Afrikanische Schweinepest

„Was haben wir verbrochen?“: Hessische Schweinebauern fühlen sich im Stich gelassen

  • schließen

Es gibt zahlreiche Mast- und Zuchtbetriebe, die nach dem Auftreten der Afrikanischen Schweinepest im Kreis Groß-Gerau händeringend auf Lösungen warten.

Was ist besser: die Afrikanische Schweinepest (ASP) im Stall zu haben oder die Tierseuche nicht im Stall zu haben? Diese Frage stellt sich unweigerlich, wenn man den Worten von Landwirt Rainer Roth aus Riedstadt-Wolfskehlen lauscht. Er berichtet der FR von verzweifelten Berufskollegen und -kolleginnen, die wegen der nun geltenden Verbote und Beschränkungen massive Probleme in ihrem Stall haben. „Bei den Mästern wachsen die Tiere, bei den Züchtern kommen die Muttersauen zur nächsten Abferkelung.“ Die Betriebe wissen nicht, wohin mit den Tieren, erhoffen sich Antworten auf wichtige Existenzfragen, die sie aber nicht bekommen.

Schweinehalter hoffen auf Experten, die ihnen Wege aus der Krise aufzeigen

Rainer Roth ist selbst Betroffener. Am Mittwoch wurde sein gesamter Bestand von 157 Hausschweinen getötet, weil das Virus in seinem Stall auftrat. Wie und wann es für ihn weitergehen kann, weiß er nicht. Er habe noch kein Schriftstück, das ihm sagt, wie es nach der Tierseuche für ihn laufen kann. „Wir telefonieren ständig rum und versuchen, in Chats und Onlinekonferenzen Informationen zu bekommen, die uns weiterhelfen“, sagt er.

„Da sitzen Gremien zusammen und reden, aber es gibt keine Lösungen.“ Dabei grassiere ASP schon seit vier Jahren in Deutschland. Es müsse doch jemanden geben, der Wege aufzeige und die schweinehaltenden Betriebe an die Hand nehme, sagt er - und stößt damit in das gleiche Horn wie der Hessische Bauernverband. „Wir kommen uns vor, als ob wir Lepra hätten und keiner mit uns zu tun haben will“, sagt der 57-Jährige. „Was haben wir verbrochen, dass man uns so im Regen stehen lässt?“

Ferkelverkauf ist wegen Afrikanischer Schweinepest verboten

Roth berichtet von einem morgendlichen Telefonat mit einer Schweinezüchterin im Kreis Groß-Gerau, die sofort in Tränen ausgebrochen sei. Sie habe jetzt 120 Muttersauen und 900 Ferkel im Stall stehen und erwarte demnächst weitere Geburten. Es gebe für die Zuchtbetriebe zwar ein Besamungsverbot wegen der Schweinepest, die Muttersauen seien allerdings schon Wochen vorher besamt worden. „Eine Muttersau trägt drei Monate, drei Wochen und drei Tage“, sagt Roth. Von der Schweinepest im Kreis Groß-Gerau, die zuerst bei einem Wildschwein auftrat, wisse man erst seit fünfeinhalb Wochen.

Nicht nur am Kühkopf (Kreis Groß-Gerau) sind auf Warnschildern die Verhaltensregeln zur Eindämmung der Afrikanischen Schweinepest zu lesen.

Die Sauen seien in Gruppen besamt worden, alle drei Wochen gebe es deshalb Nachwuchs. Jede Sau wirft rund zehn Ferkel. Die nächste Abferkelung stehe schon in sechs oder sieben Tagen an, und die Schweinezüchterin dürfe keines der Ferkel an einen Mastbetrieb verkaufen. „Sie hat ein Platzproblem. Außerdem wachsen die Ferkel schnell und fressen auch viel mehr, wenn sie erst einmal 20 Kilo haben“, so Roth.

Verzweifelte Schweinezüchterin möchte Ferkel jetzt abtreiben lassen

Die Schweinezüchterin habe jetzt einen Antrag gestellt auf Entferkelung, was einer Abtreibung gleichzusetzen ist. Aber auch das muss erst genehmigt werden – und die Zeit drängt. Sie wünsche sich ASP schon fast herbei, dann werde der Bestand gekeult und ihre Probleme seien gelöst.

