Protesttag mit Demo

Notdienste beim Apotheken-Streik im Kreis Fulda ausgelastet

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Durch das Notdienstfenster der Apotheke gab Katja Schaumburg die Medikamente aus.
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Aus Protest gegen ihre schwierigeren Arbeitsbedingungen und die Gesundheitspolitik des Bundes blieben am Mittwoch alle Apotheken im Kreis Fulda geschlossen. Statt zu arbeiten, gingen die Mitarbeiter demonstrieren. Die sechs Pharmazien, die den Notdienst aufrecht erhielten, waren ausgelastet.

Fulda - Erst zum Haus- oder zum Facharzt und dann, falls nötig, in die nächstgelegene Apotheke – das, was für viele Menschen vielleicht schon seit Jahren eine Selbstverständlichkeit ist, war am Mittwoch (14. Juni) nicht möglich. Die allermeisten Apotheken im Landkreis Fulda hatten aus Protest geschlossen.

Die Apotheken - auch in der Region Fulda - beteiligten sich an einem bundesweiten Protesttag, den die Apothekerverbände und Apothekerkammern unter dem Dach der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) organisiert hatten. Die Patienten wurden von den Ärzten direkt an die sechs Apotheken verwiesen, die den Notdienst übernahmen.

Notdienste beim Apotheken-Streik im Kreis Fulda ausgelastet

Das waren die St. Georg-Apotheke in Fulda, die Möwen-Apotheke in Großenlüder, die Apotheke am Niedertor in Hünfeld, die Kalbach-Apotheke in Mittelkalbach, die Apotheke Schmalnau und die Marien-Apotheke in Wüstensachsen. Damit für jeden deutlich sichtbar wurde, dass die sechs Apotheken nur ausnahmsweise im Dienst waren, wurden die Kunden durch die kleinen Notdienstfenster bedient.

„Gut, dass wir heute in voller Besetzung mit fünf Mitarbeitern im Dienst waren. Denn der Ansturm war gewaltig. Eigentlich wollten wir erst mit einem Teil des Teams zur Demonstration nach Wiesbaden fahren“, berichtete Katja Schaumburg, Physikalisch-Technische Mitarbeiterin (PTA) der St. Georg-Apotheke in der Goerdelerstraße in Ziehers-Nord.

St. Georg übernahm am Mittwoch den Notdienst für die gesamte Stadtregion. Die allermeisten Patienten, die zuvor einen Arzt in Fulda aufgesucht hatten, kamen dann zur Apotheke in die Goerdelerstraße.  „Wir hatten viele positive Reaktionen. Zum Glück ist es nicht so heiß. So fällt das Warten nicht schwer“, bilanzierte Schaumburg.

Die Kunden, die häufiger kommen, wissen, wofür wir streiken, und zeigen Verständnis.

Katja Schaumburg, St. Georg-Apotheke 

„Vor allem die Patienten, die häufiger zu uns kommen, kennen unsere Nöte und haben Verständnis. Sie wissen, warum wir streiken.“ Bei den Menschen, die vor der Apotheke in Ziehers-Nord warten mussten, hielten sich Verständnis und Ärger aber die Waage. „Für die Betroffenen, die schnell ein Medikament brauchen, ist das ärgerlich“, sagte Mahsum Alp (31).

Zustimmend äußerte sich hingegen Barbara Hey (50): „Für mich war der Umweg jetzt nicht so groß. Manchmal ist ein Streik notwendig, um etwas zu bewegen.“ Auch Heiko Polednie (47) äußerte sich zustimmend: „Der Umweg ist für mich nicht schön. Aber das Gesundheitssystem ist selbst krank. Ich merke bei mir und auch meiner Mutter, das plötzlich notwendige Medikamente nicht mehr verfügbar sind. Das ist ein unhaltbarer Zustand.“

Plakate machten die Forderungen der Demonstranten in Wiesbaden deutlich.

Die meisten Apotheker und ihre Angestellten fuhren zu einer Kundgebung nach Wiesbaden. Dort sprach auch Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) zu den Teilnehmern. Er äußerte Verständnis für die Apotheken. „Dass Eltern für ihre Kinder teils nicht einmal mehr den passenden Hustensaft bekommen, hätte ich mir vor ein paar Jahren nicht vorstellen können“, sagte er.

