Interview

Hessentag in Fritzlar: Steuerzahlerbund sieht Arena-Aus als Schritt in richtige Richtung

+
Die Just-90s-Party von Radio FFH war 2018 als eine der wenigen Veranstaltungen in der Korbacher Hessentags-Arena ausverkauft. Bei weiteren Konzerten blieben die Besucherzahlen hinter den Erwartungen zurück. (Archivfoto)
  • schließen

Die Entscheidung der Fritzlarer, beim Hessentag 2024 aus Kostengründen auf die Arena für Großveranstaltungen mit bis zu 15.000 Besuchern zu verzichten, kommt beim Bund der Steuerzahler gut an.

Fritzlar/Wiesbaden – Die Kosten im gesamten Veranstaltungsbereich seien explodiert, da könnten es sich viele Kommunen nicht mehr leisten, zehn Tage mit vielen kleinen und teils auch sehr großen Veranstaltungen zu feiern, sagt Joachim Papendick, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler Hessen. Zudem sei „sehr fraglich, was Konzerte nationaler oder internationaler Stars ohne Bezug zur Region mit der Stärkung der hessischen Identität zu tun haben sollen“, sagt Papendick. Ein Interview darüber, warum der Bund der Steuerzahler regelmäßig Kritik an dem größten Landesfest in Deutschland übt.

Herr Papendick, warum steht der Hessentag grundsätzlich immer wieder beim Bund der Steuerzahler in der Kritik?

Wir wollen keine Spaßbremse sein, setzen uns aber wie in allen Bereichen dafür ein, bei den Kosten Maß zu halten. Schließlich ist der Hessentag kein Privatvergnügen, sondern wird jährlich mit rund 20 Mio. Euro aus unterschiedlichen öffentlichen Kassen, also Steuergeldern, finanziert. Hessen leistet sich dabei einen Luxus, an den kein anderes Bundesland auch nur annähernd herankommt.

Ihnen dauert das Fest auch zu lang...

Mit zehn Tagen ist der Hessentag das längste und teuerste Landesfest Deutschlands. Für die Besucherinnen und Besucher mag das ein großer Spaß sein – die Rechnung zahlen jedoch alle Steuerzahlerinnen und Steuerzahler und das Geld fehlt anderswo.

Sie sagen, der Hessentag hat sich von seinem Ursprungsgedanken entfernt. Woran machen Sie das fest?

Die Grundidee des Hessentags ist gut: Menschen unterschiedlicher Herkunft und aus allen Teilen des Landes zusammenzubringen, um gemeinsam zu feiern. Im Jahr 1961 begann alles bescheiden mit einem Wochenende. Der damalige Ministerpräsident hatte den Hessentag ins Leben gerufen, um Alteingesessenen und Heimatvertriebenen ein Zusammengehörigkeitsgefühl im neu entstandenen Bundesland zu vermitteln. Doch im Laufe der Zeit entfernte man sich immer weiter von diesem Konzept. Mehr als 60 Jahre später ist der Hessentag längst kein heimeliges Fest zur Stärkung der hessischen Identität mehr, sondern ein ausuferndes Unterhaltungs-Event mit Millionen-Kosten.

Verschärfen die aktuellen Krisen die Situation?

Die Krisen der jüngeren Vergangenheit haben Schwächen und Risiken des Konzepts noch einmal offengelegt. Insbesondere wenn kleinere Kommunen das Fest ausrichten wollen, bedeutet das für sie eine hohe Belastung. Angesichts steigender Sicherheits-, Hygiene-, Energie- und Lohnkosten, die eben nicht pauschal anfallen, macht es natürlich einen Unterschied, wie viele Tage das Fest dauert.

Themenseite zum Hessentag

Alle Nachrichten rund um den Hessentag 2024 in Fritzlar finden Sie künftig auf unserer Themenseite zum Landesfest.

Dann ist der Hessentag ein Auslaufmodell?

Der Hessentag dürfte nur eine Zukunft haben, wenn man sich auf die Ursprungsidee besinnt und kürzer und/oder seltener gefeiert wird – so wie es alle übrigen Bundesländer vormachen. Beispielsweise kommen unsere Nachbarn Niedersachsen, Thüringen und Rheinland-Pfalz inzwischen jeweils mit einem dreitägigen Fest alle zwei Jahre aus.

Aus der Staatskanzlei heißt es dazu, dies sei eine „Milchmädchenrechnung“, weil man bei einer Verkürzung zwar weniger Personalkosten, aber auch weniger Einnahmen habe...

Die Landesregierung kommuniziert in Bezug auf den Hessentag zunehmend konfus: Vor kurzem verteidigte man die Festlänge noch mit der gewagten These, es mache finanziell keinen Unterschied, wie lange gefeiert wird. Nun heißt es auf einmal, es gebe doch einen Zusammenhang – mit Blick auf die Einnahmen. Nach dieser Logik müsste man das ganze Jahr durchfeiern, um möglichst viel einzunehmen.

Aber wer länger feiert, hat mehr Einnahmen, oder?

