„In der Falle des Narzissten“

Toxische Beziehungen: Autorin aus Kassel landet Bestseller über Narzissten

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Toxische Beziehungen sind giftig, auslaugend, können krank machen. Ein Sachbuch der Kasselerin Daniela Voigt klärt nun viele Fragen über Narzissten.

Kassel – Mit ihrem neuen Sachbuch „In der Falle des Narzissten“ ist die Autorin Daniela Voigt aus Kassel bereits eine Woche nach der Veröffentlichung auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet. Aber warum interessieren sich Menschen so sehr für toxische Beziehungen? Und wie kann man sich aus einer solchen befreien? Im Interview gibt die Expertin für Persönlichkeitsentwicklung Antworten auf diese Fragen.

Hat ein Sachbuch zum Thema Narzissmus geschrieben: Die Kasseler Autorin Daniela Voigt ist auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet.
Frau Voigt, woran erkennt man einen Narzissten?
Ein Narzisst ist fürchterlich ich-bezogen, tierisch charmant und lügt wie gedruckt. Vor allem das Charmante macht es so schwierig. Ein Narzisst ist im ersten Moment nicht unsympathisch. Im Gegenteil: Er ist die Erfüllung aller Träume. Da liegt das Problem. Er hört zu, ist zugewandt, man bekommt erst einmal alles, was man will. Wenn man sich jemanden backen könnte, wäre das ein Narzisst.
Wo fängt dann das Problem an?
Es funktioniert so lange gut, bis sich der Narzisst in Sicherheit wiegt. Er startet zunächst mit Love-Bombing, also übertriebener Zuwendung. Und dann folgt irgendwann der Wendepunkt. Narzissten haben eine innere Uhr. Zu einem bestimmten Zeitpunkt stellen sie fest, dass ein Vertrag geschlossen ist. Wir haben versucht, zu erforschen, woran genau dieser Punkt zu erkennen ist. Das kann aber vollkommen unterschiedlich sein: nach wenigen Wochen, nach Monaten, das kann auch nach 20 Jahren der Fall sein. Es ist völlig unberechenbar. Der Narzisst fühlt sich sicher, der Betroffene ist ihm ausgeliefert.

Bestseller-Autorin aus Kassel bestätigt: Toxische Beziehungen sind ein gesellschaftliches Problem

Sind Narzissten psychisch krank?
Narzissmus wurde als eine Form der Persönlichkeitsstörung definiert. Allerdings spricht man mittlerweile von einem antisozialen Persönlichkeitsmerkmal. Auch wenn es ein Modewort ist – immer häufiger sind in der Gesellschaft toxische Beziehungsmuster zu erkennen. Das bedeutet: Ein Mensch schädigt jemanden über längere Zeit bewusst. Ein Narzisst weiß ganz genau, was er tut. Er führt sein Verhalten bewusst ein und hat es vorher auch eingeübt. Wenn der andere ins Laufen kommt, hat er ein schönes und entspanntes Leben.
Steckt diese Neigung in vielen Menschen?
In der Forschung gehen wir davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der Erwachsenen Narzissten sind. Auch wenn die Erhebung schwierig ist. Einige Menschen haben auch nur narzisstische Anteile. Wichtig ist aber, das von gesundem Egoismus abzugrenzen. Es wird immer erst dann schwierig, wenn es einen anderen Menschen schädigt. Selbstfürsorge ist etwas völlig anderes. Selbstverständlich darf man für sich sorgen, auch wenn es dem Gegenüber nicht gefällt. Allerdings sind nicht-narzisstische Menschen dann in der Lage, viele andere Dinge zu machen, die dem Gegenüber wiederum guttun. Kompromisse sind einem Narzissten egal.

Pop-Psychologie in sozialen Medien: 10 Begriffe, die oft (falsch) besprochen werden

