Grippe, Schnupfen, Corona

Höchster Krankheitsstand seit sieben Jahren: Jeder Zwölfte leidet derzeit unter Erkältungskrankheiten

  • schließen

Husten, Schnupfen, Grippe, Corona – mit dem Herbst sind auch die Erkältungskrankheiten zurück. Viele Menschen scheinen die Rotznase in diesen Tagen gar nicht mehr loszuwerden. Es drängt sich die Frage auf: Ist es dieses Jahr schlimmer als sonst?

Berlin/Fulda - Radiohörer bekamen die News in den vergangenen Wochen täglich mit den Morgennachrichten serviert, Pendler in Hessen erlebten es hautnah: Busse und Bahnen kamen einfach nicht, weil das Personal krank war – und das über Wochen hinweg.

Ob die Cantusbahn zwischen Bad Hersfeld und Kassel, S-Bahnen in Frankfurt, der Regional-Express von Kassel nach Halle, die Züge zwischen Friedberg und Gießen oder Busse im RMV-Gebiet: Weil sich Fahrer krankmeldeten, mussten viele Busse und Bahnen in den Depots bleiben. Schon vor vier Wochen sagte Bernd Conrads, Pressesprecher der Frankfurter Verkehrsgesellschaft (VGF), dem Hessischen Rundfunk: „Wir haben normalerweise eine Krankenquote von bis zu acht Prozent, im Moment ist sie etwa doppelt so hoch.“

Hessen: Höchster Krankheitsstand seit sieben Jahren

Aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts bestätigen, dass was in der Luft liegt: Wie „Bild“ unter Berufung auf das RKI berichtet, sind die Fallzahlen bei Atemwegserkrankungen für die Jahreszeit so hoch wie seit 2011 nicht mehr. Damals habe es in der 43. Kalenderwoche (Mitte Oktober) 6473 Fälle pro 100.000 Bürger gegeben, dieses Jahr seien es eine Woche früher schon rund 8000 gewesen – über 20 Prozent mehr. Demnach leidet mindestens jeder zwölfte Bundesbürger unter einer Erkältungskrankheit.

Husten, Schnupfen, Grippe, Corona – mit dem Herbst sind auch die Erkältungskrankheiten zurück. (Symbolbild)

Die Gründe für den massiven Anstieg der Zahlen liegen zwar auch darin, dass die Menschen nach den Erfahrungen mit Corona heute schneller zum Arzt gehen. Ferner wird inzwischen auch bei Atemwegserkrankungen mehr getestet. Dennoch zeigt sich im Gesamtbild: Die Immunsysteme sind nach Maskenpflicht, Lockdowns und Abschottung anfälliger für Atemwegserkrankungen. Oft sind es klassische Infekte, viele erwischt auch wieder das Coronavirus, und langsam kündigt sich die Influenza an. Im Wochenbericht des RKI heißt es, zuletzt habe es 1,4 Millionen Arztbesuche in einer Woche wegen akuter Atemwegserkrankungen gegeben.

Drei Fragen an: Ralph-Michael Hönscher, Hausarzt aus Petersberg und Vorsitzender des Gesundheitsnetz Osthessen (GNO)

Frage: Ist auch in den osthessischen Praxen ein Anstieg bei Erkältungskrankheiten zu beobachten?

Antwort: Es ist gefühlt nicht extremer als in den Jahren zuvor. Im Herbst und Winter ist immer ein Anstieg zu beobachten. Es gibt zwei große Wellen, in der Weihnachtszeit und Ende Februar, an Fastnacht. Was aber zu beobachten ist: Es gibt inzwischen häufiger schwere Infekte, sogenannte Superinfektionen, bei denen sich eine bakterielle Infektion auf eine Virusinfektion setzt. Generell sind viele Menschen unsicherer geworden und gehen häufiger zum Arzt. Es muss klar sein, dass ein Husten auch länger als eine Woche dauern kann. 

Frage: Wie kommt es, dass sich einige gerade jetzt mit Atemwegserkrankungen herumschlagen?

Antwort: Unser Immunsystem ist nichts mehr gewöhnt – durch das Maske tragen und die Kontaktbeschränkungen zu Corona-Zeiten. Die Menschen sind impfmüde und lassen sich zum Beispiel nicht gegen Influenza impfen. Auch das führt zu mehr Patienten, weil das in der Pandemie anders war. Hier empfiehlt die WHO eine Durchimpfung der Bevölkerung von 75 Prozent. Da liegen wir weit davon entfernt. Und in den Wintermonaten fehlt es an Vitamin D. Auch das macht uns anfälliger für Erkrankungen. 

Frage: Was kann man tun, um sich vor Husten, Schnupfen, Heiserkeit zu schützen?

Antwort: Virusinfektionen – und das sind die meisten, die derzeit kursieren – kann man nur symptomatisch behandeln. Antibiotika hilft nur, wenn es eine bakterielle Infektion ist. Was man tun kann – und das rate ich auch: Man kann sich gegen Influenza und auch Pneumokokken impfen lassen. Wie wichtig das ist, zeigt eine Zahl: Das Herzinfarktrisiko steigt mit einer durchgemachten Influenza um das achtfache. Vorbeugend kann man auch Zink sowie Vitamin D und C einnehmen. Und wenn man krank ist, sollte man seinem Körper die Ruhe geben, die er braucht. (dan)

In den osthessischen Gesundheitsämtern wird nicht die Zahl der Arztbesuche, sondern lediglich die Zahl meldepflichtiger Diagnosen erfasst – und die ist derzeit noch gering. So teilt der Landkreis Fulda auf Anfrage mit, in der letzten Oktoberwoche sei lediglich ein Influenza-Fall registriert worden sowie 44 Corona-Fälle.

Auch im Vogelsberg und im Main-Kinzig-Kreis sind keine nennenswerten Zahlen von Influenza festgestellt worden. Das sagt allerdings nichts über die wirkliche Situation aus: „Die Bewertung einer Lage darf nicht aufgrund nur einer einzigen Datenquelle erfolgen“, sagt Leoni Rehnert, Pressesprecherin des Landkreises Fulda. Dementsprechend wertet das RKI zahlreiche Quellen aus.

Ein weiteres Indiz, dass die Lage in diesem Jahr deutlich schlimmer ist als in der Vergangenheit, lieferte die Krankenkasse DAK: Nach deren Analyse hat sich allein in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres über die Hälfte aller hessischen Arbeitnehmer mindestens einmal krankschreiben lassen. So eine hohe Quote werde gewöhnlich erst gegen Ende des Jahres erreicht, hieß es. Insgesamt spricht man bei der Krankenkasse vom höchsten Krankenstand seit sieben Jahren.

Trotz bestem Wetter hatte auch die Sommergrippe viele erwischt. Woran das lag, wie voll die Praxen waren und wie viele Corona-Fälle es in den Sommermonaten gab, erklärt GNO-Chef Ralph-Michael Hönscher.

Rubriklistenbild: © Susann Prautsch/dpa

Kommentare