In einem Mastbetrieb in Roths Nachbarschaft, der derzeit gut 800 Hausschweine im Stall stehen hat, sind die Probleme ähnlich gelagert. Es herrsche Enge in den Buchten, die Tiere seien jetzt so dick und groß, „dass mindestens 200 raus müssen“. Das wegen der Schweinepest geltende Verbringungsverbot verbietet ihm das aber. Das Verbot ist EU-Vorgabe und gilt in einem Radius von zehn Kilometern um den gekeulten Stall in Biebesheim – vor drei Wochen der erste, in dem sich Hausschweine mit dem ASP-Virus infiziert hatten.

Schweinepest: Tierseuchenkasse zahlt wohl 60 Prozent des Tierwertes

Rainer Roth weiß „vom Hörensagen“, dass er nach der Tötung seines Schweinebestandes von der Tierseuchenkasse 60 Prozent des Tierwertes bezahlt bekommt. Für ihn gehe es „um eine fünfstellige Summe“. Seine 157 Mastschweine seien gewogen worden, bevor sie in die Tierkörperbeseitigungsanstalt transportiert und dort verbrannt wurden. „Aber was ist mit den Kosten für die Reinigung, für die Entseuchung und das Leerstehen meines Stalls?“, fragt er. Von der Seuchenkasse sei da wohl nichts zu erwarten. „Der ASP-Erreger war in meinem Stall, in meinem Stroh, an meinen Wänden. Mein Stall ist erst ein Jahr alt.“

Auf dem Bauernhof der Familie Roth in Riedstadt-Wolfskehlen mussten wegen der Infektion mit dem Schweinepest-Virus alle Mastschweine getötet werden.

Für Schweinehalter wäre nur Produktion von „Tropenwurst“ möglich gewesen

Bevor seine Mastschweine am Mittwoch gekeult wurden, hatte Rainer Roth andere Probleme. Weil sein Betrieb in der Überwachungszone lag, hätte nur der Schlachthof Tönnies oder ein Schlachtbetrieb an der Ostsee seine Tiere annehmen dürfen. „Ich war mit meinen knapp 160 Tieren aber viel zu klein“, sagt er. Bei anderen Mastbetrieben mit größerem Bestand sei es an Speditionen für die Tiertransporte gescheitert.

Roth hätte deshalb selbst „Tropenwurst“ herstellen müssen, wie er sich ausdrückt. Das heißt, er hätte aus dem Fleisch mittels thermischer Behandlung von 80 Grad Konservenwurst produzieren müssen. „Eine normale Halbkonserve, die ein Jahr haltbar ist, muss bei der Sterilisierung nur 75 Grad erreichen“, erklärt er. Für ihn habe es nur die Möglichkeit der „Tropenwurst“ gegeben, obwohl er fünf Wochen lang gesunde Tiere im Stall stehen hatte. „Aber was soll ich mit drei Tonnen Tropenwurst? Ich hätte ein Gefrierhaus bauen müssen.“

Am 12. August will Landwirt Roth seinen Hofladen wieder öffnen

Momentan ist sein Hofladen zu. Am 12. August will er ihn wieder öffnen. Das Schild „Fleisch aus eigener Schlachtung“ muss erst einmal überklebt werden. Rainer Roth darf zwar Fleisch verkaufen, aber nur solches aus Landkreisen, die nicht in der ASP-Sperrzone liegen. „Mein Sohn ist Metzgermeister. Wir haben eine komplette Metzgerei da stehen. Wann darf er hier vor Ort wenigstens auswärtige Tiere wieder schlachten?“, fragt er.

Das Virus ist auf insgesamt sieben Hausschweinbestände übergesprungen. Alle Tiere mussten getötet werden. Beim Kreis Groß-Gerau weiß man, dass die betroffenen Landwirte vor der existenziellen Bedrohung stehen. „Wir als Kreis tun alles, was uns möglich ist, um den Landwirten zu helfen“, sagt Landrat Thomas Will (SPD). „Von Gesprächen und Hinweisen auf psychologische Beratung bis zum Aufzeigen von Finanzierungswegen.“

Unterdessen planen die Landwirtschaftsministerien in Berlin und Wiesbaden eine Informationskampagne an Autobahnen, um Reisende darauf hinzuweisen, Speisereste nur in verschließbare Müllbehälter zu werfen, damit sich das Virus nicht weiter über Lebensmittel verbreiten kann.

Rubriklistenbild: © Annette Schlegl

Kommentare