Anne Brorhilker

„Die Großen lässt man laufen …“: Staatsanwältin über Wirtschaftskriminalität in Frankfurt

  • schließen

Warum Sozialbetrug härter bestraft wird als Steuerhinterziehung, das erklärt Staatsanwältin Anne Brorhilker bei einem Event in Frankfurt.

Frankfurt – „Die Großen lässt man laufen und die Kleinen sperrt man ein“, sang Nicole 1996. Fühlt sich nicht nur so an, ist häufig tatsächlich so, sagt Anne Brorhilker: Laut einer Untersuchung werde bei Wirtschaftskriminalität nur in jedem 20. Fall Anklage erhoben, „und ich finde das eher optimistisch geschätzt.“ Brorhilker muss es wissen: Die „FAZ“ bezeichnete die 51-Jährige einst als „Deutschlands mächtigste Staatsanwältin“, auf ihr Konto gehen mehrere Verurteilungen im Cum-Ex-Skandal rund um internationale Steuerhinterziehung in Milliardenhöhe.

Doch 13 Verurteilungen bei mehr als 1700 Beschuldigten sind ihrer Meinung nach nicht genug. Deshalb verließ die Juristin 2024 die Kölner Staatsanwaltschaft und ist nun Co-Geschäftsführerin des Vereins „Bürgervereinigung Finanzwende“, der sich als Gegengewicht zur Finanzlobby versteht. Vor Kurzem war sie bei der Frankfurter Juristischen Gesellschaft zu Gast, um rund 300 Zuhörern zu erklären, wie es sein kann, dass Sozialbetrug härter bestraft wird als Steuerhinterziehung – und was es bräuchte, um das Justizsystem gerechter zu gestalten.

Staatsanwältin Brorhilker über Wirtschaftskriminalität in Frankfurt

Das Problem, sagt Brorhilker, „ist die Asymmetrie zwischen Behörden und Beschuldigten“: Steuerbetrüger können sich Anwälte leisten, die die Justiz mit so vielen Schriftsätzen, Beschwerden und Klagen überziehen, dass nichts mehr vorangeht. „Das schwächt das eh schon schwächere System noch weiter.“ Denn in der Justiz herrsche oft Personalnot, dazu komme ein Rotationsverfahren, bei dem Mitarbeiter nach einem Jahr die Stelle wechseln. „So lange habe ich aber bei Cum-Ex allein gebraucht, um die E-Mails zu verstehen, die sich die Banker geschrieben haben.“

Anne Brorhilker hat in Frankfurt erklärt, warum die Kleinen verurteilt, die Großen aber laufen gelassen werden.

Auch der Statistik-Druck bevorzuge kürzere Verfahren: Vom Beginn von Brorhilkers Cum-Ex-Ermittlungen 2013 bis zur Verurteilung des ersten Angeklagten vergingen zehn Jahre – in denen sie und ihre beiden Teamkollegen keinen anderen Fall verhandelten. „Wir haben komplett an der Statistik vorbeigearbeitet.“ Nach außen hin gebe das kein gutes Bild ab, der Druck, Ergebnisse zu liefern, sei extrem hoch.

Ein weiteres Problem sei die schlechte technische Ausstattung. „Wir haben mit der Justiz in Hessen, Bayern, Hamburg und einer Bundesbehörde zusammengearbeitet, und alle hatten verschiedene Programme.“ Dazu komme der Datenschutz. „Die einen durften für die Kommunikation nur Skype nutzen, die anderen nur Whatsapp. Es war eine Katastrophe!“ Schlussendlich habe jeder einen zusätzlichen Laptop bekommen, auf dem nur das Kommunikationsprogramm lief.

Deutsche Staatsanwältin spricht bei Event in Frankfurt und interessante Nebenerkenntnis ihrer Arbeit

Auch die Internationalität großer Fälle mache die Verfolgung schwierig. Nicht mit allen Ländern hat Deutschland Rechtshilfeabkommen, und selbst wenn, sei die Zusammenarbeit über Grenzen kompliziert. Brorhilker ermittelte in 14 Ländern, um gleichzeitige Durchsuchungen zu organisieren, musste sie in vielen von ihnen zunächst vorstellig werden. „Weil die Kollegen vom Landeskriminalamt Flugangst hatten, haben wir dann 14 Tage einen Roadtrip gemacht.“ Interessante Nebenerkenntnis: „Malta und Gibraltar, die ja als Steueroasen gelten, waren bei der Strafverfolgung besonders engagiert.“ All das führe dazu, dass in potenziell großen Prozessen die Anklagen häufiger fallen gelassen würden, als dass ein Verfahren eröffnet werde.

