VonMatthias Lohrschließen
Der neue Bundes-Vize der Jusos will immer auf der Seite der Schwächeren sein. Nach seiner Wahl kritisiert Thevagar Mohanadhasan Kanzler Scholz und die Ampel mit deutlichen Worten.
Kassel – Mit seiner Rede in Braunschweig erreichte Thevagar Mohanadhasan selbst jene, die nicht auf dem Bundeskongress der Jusos waren. Ein anderes Mitglied der SPD-Jugendorganisation, das vorletztes Wochenende nicht zum Treffen in Niedersachsen gekommen war, hörte die Rede des Kasselers erst hinterher auf Social Media und schrieb: „Selbst über Instagram total Gänsehaut.“
Mit 55 Prozent erhielt Mohanadhasan zwar nur das zweitschlechteste Ergebnis der zehn stellvertretenden Bundesvorsitzenden, aber nach seiner Bewerbung applaudierten zahlreiche Jusos stehend im Saal. Der Sohn tamilischer Bürgerkriegsflüchtlinge widmete seine Rede seinem Vater. Der stehe nach zehn Stunden Arbeit gerade immer noch in seinem Späti, den er seit 13 Jahren führt, und habe sich nie „aus dem Leben reißen“ lassen – weder von einem Neonazi, der ihn in einer Dortmunder U-Bahn-Station einst in den Magen trat, noch durch den Tod seiner Frau, die nach einer Gas-Explosion in der Wohnung starb. Der kleine Thevagar war damals vier.
Nordhesse hatte sich bei Jusos für Sarah Mohamed starkgemacht
In seiner Rede wetterte der Student, der in Kassel für Globale Politische Ökonomie und Entwicklung eingeschrieben ist, gegen „weiße Elfenbeintürme“ in den Parlamenten und beschrieb sich als „Antirassist, Antifaschist und immer an der Seite der Schwächeren“.
Bei der Wahl des neuen Bundes-Chefs erlebte Mohanadhasan in Braunschweig „eine gewisse Enttäuschung“, wie er der HNA gestand. Der Nordhesse hatte sich im Vorfeld für Sarah Mohamed (Bonn) starkgemacht. Nachfolger von Jessica Rosenthal wurde dann aber Philipp Türmer. Der Offenbacher will die Jusos wieder lauter, linker und kritischer machen und attackierte sogleich Kanzler Olaf Scholz: „Lieber Olaf, falls dich in deiner Burg, im Kanzleramt, noch irgendwas erreicht, falls du dich erinnerst, für wen du angetreten bist, dann ändere deinen Kurs.“
Mohanadhasan: „Die Ampelkoalition macht nicht genug“
Auch Mohanadhasan sieht die von Scholz geführte Bundesregierung kritisch, wie er unserer Zeitung sagt: „Die Ampelkoalition macht nicht genug. Bislang gibt es kaum Fortschritte im Sozialen und in der Integrationspolitik. Stattdessen setzt man verstärkt auf Abschiebung. Das kann keine Politik der Jusos sein.“ Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts, laut dem der Haushalt für das laufende Jahr unvereinbar mit der Schuldenbremse ist, kritisierten Beobachter, dass Scholz sich nicht zu Wort meldete. Im TV-Talk bei Markus Lanz musste Vizekanzler Robert Habeck kritische Fragen beantworten. Erst gestern äußerte sich der SPD-Mann in einer Regierungserklärung ausführlich – und blieb dabei vage.
Mohanadhasan sieht den Kanzler nun haushaltspolitisch gefordert. Aus dem Urteil müsse er Konsequenzen ziehen und die Schuldenbremse nicht nur aussetzen, sondern langfristig abschaffen: „Sie hemmt Investitionen. Wir können beispielsweise nicht in die Transformation der Industrie und unsere Schulen investieren. Der Staat muss wieder handlungsfähiger werden.“ Zudem fordert er Steuersenkungen für 99 Prozent der Bevölkerung, die reichsten ein Prozent müssten dafür mehr besteuert werden.
Der Nachwuchspolitiker, der im Unterbezirksausschuss der SPD Diversitätsbeauftragter ist, glaubt weiter an das Potenzial der Ampel, gute Politik zu machen, wie er versichert: „Aber mit der FDP, die immer weiter nach rechts abdriftet, wird das schwierig.“ In Braunschweig sahen das einige Jusos ähnlich. Eine Delegierte sagte: „Nikolaus ist die Ampel aus.“ (Matthias Lohr)
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