VonJutta Rippegatherschließen
Die Bauernschaft fordert mehr Jagddruck auf Schwarzkittel. Die Afrikanische Schweinepest bringt Betriebe in Existenznöte. Nicht nur die, die direkt betroffen sind.
Wiesbaden – Die Afrikanische Schweinepest breitet sich weiter aus. Trotz aller Bemühungen hat sie die Grenzen des Landkreises Groß-Gerau überwunden. Am Wochenende wurde erstmals im Landkreis Bergstraße ein Wildschweinkadaver positiv auf das Virus getestet. Zuvor war in mehreren Mastbetrieben im Kreis Groß-Gerau die Seuche aufgetreten. Trotz strenger Hygieneregeln müssen sie ihren gesamten Bestand keulen. Eine existenzielle Bedrohung für die Betroffenen.
Andere Bundesländer haben das auch geschafft
Und so mancher fragt sich: Ist die Seuche noch zu stoppen? Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin sieht keinen Grund, dies zu bezweifeln: „In anderen Bundesländern wurde sie zum Halt gebracht. Warum sollte das in Hessen nicht gelingen?“ Doch im Moment, so der Eindruck von außen, scheint eine Art Ratlosigkeit eingetreten zu sein. Wie kann es sein, dass selbst sogenannte Vorzeigebetriebe nicht gefeit sind? Gibt es noch andere Übertragungswege als die bisher bekannten – sprich kontaminierte Fahrzeuge, Ausrüstung, Kleidung oder Hundepfoten? Theorien gibt es viele. Bewahrheitet hat sich keine. Die Wissenschaft tut das, was ihre Pflicht ist. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagt eine Sprecherin des Friedrich-Loeffler-Instituts. „Sehr unwahrscheinlich“ sei die Übertragung über Mücken. Auch Nager würden unter die Lupe genommen – bei Tierseuchen sei das Routine.
Seuche grassiert schon länger in Hessen
Gesichert ist bislang, dass das Virus über infiziertes Fleisch aus Osteuropa nach Hessen gelangt sein muss. Die Seuche grassiere schon länger in Südhessen als zunächst angenommen, sagt Markus Stifter, Sprecher des Landesjagdverbands. Die Untersuchung eines Wildschweinkadavers nahe der einstigen Opel-Rennbahn ergab, dass dieses Tier bereits vor Ostern an dem Virustyp verendet war, der zuvor einzig in Osteuropa aufgetreten war. Erst Mitte Juni war die erste offizielle Bestätigung einer Infektion in Rüsselsheim-Königstädten bekannt geworden. Die für Menschen ungefährliche Krankheit hatte demnach Wochen Zeit, sich auszubreiten, bis sie entdeckt und die Alarmkette aktiviert wurde.
Zaunbau, Drohnensuche, die unappetitliche Kadaververnichtung bei hochsommerlichen Temperaturen – „die Maßnahmen liefen dann gut“, sagt Norbert Klapp, der die Interessen des Hessischen Bauernverbands im Krisenstab vertritt. Unzufrieden ist er hingegen mit dem Umgang der Behörden mit den Betrieben in der Schutzzone, die nicht betroffen sind. Auch nach sechs Wochen wüssten sie nicht, wo die negativ getesteten Schweine geschlachtet werden können. „Die Leute warten auf Antworten. Darum muss man sich kümmern“, sagt Klapp.
Eine schlechte Zukunft sieht er für jene Betriebe, die ihren gesamten Schweinebestand keulen mussten. Die Seuchenversicherungskasse zahlt zwar 180 bis 200 Euro pro Tier. Doch wie geht es dann weiter mit den Restriktionen in der Zone? „Auf Sardinien hat es 40 Jahre gedauert.“
Klapp ist zuversichtlich: In den hessischen Schweineställen lässt sich die Seuche stoppen. Bei den Schwarzkitteln ist er weniger optimistisch. „Die Bestände lassen sich nur mit mehr Jagddruck dezimieren.“
Zu viele Wildschweine wegen Klimawandel
Der Bestand an Wildschweinen in Hessen ist groß. Doch das liegt nicht an der faulen Jägerschaft, versichert der Sprecher des Landesjagdverbands. Wegen des Klimawandels bringen die Sauen mehr Ferkel als früher durch. Es gibt mehr Mais, mehr Getreide zum Fressen und um sich zu verstecken, sagt Stifter.
Unterdessen bereitet sich die hessische Bauernschaft auf eine weitere Ausweitung der Seuche vor. Vorige Woche ließ sich der Regionalbauernverband Wetterau-Frankfurt von der Fachdienstleiterin des Veterinärwesens und der Lebensmittelüberwachung des Landkreises aufklären.
Hunde dürfen nicht in den Wald
Auch Norbert Klapp haben die Ereignisse in Südhessen sensibilisiert. Er hat seinen Schweinebetrieb zwar ganz weit entfernt im Schwalm-Eder-Kreis, ganz im Norden des Hessen-Landes. Dort ist die Bevölkerungsdichte auch nicht so groß wie im Rhein-Main-Gebiet, wo viel mehr Menschen potenziell das Virus von A nach B tragen können. Doch Klapp hat die Sicherheitsvorkehrungen für seinen Betrieb noch mal verschärft. Kleidungwechseln vor dem Betreten des Stalls ist Pflicht. Und die beiden Hunde dürfen derzeit nicht in den Wald. Sicher ist sicher.
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