Es ist das Wort Trigger in Buchstaben geschrieben.
Das aus dem Englischen stammende Wort bedeutet übersetzt „Auslöser“. Damit gemeint ist ein Wort oder Bild, dass die Erinnerung an ein traumatisches Erlebnis hervorrufen kann. Im Kontext der sozialen Medien wird der Begriff allerdings häufig falsch verwendet. Während es bei einem Trigger ganz klar um eine traumatische Situation geht, verwenden viele Internet-User das Wort für eine eher aufwühlende Situation.  © Pond5 Images/Imago
Eine junge Frau ist zu sehen.
Der Begriff Trauma beschreibt eine psychische Ausnahmesituation. Während ein Trauma individuell erfahren werden kann, handelt es sich meist um eine Gewalttat, Kriege oder Naturkatastrophen. Die psychischen oder physischen Erlebnisse sind dabei in der Regel so überwältigend, dass sie eine wahrgenommene Bedrohung für den Betroffenen darstellen. In sozialen Medien wird der Begriff Trauma vor diesem Hintergrund oft zu leichtfertig verwendet.  © Pond5 Images/Imago
Es ist ein streitendes Paar zu sehen.
Probleme in der Beziehung beschreiben viele Internet-User als toxisch. Streiten gehört allerdings zu einer gesunden Beziehung dazu. Nicht jede Auseinandersetzung macht ein Paar daher zu einem toxischen Paar. Unterschwellige Formen der Gewalt wie Manipulation, gegenseitige Demütigung, Kontrollsucht und Drohungen dagegen schon.  © Zoonar II/Imago
Es ist eine Zeichnung einer Sprechblase zu sehen.
Beim sogenannten „Gaslighting“ handelt es sich um Manipulation durch Worte. Das Gegenüber verwirrt den Betroffenen dabei so stark mit dem Gesagten, dass dieser beginnt am Inhalt, seinen Gefühlen oder dem tatsächlichen Geschehen zu zweifeln. Typische Ausdrücke sind „Das bildest du dir nur ein, sowas habe ich nie gesagt“ oder Bezeichnungen wie „Drama Queen“. Häufig hinterfragen Betroffene ihre eigene Einschätzung der Situation und werden sehr unsicher.  © fStop Images/Imago
Eine junge Frau hält einen Kaffee in ihren Händen.
Der Begriff „Anxiety“ wird häufig mit Angst gleichgesetzt. Doch nicht in jeder Situation, in der Unwohlsein oder Angst verspürt wird, handelt es sich tatsächlich um „Anxiety“. Der Fachbegriff stammt aus dem Englischen und wird unter Experten für die generalisierte Angststörung verwendet. Betroffene leiden im Fall einer Angststörung unter ausgeprägten Ängsten und körperlichen Symptomen, die häufig das alltägliche Leben beeinträchtigen.  © Image Source/Imago
Ein Mann mit nacktem Oberkörper schaut in einen Spiegel.
Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung kennzeichnen sich durch ein mangelndes Selbstbewusstsein, das sie nach außen hin allerdings gut verstecken können. Andere denken daher häufig, dass Narzissten besonders selbstbewusst sind. Narzissten sind ständig auf der Suche nach Anerkennung und Bewunderung, ihnen mangelt es allerdings an Empathie und Kritikfähigkeit.  © Image Source/Imago
Es ist ein Kind beim Malen zu sehen.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) beginnt in der Regel im Kinder- und Jugendalter, kann aber auch bei Erwachsenen weiterhin bestehen bleiben. ADHS ist laut dem Bundesministerium für Gesundheit eine der häufigsten psychischen Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen. Der Begriff wird auch in den sozialen Medien ziemlich häufig verwendet. Charakteristisch für ADHS sind Symptome wie Hyperaktivität (übersteigerter Bewegungsdrang), Unaufmerksamkeit (gestörte Konzentrationsfähigkeit) und Impulsivität (unüberlegtes Handeln). Allerdings leidet nicht jedes unruhige oder unaufmerksame Kind gleich unter ADHS.  © Cavan Images/Imago
