er habe beides geprüft und komme zu dem Schluss: „Das ist nicht mehr meine Entscheidung. Beides würde ich gut machen, glaube ich.“
Planetarium in Kassel soll bald wieder öffnen
Und zwischenzeitlich? Die HKH-Wissenschaftler Antje Scherner und Karsten Gaulke, der langjährige Verantwortliche fürs APK, arbeiten nach Eberles Angaben an einer Interims-Präsentation im Landesmuseum. Dafür soll die Etage mit der fürstlichen Kunstkammer im Landesmuseum, das erst 2016 neu eingerichtet worden war, neu aufgestellt werden.
Demzufolge sollen Bereiche für astronomisch-physikalische Objekte freigeräumt werden, teils bleiben Kunstkammerräume unverändert, teils soll es ein Miteinander von Exponaten aus beiden Sammlungen geben. Eberle: „Ich denke, ein Großteil der APK-Sammlungen kann gezeigt werden, die historisch bedeutendsten vom 16. bis ins 18. Jahrhundert.“
Die Vorbereitung wird rund zwei Jahre dauern, schätzt Eberle. Es hänge auch von der Haushaltssituation des Landes ab. Das Ministerium schicke demnächst eine Kommission nach Kassel, die sich vor Ort alles anschaut.
Wechselnde Zuständigkeiten sorgen für Unverständnis
Für Unverständnis – auch bei externen Kennern der Kasseler Sammlungen – sorgt, dass HKH-Direktor Martin Eberle einzelne Sammlungsbereiche neu zugeschnitten hat. Die Wechsel in den bisherigen Zuständigkeiten gehen schon aus der Auflistung der Ansprechpartner auf der neuen HKH-Website hervor.
Die Zuordnung erfolgt jetzt vorrangig nach Materialien (zum Beispiel Textilien, Möbel, Münzen und Medaillen), nicht mehr nach den Sammlungen und Epochen sowie der jeweiligen Ausbildung der Kustoden.
Einige Beispiele: Astrid Wegener, die die historische Tapetensammlung betreut, ist nun für die Sammlung „Textil und Mode“ verantwortlich, die jetzt beispielsweise auch die Schwälmer Trachten aus der Volkskunde beinhaltet. Antje Scherner, bisher Sammlungsleiterin Angewandte Kunst, betreut nun „Kunsthandwerk und Design, Skulpturen und Plastik“. Die Zuständigkeit für Münzen und Medaillen hat sie an den Archäologen Rüdiger Splitter abgegeben, für die Militaria ist nun Karsten Gaulke verantwortlich.
HKH-Direktor Martin Eberle erklärt die Veränderungen
Gaulke, bisher Leiter des Astronomisch-Physikalischen Kabinetts, firmiert nun unter „Sammlung technische Instrumente, Planetarium“. Martina Lüdicke (bislang Volkskunde) verantwortet jetzt „Regionalgeschichte und Alltagskultur“ sowie die Möbel-Sammlung.
Mit all diesen Veränderungen geht einher, dass sich Spezialisten in neue Themenfelder einarbeiten müssen. Das sei objektiv nicht nachvollziehbar, heißt es aus der HKH-Belegschaft, ja bisweilen absurd, und eine Vergeudung von Personalressourcen, weil Expertise verloren gehe – auch um die Kasseler Sammlungen international zu vertreten.
Martin Eberle begründet die Veränderungen damit, dass er den Zusammenschluss der Verwaltung der Schlösser und Gärten mit den Staatlichen Museen zur MHK – jetzt HKH – auch inhaltlich vollziehe. Damals sei Astrid Wegener als jüngster personeller Neuzugang Leiterin der Schlossmuseen geworden. Die Objekte beispielsweise in der Löwenburg würden jetzt den einzelnen Sammlungen zugeteilt – es sei Blödsinn, dass das Porträt eines Fürsten im Schloss zur Gemäldegalerie gehöre, das Porträt seiner Frau in der Löwenburg aber in die Sammlung „Schlossmuseen“. So würden auch Doppelungen in den Beständen auffallen, von denen man sich trennen könne. Er entlaste Bereiche mit einer hohen Zahl an Objekten, sprich: Die Aufgaben würden fairer verteilt.
HKH-Mitarbeiter leiden unter Umstrukturierung
Zweites Argument Eberles ist, dass die Umstrukturierung mit dem Aufbau einer neuen Datenbank einhergeht, die von Anfang eine Gliederung nach Objektbeständen haben soll.
Drittens denke er jetzt schon an Nachfolgeregelungen, also an die Zeit, wenn die Sammlungsleiterstellen neu besetzt werden müssten. Dann ließen sich die Stellen besser ausschreiben. Die Zuständigkeit für Schatzkunst, Münzen und Waffen – wie bei Antje Scherner – werde man als Schwerpunkte „bei einem Kunsthistoriker so nie wieder finden“. Eberle weiter: „Ich werde nicht erwarten, dass Herr Splitter ein Kenner der Münzen des 19. Jahrhunderts wird. Aber ich kann es von seinem Nachfolger erwarten.“
„Das ist ein unglaublich schwieriger Punkt für die Mitarbeiter“, sagt Eberle, „das verstehe ich.“ Aber wenn die Umstrukturierung formal vollzogen werde, heiße das nicht, dass man nicht bis zum Ende der Dienstzeit in seiner vertrauten Sammlung weiterarbeiten könne. Insofern ändere sich nichts, erklärt Eberle. Obwohl jetzt Rüdiger Splitter für frühneuzeitliche Münzen zuständig ist: „Ich werde aber Frau Scherner nicht verbieten, mit Renaissancemedaillen zu arbeiten. Ich werde es Herrn Splitter verbieten, wenn er es Frau Scherner verbietet. Das ist auch immer so kommuniziert worden. Alles andere ist nicht wahr.“
Aus HKH-Kreisen verlautet allerdings, es gebe einfach keine Kapazitäten, sowohl die bisherigen Themenfelder im Blick zu behalten, als auch sich gleichzeitig in neue Sammlungsbereiche einzuarbeiten: „Wie soll ich das alles schaffen?“, fragt eine Betroffene. (Bettina Fraschke)
Rubriklistenbild: © axel schwarz/Lothar Koch/HKH



