VonPeter Hanackschließen
SPD-Minister Kaweh Mansoori will etwas gegen Fachkräftemangel und Arbeitslosigkeit tun. Dazu ist der Meisterbrief in Hessen kostenlos und Schüler und Schülerinnen bekommen neue Praktika.
Wiesbaden – Die Situation in Hessen ist kurios. Es gibt immer mehr offene Stellen und auch mehr freie Ausbildungsplätze. Gleichzeitig gibt es aber auch mehr Menschen, die Arbeit suchen oder ohne Ausbildung bleiben. Da scheint also etwas nicht zusammenzupassen. Wir haben den hessischen Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr, Wohnen und ländlichen Raum, Kaweh Mansoori, gefragt, wo er da anpacken will.
Herr Minister, bis zum Jahr 2028 fehlen in Hessen 200 000 Fachkräfte, zwei Drittel davon im Handwerk oder Gewerbe. Seit Anfang dieses Monats ist der Meisterbrief nun kostenlos. Was kann das bringen?
Ich habe mich lange dafür eingesetzt, dass die berufliche und die akademische Bildung als gleichwertig angesehen werden. Daher haben wir nun für Hessen eingeführt, dass die berufliche Bildung bis zum Meisterbrief nicht mit Kosten für den Einzelnen verbunden sein soll. Das ist auch eine Anerkennung für Leistungen, die junge Menschen erbringen.
Erstmals gibt es in Hessen in diesem Sommer die Praktikumswoche
Deshalb wählen mehr Schüler und Schülerinnen eine Ausbildung statt ein Studium?
Um die duale Ausbildung attraktiver zu machen, ist der kostenlose Meister ein Baustein von mehreren. Viele hat mit Blick auf eine berufliche Weiterbildung tatsächlich abgeschreckt, dass der Meisterbrief bis zu 15 000 Euro kosten kann. Das fällt als Hindernis ja nun weg. Außerdem muss man die mittelbaren Effekte sehen. Meister und Meisterinnen sind diejenigen, die Betriebe übernehmen oder eröffnen und dort andere ausbilden. Damit entstehen Perspektiven für andere junge Menschen. Wichtig ist, bewusst zu machen, dass der berufliche Bildungsweg einen attraktiven und gleichwertigen Weg in das Erwerbsleben darstellt.
Schon jetzt können Ausbildungsplätze gar nicht besetzt werden.
Es geht darum, die richtigen Leute und die richtigen Unternehmen zusammenzubringen und diese sogenannten Passungsprobleme anzugehen. Das ist auch eine Frage der Berufsorientierung. Viele junge Menschen haben nach der Schule keine Idee, was sie eigentlich machen sollen. Da unterstützen wir mit vielen Programmen. Neu ist die Aktion Praktikumswoche, die wir in diesem Sommer das erste Mal organisieren. Die guten Erfahrungen mit dem Projekt Olov – das steht für Optimierung der lokalen Vermittlung im Übergang Schule-Beruf – wollen wir weiterausbauen.
Kostenloser Meisterbrief und neue Praktikumswoche
Meisterbrief: Wer in Hessen seit 1. Juni mit Erfolg die Meisterprüfung ablegt, erhält vom Land eine so genannte Aufstiegsprämie in Höhe von 3500 Euro. Zusammen mit dem schon länger erhältlichen Meister-Bafög (Aufstiegsförderung) soll der Meisterbrief damit weitgehend kostenfrei erreichbar sein.
Die Förderung kann erhalten, wer in Hessen wohnt oder arbeitet. Sie gilt auch für Fach- und Betriebswirt:innen. Alles weitere ist zu finden unter aufstiegspraemie.hessen.de
Praktikumswoche: Erstmals gibt es in Hessen in diesem Sommer die Praktikumswoche. Sie findet in den Sommerferien und den drei Schulwochen davor statt, also von 24. Juni bis 23. August.
Wer teilnehmen möchte , kann sich dafür von der Schule befreien lassen.
Alle Informationen dazu sind unter praktikumswoche.de/regionen/hessen zu finden. pgh
Wie sieht die Praktikumswoche konkret aus?
Das sind Schnupperpraktika, in der Schüler und Schülerinnen in einer Woche bis zu fünf verschiedene Betriebe kennenlernen können. Das ist immerhin eine erste Erfahrung in einem Berufsfeld und hilft, ein bisschen auf Tuchfühlung zu gehen. Und daraus können Kontakte entstehen. Das Interesse bei den Schülerinnen und Schülern ist jedenfalls groß, über 2000 haben sich bereits angemeldet.
Minister Mansoori über Wohnheimplätze in Hessen: „Riesenfortschritt“
Bekommen die auch alle ihr Praktikum?
Leider haben wir bei den Unternehmen noch nicht die gewünschten Zahlen erreicht. Deshalb werben wir bei allen Kammern und Innungen weiter intensiv für die Praktikumswoche. Schließlich haben die Unternehmen ein großes Interesse, mit jungen Leuten in Berührung zu kommen. Zudem werden wir als Koalition Berufsorientierung in den Schulen ausbauen, und das in allen Schulformen, also gerade auch in den Gymnasien. Auch dort geht es darum, die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung deutlich zu machen.
Sechs bis sieben Prozent eines Jahrgangs bleiben ohne Schulabschluss und danach auch häufig ohne Ausbildung. Können wir uns das als Gesellschaft leisten, wo doch so viele Fachkräfte fehlen?
Ganz klar nein. Wir können und müssen als Landesregierung dabei helfen, dass die Übergänge zwischen Schule und Beruf gut gelingen. Wir fördern auch Unternehmen, die junge Menschen nehmen, die nicht mit den besten Schulnoten ankommen. Wir wollen, dass niemand in diesem Prozess auf der Strecke bleibt. Ein Großteil gerade der Langzeiterwerbslosen ist beruflich nicht oder nur gering qualifiziert. Wenn wir am Anfang des Berufslebens nicht die richtigen Startchancen geben, dann wird es später sehr schwierig, zumal durch den Wandel der Wirtschaft immer mehr Stellen gerade für gering Qualifizierte wegfallen.
Wo sehen Sie aus Ihren Zuständigkeiten heraus als Minister noch Möglichkeiten, Menschen in Ausbildung und Beruf zu bringen?
Es ist ein Riesenfortschritt, dass Hessen jetzt gleichermaßen Wohnheimplätze für Auszubildende wie für Studierende fördert. Ich erlebe da auch ein großes Interesse bei vielen Unternehmen, in dem Bereich etwas zu tun. Das ist nicht nur ein Thema in der Großstadt, sondern gerade auch im ländlichen Raum, wo die ÖPNV-Anbindung nicht so gut ist. Wenn es die Möglichkeit für Auszubildende gibt, während eines Unterrichtblocks in der Nähe der Berufsschule unterzukommen oder der Ausbildungsbetrieb Zimmer oder Wohnungen anbietet, vielleicht mit anderen Betrieben zusammen, macht das die berufliche Ausbildung attraktiver. Hier müssen wir in der Zukunft Förderprogramme stärker an die Lebenswirklichkeit von Auszubildenden anpassen.