Ein junger Mann umarmt eine junge Frau.
Auch „Love Bombing“ fällt unter die manipulativen Taktiken, die manche Menschen bewusst oder unbewusst anwenden. Das Gegenüber wird dabei – gerade in der anfänglichen Kennenlernphase – mit großen Gesten und besonders viel Zuneigung überschüttet. Liebesschwüre und -bekundungen machen das Liebesglück perfekt. Dahinter versteckt sich allerdings eine manipulative Technik. Wendet sich ein Partner in der anfänglichen Kennenlernphase ab, muss dies aber nicht zwangsläufig mit Love Bombing zusammenhängen.  © Image Source/Imago
Es ist ein junges Mädchen beim Schminken zu sehen.
Die Begriffe „Self-Care“ und „Me-Time“ sind ziemlich weit gefasst und beschreiben nicht nur die bewusst gewählte Auszeit, sondern den grundsätzlichen Umgang mit sich selbst. Influencer auf Social Media geben dabei meist eine sehr genaue Vorstellung davon, wie die Selbstfürsorge aussehen sollte. Was auf den sozialen Kanälen gezeigt wird, weckt meist unrealistische Erwartungen. Statt einem langen Bad, grünen Smoothies und Yoga bedeutet „Self-Care“ für jeden etwas anderes.  © HalfPoint Images/Imago
Es ist ein Mann zu sehen, der auf dem Boden sitzt.
Auch der Begriff Depression wird in den sozialen Medien häufig mit nicht-wissenschaftlichen Konzepten verbunden. Obwohl Depressionen auf einem breiten Spektrum auftreten, sollte die Diagnose mit Vorsicht angewendet werden. Viele Social-Media-Beiträge sind darauf ausgelegt, geteilt zu werden und zum Klicken anzuregen. Oft sind sie dabei aber nicht wissenschaftlich fundiert und übertreiben oder verallgemeinern die Behauptungen.  © Shotshop/Imago
Wie wird man zu einem Narzissten?
Narzissten merken im Laufe ihres Lebens, dass ein bestimmtes Verhaltensmuster funktioniert. Häufig fehlen diesen Menschen Reue und Empathie als Gegenpole. Das hat man in der Regel in der Kindheit gelernt. Ein bekannter Satz ist: Es hat der Glanz in den Augen der Eltern gefehlt. Oft sind das Menschen, die nicht genügend Bewunderung erfahren haben. Die holen sie sich dann woanders. Wir alle haben ein großes Bedürfnis nach Bewunderung und Anerkennung. Der Unterschied ist: Was schlussfolgere ich daraus? Übrigens: Auch Narzissten können sich ändern. Die meisten wollen aber einfach nicht. In der Psychologie gibt es laut Studien nur drei Prozent, die sich therapeutische Unterstützung suchen. Der Nutzen ist sehr groß und viele Narzissten denken, wenn es bei einem Betroffenen nicht funktioniert hat: Dann nehme ich mir halt den nächsten. Der Narzisst handelt sehr ökonomisch. Was ihm nicht dienlich ist, geht. Zwar kann er prinzipiell auch lieben, aber das zentrale Wort ist Nutzen.
Ein Perspektivwechsel zum Betroffenen: Was können narzisstische Menschen anrichten?
Die Bandbreite ist riesig. Das geht von Befindlichkeiten bezüglich des Selbstbildes bis hin zu absoluter Zerstörung – das kann körperlicher, seelischer oder auch finanzieller Natur sein. Was viele nicht wissen: Es gibt theoretisch für jeden von uns einen Narzissten, der passen würde, für den wir grundsätzlich anfällig wären. Die große Frage ist: Begegnet er uns? Wir haben alle etwas in uns, das wir suchen. Und wenn ein narzisstisches Gegenüber das bietet, habe ich nicht allzu gute Karten.