3,1 Milliarden Euro wurden in den bisher abgeschlossenen Cum-Ex-Verfahren zurückgefordert, die höchste Strafe lag bisher bei acht Jahren und drei Monaten Gefängnis. Ein Ehepaar aus Paderborn, das dem Sozialamt 83 000 Euro Vermögen verschwiegen hatte, sei zu drei Jahren und zehn Monaten verurteilt worden. „Das finde ich ungerecht, und ich bin damit nicht alleine.“ Über kurz oder lang führe dieses Gefühl des Mit-zweierlei-Maß-Messens zu einem Vertrauensverlust in den Staat, wovon wiederum extreme Parteien profitierten.

„Die Täter stufen sich in der Regel nicht als Kriminelle ein“

Was also tun gegen die Bevorzugung der großen Fische auf Kosten der kleinen? Zum einen müsse die soziale Akzeptanz für Wirtschaftsstraftaten sinken, sagt Brorhilker. „Die Täter stufen sich in der Regel nicht als Kriminelle ein, sondern reden sich das eigene Fehlverhalten schön. Wenn man sie stärker stigmatisiert, wird das schwieriger.“ Außerdem müsste die Repression erhöht werden, unter anderem, indem Steuerhinterziehung von einem Vergehen zu einem Verbrechen werde. Schließlich müsste man die Justizbehörden angemessen ausstatten und für große Verfahren das Rotationsprinzip aussetzen. „Damit steigt das Entdeckungsrisiko.“