Was die Einnahmen betrifft, können die Besucherinnen und Besucher ihr Geld nur einmal ausgeben, ob an drei oder zehn Tagen. Beim Landesfest diesen Sommer in Pfungstadt haben die Menschen mit den Füßen abgestimmt: Sie brauchen keinen zehntägigen XXL-Hessentag! Während am ersten Wochenende 150 000 Besucherinnen und Besucher kamen, ebbte das Interesse in den Folgetagen ab. Nach zehn Tagen standen unter dem Strich gerade einmal 400 000. Diese Zahlen hat die Staatskanzlei übrigens selbst verkündet.

61. Hessentag

In Fritzlar findet der 61. Hessentag vom 24. Mai bis 2. Juni 2024 statt. Erste Namen von Künstlern, die beim Hessentag auftreten, sollen noch im November genannt werden. Die Stadt rechnet mit bis zu 500 000 Besuchern. Diese Planung galt lange als vorsichtig, denn bisher hatte der verregnete Hessentag in Hess. Lichtenau (2006) mit 580 000 Besuchern die geringste Besucherzahl des zehntägigen Landesfestes. Doch: Nach Pfungstadt kamen dieses Jahr nur 400 000 Besucher. Neben dem Hessentag feiert die Stadt Fritzlar zeitgleich ihr Jubiläum: „1300 Jahre Fritzlar“. 

Beim Hessentag in Fritzlar 2024 soll es aus Kostengründen erstmals in der Geschichte der zehntägigen Hessentage keine Arena für Großveranstaltung geben. Diese Entscheidung dürfte Ihnen gefallen, oder?

Der Verzicht auf die Arena und größere Konzerte ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Entwicklung in Fritzlar wie auch schon in diesem Jahr in Pfungstadt bestätigt unsere Kritik, dass das überdimensionierte Hessentags-Konzept einfach nicht mehr in die Zeit passt. Dass Fritzlar jetzt notgedrungen vorangeht und einen Kostentreiber im Alleingang streicht, ist ein unmissverständliches Signal: Es ist jetzt wirklich allerhöchste Zeit, dass die neue Landesregierung das Konzept des Hessentags auf ein vernünftiges Maß reduziert.

Welche Befürchtungen haben Sie, wenn das nicht passiert?

Dann muss man befürchten, dass wir solche Schlagzeilen wie in Pfungstadt und jetzt in Fritzlar künftig regelmäßig lesen müssen und die Kommunen nach dem Fest mit immer größeren Defiziten dastehen.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Kostentreiber der Hessentage?

Da die Details der Planung und Verträge nicht veröffentlicht werden, können das wohl nur Land und Ausrichterkommunen sagen. Doch es liegt nahe, dass insbesondere die Auftritte prominenter Künstlerinnen und Künstler ins Geld gehen. Im Gegensatz zu den aufgrund des Hessentags finanzierten Infrastrukturmaßnahmen bleibt von den Auftritten so gut wie nichts übrig. Und wie bereits gesagt, dürfte insbesondere auch die Länge des Fests ein wesentlicher Kostentreiber sein.

Welche Möglichkeiten gibt es aus Ihrer Sicht noch, um Geld zu sparen und dies möglichst ohne, dass das Fest an Attraktivität verliert?

Wir sind keine Event-Agentur, daher maßen wir uns nicht an, kurzfristig umsetzbare Spartipps zu geben. Die würden vermutlich ohnehin nicht mehr viel helfen. Der Hessentag und seine Finanzen leiden nicht unter schlechter Organisation durch die Ausrichter-Kommunen. Das sind oft kleine Städte, die angesichts der Fest-Dimension und ihrer personellen Ausstattung einen guten Job machen.

Sondern?

Der Hessentag hat ein strukturelles Problem, das nur die Landesregierung lösen kann: Länge bzw. Turnus. Reformen dürften nicht von heute auf morgen umsetzbar sein, zumal die Hessentage bis 2026 bereits vergeben sind. Doch abgesehen von kosmetischen Anpassungen war die hessische Landesregierung bisher nicht zu tief greifenden Reformen und Einsparungen bereit. Stattdessen hat man Kritik abgetan, das geht jetzt nicht mehr.

Das sagt die Staatskanzlei

Der Bund der Steuerzahler schaue mit seiner Kritik lediglich auf die Aufwendungen des Hessentages, nicht aber auf die Investitionen, so die Hessische Staatskanzlei auf HNA-Anfrage. Der Hessentag sei neu konzipiert worden: „Ab 2018 hat die Hessische Landesregierung die Zuwendungen auf insgesamt 9 Mio. Euro und ab 2019 auf 8,5 Mio. Euro gedeckelt. Davon können mit Wirkung zum Jahr 2019 zwei Millionen Euro von den Städten als Defizitausgleich genutzt werden.

Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Konzepts sind die fünf Kernmodule (Landesausstellung, Natur auf der Spur, eine Halle für Großveranstaltungen, der Festzug und eine Anzahl an Parkplätzen), darüber hinaus können die Kommunen frei entscheiden, wie sie ihren Hessentag gestalten“, heißt es aus der Staatskanzlei. Und weiter: Der Hessentag habe eine nachhaltige Wirkung für die ausrichtende Kommune, für die Region und damit auch für das Land, dafür gebe es unzählige positive Beispiele. Das Interesse an der Ausrichtung des Festes sei so hoch wie nie. Das zeige die Liste der nachfolgenden Hessentagsstädte: Fritzlar (2024), Bad Vilbel (2025) und Fulda (2026). 

(Maja Yüce)

Kommentare