Die Apotheker protestierten gegen die „überbordende Bürokratie, Unterfinanzierung und mangelnde Wertschätzung seitens der Bundesregierung“. Die Apotheker-Verbände verlangen in einem 10-Punkte-Forderungskatalog unter anderem eine Anhebung der Honorare für verschreibungspflichtige Arzneimittel von 8,35 Euro auf 12 Euro pro Packung. Dieser Betrag wurde zuletzt vor zehn Jahren um 25 Cent erhöht.

Die Pharmazeuten aus der Region nahmen am Mittwochmittag an einer großen Protestdemonstration in Wiesbaden teil.

Zudem wollen die Apotheker mehr Mitsprache in der Patientenversorgung, wenn Medikamente knapp werden. Außerdem fordern sie eine höhere „Engpass-Pauschale“, wenn die Suche nach vergriffenen Arzneien länger dauert. Der Vorsitzende der Apotheker in Hessen, Holger Seyfarth, kündigte in Wiesnbaden weitere Proteste an. „Das heute hier wird nicht eine einmalige Aktion bleiben“, sagte er. 

Vor dem Hünfelder Rathaus hatten sich die Hünfelder Apotheker mit ihrer Hilderser Kollegin Christine Zentgraf zu einem Protesttag versammelt. Dort gab es einen Info-Stand, Flugblätter wurden verteilt und viele Gespräche mit Passanten geführt. Zudem machten sich die Apotheker samt ihrer etwa 30 Angestellten auf den Weg, die Bürger in der Innenstadt von ihren Anliegen zu unterrichten.

Zahlreiche Apotheker aus Hessen haben sich am Mittwoch in Wiesbaden versammelt.

Eugen Roth, Andrea Vogt, Klaus und Max Ohlendorf sowie Christine Zentgraf war es wichtig, auf das Hauptproblem hinzuweisen: „Die Honorare für verschreibungspflichtige Medikamente machen 80 Prozent unseres Umsatzes aus, wurden seit 20 Jahren aber nur einmal angepasst“, sagte Roth. „Und das um lächerliche 25 Cent“, ergänzte Vogt.

Viel Personal und viele Informationen: Die Apotheker kamen mit großer pharmazeutischer Mannschaft zum Protesttag vor das Hünfelder Rathaus (vorne, von rechts): Klaus Ohlendorf, Andrea Vogt, Christine Zentgraf, Eugen Roth und Max Ohlendorf.

„Weil aber der Zwangsrabatt an die gesetzlichen Krankenkassen von 1,77 auf 2 Euro erhöht wurde, wird die Erhöhung fast vollständig aufgefressen“, so Roth. „Und das bei steigenden Kosten“, sagte Klaus Ohlendorf, der auf gestiegene Versicherungsprämien, Lohnerhöhungen, steigendes Risiko und zunehmende Bürokratie hinwies.

„Das ist keine Partnerschaft mehr mit den Krankenkassen“, unterstrich Ohlendorf, dessen Sohn Max kritisierte, dass die Kompetenz immer weiter eingeschränkt werde. „Andersrum wäre es besser, weil wir mit unserem pharmazeutischen Sachverstand am Ende eher noch Geld im System durch Entbürokratisierung sparen könnten.“

Vor den Notdienst-Apotheken im Kreis bildeten sich den ganzen Tag über Warteschlangen.

Klaus Ohlendorf erinnerte an die Coronazeit, in der „unsere Kreativität sehr gefragt war“. Davon sei jetzt keine Rede mehr. „Überhaupt wird Corona immer wieder angeführt als Phase, in der wir viel Geld verdient hätten“, sagte Roth, der relativiert: „Da waren wir jeden Tag an der Front.“

Video: Großer Streik - viele Apotheken betroffen

„Wir haben den engen Kontakt mit Infizierten nicht gescheut und ständig volle Leistung erbracht. Das lassen wir uns doch nicht vorwerfen“, betonte Roth. Ohlendorf führte die „Dokumentationspflicht jedes einzelnen Tests“ als Beispiel für die Bürokratisierung an: „Noch fünf Jahre müssen wir alle Unterlagen datenschutzkonform aufheben.“

Die Hünfelder Apotheker räumten zwar ein, dass die Umsätze aufgrund steigender Medikamentenpreise zuletzt gewachsen seien. „Aber davon bleibt bei uns nichts hängen, weil sich an den Fixbeträgen nichts ändert“, sagte Vogt.

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