Es gibt theoretisch für jeden von uns einen Narzissten, der passen würde, für den wir grundsätzlich anfällig wären. Die große Frage ist: Begegnet er uns?

Daniela Voigt
Dennoch gibt es sicherlich empfängliche und weniger empfängliche Menschen.
Sowohl Betroffene als auch Narzissten selbst kommen aus völlig unterschiedlichen sozialen Schichten, Altersklassen und Gruppen. Sie haben vollkommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Auch die Beziehungen, in denen die Menschen zueinander stehen, können verschieden sein. Narzissmus kommt gleichermaßen in Familien, Freundschaften, Liebesbeziehungen oder auch Arbeitskontexten vor. Das macht es so komplex. Die Zahlen sind ohnehin nicht so leicht einzugrenzen. Früher ging man davon aus, dass 75 Prozent der Narzissten Männer sind. Narzisstische Männer tauchten aufgrund von Gewalttätigkeit häufiger in einer Kriminalstatistik auf und waren daher greifbarer. Man konnte nur wenig mit diagnostizierten Fällen arbeiten und hat daher oft auf die Kriminalstatistik zurückgegriffen. Das reicht aber aus heutiger Sicht nicht als Indikator.

Narzissten wollen gefügig machen: Erziehungsmaßnahmen ein absolutes Warnsignal

Gibt es denn ein typisches Beispiel, das Ihnen in Ihrer Arbeit immer wieder begegnet?
Ein typisches Beispiel sind Freundschaften. Jeder kann mal überprüfen, ob er einen Freund oder eine Freundin hat, bei der es ein Problem ist, Nein zu sagen. Viele von uns haben ein sehr menschliches Bedürfnis nach Harmonie. Aber es gibt Dynamiken, in denen man narzisstische Personen leicht erkennt. Beispielsweise, wenn man einem Freund mal spät auf eine Nachricht geantwortet hat und dieser reagiert als Erziehungsmaßnahme mit einer vorübergehenden Kontaktsperre. Das ist ein Klassiker. Wer solche Red Flags, also Warnsignale, in seinen Freundschaften erkennt, sollte darüber mal nachdenken.
Warum interessieren Sie sich für dieses Thema so sehr?
Ich bin seit 25 Jahren von ganzem Herzen Sozialarbeiterin und habe zu der Frage „Wie verhalten sich Menschen zueinander?“ promoviert. Je weiter ich in meiner beruflichen Laufbahn gekommen bin, desto mehr habe ich mich mit schädigendem Verhalten beschäftigt. Zu diesem Thema habe ich dann auch vermehrt Mails und Anrufe von Hilfesuchenden bekommen. Wenn ich mir die Zahlen vergegenwärtige, wie viele Menschen narzisstische Züge haben, dann beeindruckt mich das schon sehr. Das Thema ist im Laufe der Zeit auch deshalb immer relevanter geworden, weil wir mittlerweile ein Wort für diese Menschen haben. Diese Diagnose gab es vor 20 Jahren noch nicht. Schwierig ist, dass dadurch auch immer mehr Menschen lernen, dass dieses Muster funktioniert. Schlechtes Verhalten wird an vielen Ecken als allgemeingültig wahrgenommen. Insbesondere Narzissten, die laut sind, finden größere Beachtung.

Bin ich narzisstisch? Buch von Daniela Voigt enthält viele Selbsttests

Auch wenn das Problem weit verbreitet zu sein scheint: Wie vorsichtig sollte man dennoch mit der Bezeichnung umgehen?
Tatsächlich begegnet einem das Wort Narzissmus immer häufiger. Ich wiederhole aber: Wichtig ist bei der Definition die bewusste Schädigung auf Dauer. Die absolute Unterscheidung ist: Jeder Mensch, der sich nach einem schädigenden Verhalten reflektiert und ernsthaft auf Wiedergutmachung geht, ist in der Regel weder toxisch noch narzisstisch. In meinem Buch habe ich sehr viele Tests untergebracht. Mithilfe der Fragen kann man einen ganz guten Realitätscheck für sich vornehmen.
Sind Sie selbst schon mal von narzisstischem Verhalten eines anderen betroffen gewesen?
Ich würde sagen, jeder Mensch, der bisher ohne Narzissten durch sein Leben gekommen ist, hat einen Pokal verdient. Natürlich ist mir das auch schon passiert. Das ist aber nicht mein Motor für das Buch gewesen. Es ist vielmehr die Hilflosigkeit anderer, die mir im Laufe der Zeit begegnet ist. Ich habe einfach einen Gerechtigkeits-Fimmel. Ich möchte Bewusstsein schaffen. Es ist so schwer, aus einer solchen Spirale herauszukommen.

Wer aus toxischen Beziehungen nicht allein herauskommt, sollte sich Hilfe von Experten holen. Grundsätzlich gilt: Wenn es irgendwie geht, sollte man den Kontakt mit einem Narzissten einstellen.

Daniela Voigt
Aber es gibt einen Weg raus aus der Spirale?
Wir haben nur ein Leben. Das bedeutet: Jeder sollte so handeln, damit er das glückliche Leben führen kann, das er verdient hat. Wer aus toxischen Beziehungen nicht allein herauskommt, sollte sich Hilfe von Experten holen. Grundsätzlich gilt: Wenn es irgendwie geht, sollte man den Kontakt mit einem Narzissten einstellen – so hart und bitter es sich auch anfühlen mag. Distanz ist das Einzige, was hilft.

Zur Person

Daniela Voigt (51) kommt aus Kassel, hat dort Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaften, Soziologie und Zukunftsmoderation studiert und hat mittlerweile mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Sozialen Arbeit und Beratung. Ihr Schwerpunkt liegt auf zwischenmenschlichen Dynamiken, toxischen Beziehungen und sozialer Psychologie. Als Professorin, Beraterin und Speakerin unterstützt sie sowohl Fachkräfte als auch Betroffene. Außerdem ist Voigt Science-Slammerin. Zudem schreibt sie Bücher. Demnächst erscheinen „Gesunder Umgang mit toxischen Menschen am Arbeitsplatz“ und „Persönliche Krisen erfolgreich meistern“. Ihr aktuelles Buch „In der Falle des Narzissten“ ist Ende Februar im Remote Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

Rubriklistenbild: © Neu, Daria

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