Besondere Fachwerkhäuser in Frankfurt: Hier lohnt sich ein Besuch

Das Haus Wertheim (oder auch „Wertheym“) ist das einzige Fachwerkhaus der Frankfurter Altstadt, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat und heute noch in seiner ursprünglichen Gestalt steht.
Das Haus Wertheim (oder auch „Wertheym“) ist das einzige Fachwerkhaus der Frankfurter Altstadt, das den Zweiten Weltkrieg überstanden hat und heute noch in seiner ursprünglichen Gestalt steht. Es wurde um 1600 gebaut und ist nahe dem Römerberg zu finden. Das repräsentative Fachwerkhaus der Renaissance besteht laut Denkmalamt aus einem „arkadiertem Erdgeschoss in Stein und doppelt ausgekragten Obergeschossen in dekorativem Holzgefüge“. (Archivbild) © G. Thielmann/imago/imagebroker
Goldene Waage Rekonstruktion 2019 Altstadt Frankfurt
Das Haus zur Goldenen Waage in Frankfurt war ein teils aus dem Mittelalter stammendes Fachwerkhaus in der Altstadt. Nachdem es im Krieg zerstört wurde, wurde es bei der Rekonstruktion der Altstadt nahe dem Römer neu errichtet. Das Gebäude wurde 2019 eröffnet.  © IMAGO/imageBROKER/Michael Weber
Frankfurter Altstadt um 1930
Diese Aufnahme von circa 1930 zeigt das Haus vor seiner Zerstörung im Jahr 1944. Die detailreiche Renaissancefassade stammte von 1619. Das Haus hat eine umfangreich dokumentierte Geschichte.  © Institut für Stadtgeschichte
Blick auf das Haus Großer Engel bei der Ostzeile vom Samstagsberg beim Römerberg in Frankfurt am Main
Das Haus „Großer Engel“ prägt als eines von vielen Fachwerkhäusern den Römerberg. Der östliche Teil des Römerberges, auf dem die „Ostzeile“ steht, wird auch Samstagsberg genannt. Vom Platz aus gesehen ist der Große Engel das ganz linke Haus und hat die Adresse Römerberg 28. Fast vollständig im Krieg zerstört, wurde der Große Engel in den 1980ern originalgetreu wieder aufgebaut.  © STPP/imago
Altes Berger Rathaus, Spätrenaissance, ab 1300 erbaut
Das alte Berger Rathaus beherbergt heute das Heimatmuseum des Stadtteils Bergen-Enkheim. Es gilt als eines der schönsten erhaltenen Fachwerkhäuser in Frankfurt. Das heutige Erdgeschoss wurde schon ab 1300 errichtet. Aufgestockt wurde 1507 und zwischen 1502 und 1530 im Stil der Spätrenaissance.  © brennweiteffm/imago
Historic schlossplatz in frankfurt hoechst in autumn germany, Historic schlossplatz in frankfurt hoe
Der Höchster Schlossplatz liegt in dem westlichen Stadtteil Frankfurts zwischen dem Schloss, der Justinuskirche, der Bolongarostraße und der alten Stadtfestigung aus Zollturm und Maintor. In den historischen Gebäuden haben die Traditionsgaststätten „Alte Zollwache“, „Zum Bären“ und „Zum Schwan“ ihren Platz. © xDreamstimexLesniewsk/imago
The renaissance building dalbergerhaus in the historic old town frankfurt hoechst germany, The renai
Das Dalberghaus (auch Dalberger Hof genannt) ist laut Denkmalamt das historisch und kunsthistorisch bedeutendste Gebäude der Altstadt in Frankfurt-Höchst. Dieses Archivbild von 2019 zeigt das Haus aus dem Jahr 1582 mit seinem reichen Zierfachwerk am oberen Geschoss von 1586/87. Das Gebäude war Adelssitz von Hartmuth XIII. von Cronberg, danach von Wolfgang von Dalberg. Heute ist im Erdgeschoss unter anderem die Werkstatt eines Cembalobauers, den historischen Kreuzgrat-Gewölbekeller kann man als Veranstaltungsort mieten.  © Dreamstime/Lesniewsk/imago
Petrihaus an der Nidda in Rödelheim, Archivbild von 2016
Das Petrihaus wurde um 1720 als Fachwerkhaus am Ufer der Nidda in Rödelheim errichtet und liegt heute direkt gegenüber dem Brentanopark auf der anderen Seite des Flusses. 1819 erwarb es der Kaufmann und Bankier Georg Brentano von dem Bäckermeister Johannes Petri für 1.150 Gulden und baute es 1820 in einen romantisch-klassizistischen, pseudo-schweizerischen Stil um. Die Dichterin Bettina von Arnim, eine Tochter von Peter Anton Brentano und seiner Frau Maximiliane, traf sich im Petrihaus mit Freunden und anderen Schriftstellern und Schriftstellerinnen. Es wurde 2003 vollständig restauriert (Archivbild von 2016).  © Lesniewski/Panthermedia/imago
Das Alte Zollhaus am östlichen Rand von Frankfurt-Seckbach, Archivbild von 2015
Nördlich des Stadtteils Seckbach, direkt an der viel befahrenen B521, liegt das Alte Zollhaus. Erbaut wurde es 1775. 1795 soll bei einem Gefecht in der Nähe des Hauses eine Kanonenkugel ins Haus eingeschlagen sein. Diese historische Kugel ist heute wieder rechts von der Eingangstür befestigt. 1797 wurde hier über einen Waffenstillstand verhandelt, der später von Kaiser Franz II. und Napoleon besiegelt wurde. Familie Hell führte das Haus von 1981 bis 2024. Seit Mai 2024 gibt es neue Betreiber.  © Gerald Abele/alimdi/imago
tteil Seckbach bietet viele weitere schöne Fachwerkansichten. Hier zu sehen ist das Gebäude „Im Mühlchen“.
Der alte Ortskern von Frankfurts Stadtteil Seckbach bietet viele weitere schöne Fachwerkansichten. Darunter sind die ehemalige Lutherische Schule und das heutige Heimatmuseum von Seckbach, ursprünglich Pedellwohnung. Hier zu sehen ist das Gebäude „Im Mühlchen“. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die einstige Seckbacher Wassermühle durch den Mühlbach angetrieben. Es steht in der Hintergasse. (Archivbild) © brennweiteffm/imago
Das Frankfurter Haus ist ein ehemaliges Forsthaus im Süden Frankfurts.
Das „Frankfurter Haus“ ist ein ehemaliges Forsthaus im Süden Frankfurts. Es liegt am Stadteingang von Neu-Isenburg, wird aber im Denkmalkatalog dem Stadtteil Sachsenhausen zugeordnet. Erbaut wurde es 1701 und erweitert 1777. Laut Katalog wurde es „zum Schutz des Frankfurter Stadtwaldes gegen den ‚Waldfrevel‘ der Neu-Isenburger errichtet“. Seit 1889 hält die Straßenbahn aus Frankfurt vor dem Haus.  © Karsten Ratzke/CCO 1.0

Nicht zuletzt müsste auch die 2024 im Namen des Bürokratieabbaus beschlossene verkürzte Aufbewahrungspflicht für Rechnungen wieder verlängert werden. „Wer rechtschaffen ist, bewahrt die Unterlagen aus Sicherheitsgründen tendenziell eher länger auf. Nur Steuerbetrüger werfen sie so schnell wie möglich weg“, sagt Brorhilker. Und was einmal im Müll lande, sei für immer verloren – ein weiterer Großer müsse dann laufen gelassen werden. (Sarah Bernhard)

Hessens Kriminalitätsstatistik zeigt Licht und Schatten. Rückgang bei einigen Delikten, doch politisch motivierte Straftaten steigen.

Rubriklistenbild: © privat

Kommentare