Bundeswehr sucht Personal

Kein Zurück zur alten Wehrpflicht: Interview mit Marcel Bohnert vom Bundeswehrverband

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Marcel Bohnert vom Deutschen Bundeswehrverband plädiert für eine Diskussion über eine allgemeine Dienstpflicht.
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Verteidigungsminister Boris Pistorius will einen neuen Wehrdienst einführen. Doch hilft das der Truppe wirklich? Darüber haben wir mit Marcel Bohnert vom Deutschen Bundeswehrverband gesprochen.

Fritzlar – Die Bundeswehr braucht mehr Soldaten – auch für die Standorte in der Region. Als Reaktion darauf hat Verteidigungsminister Boris Pistorius angekündigt, ein neues Wehrdienst-Modell auf die Beine stellen zu wollen. Einige Details sind noch unklar – allerdings soll es vor allem auf Freiwilligkeit basieren. Die Standortkameradschaft Fritzlar organisiert am Mittwoch, 2. Juli, eine Podiumsdiskussion zum Thema „Dienst an der Gesellschaft“. Wir haben im Vorfeld mit Marcel Bohnert vom Deutschen Bundeswehrverband über dieses Thema gesprochen, der einer der Teilnehmer sein wird.

Herr Bohnert, lösen die Wehrdienst-Pläne des Verteidigungsministers die Personalprobleme der Bundeswehr?
Nein, der Minister selbst hat eingeräumt, dass das geplante Modell nur ein Anfang ist. Wir haben eine Lücke von knapp 23 000 Soldaten, die wir füllen müssen. Das vorrangige Ziel ist, dass die Bundeswehr schnell wachsen kann, falls es zu einer Eskalation an der Ostflanke kommt.
Wie müsste die Infrastruktur der Bundeswehr angepasst werden, um Wehrdienstleistende aufzunehmen und auszubilden?
Ein sofortiger Start ist unmöglich. Es gibt bereits jetzt Probleme bei den Unterkünften – sowohl in Qualität als auch Quantität. Beim neuen Wehrdienst-Modell sollen die ersten 5000 Menschen Mitte 2025 beginnen. Das ist realistisch. Eine Reaktivierung der alten Wehrpflicht würde ad hoc nicht funktionieren. Damals hatten wir rund 25 000 Soldaten, die mit der Wehrpflicht zu tun hatten. Nach der Aussetzung wurden sie in andere Bereiche verschoben. Das rückgängig zu machen, würde lange dauern.
Wie bewerten Sie die Zurückhaltung der Wirtschaft gegenüber Wehrpflicht und Wehrdienst?
Die Bedenken sind grundsätzlich nachvollziehbar. Aber das ist die Kröte, die wir schlucken müssen. Wir können uns die Notwendigkeit, unser Land zu verteidigen, nicht aussuchen. Bundeskanzler Olaf Scholz sagte kürzlich: „Ohne Sicherheit ist alles nichts.“ Die Kriegstüchtigkeit wird uns durch ein imperialistisches Russland in Allianz mit China, Nordkorea und dem Iran aufgezwungen. Außerdem verschwinden Wehrdienstleistende nicht dauerhaft vom Arbeitsmarkt – sie stehen nach ihrer Dienstzeit wieder zur Verfügung. Die Auftragslast in der Bundeswehr ist jetzt schon extrem hoch. Wir sind immer noch in Auslandseinsätzen, bilden ukrainische Kräfte aus, koordinieren Nato-Partner bei Truppenverlegungen durch unser Land und verstärken die Ostflanke.
Am Standort Fritzlar bemüht man sich um Personalwerbung - zum Beispiel mit einer Besucherhalle und speziellen Aktionen für potenzielle Bewerber. Piloten und anderes Fachpersonal sucht man weiterhin. Was braucht es, damit mehr Menschen die Bundeswehr als gute Karriereoption wahrnehmen?
Wer sich für die Bundeswehr entscheidet, wählt eine sinnstiftende Arbeit und steht für die Sicherheit der eigenen Bevölkerung und Familie ein. Damit können wir punkten – besonders nach Beginn der russischen Invasion in der Ukraine. Die Bundeswehr hat ein gutes Image in der Bevölkerung. Trotzdem steigen die Bewerberzahlen nicht genug, um unsere Lücken zu schließen. Projekte wie die Halle in Fritzlar sind gut, denn wir müssen mehr Berührungspunkte schaffen. Für viele ist die Bundeswehr noch immer eine große Blackbox. Diese Barriere müssen wir aufbrechen, zum Beispiel auch durch einen Veteranentag.
Woher kommt diese Barriere?
In Deutschland herrscht beim Thema Militär eine grundsätzliche Skepsis, vor allem wegen der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus. Soldaten haben ihren Dienst zudem oft abgeschottet von der Öffentlichkeit verrichtet, ob hinter dem Kasernentor oder in Auslandseinsätzen wie Afghanistan oder Mali. Während des Kampfeinsatzes in Afghanistan hat die Politik die Gesellschaft auch nur ungern mit der realen Situation der deutschen Truppen vor Ort konfrontiert.
Gerade läuft eine große Social-Media-Kampagne zur Personalgewinnung. Influencer erhalten Einblicke in die Truppe und testen sich durch. Alles wirkt wie ein großes Abenteuer. Ist das ehrliche Werbung?
Die Bundeswehr bietet viele Berufsfelder und Tätigkeiten – die klassischen militärischen Bereiche haben auch abenteuerliche Seiten: Man erlebt Dinge, die man in anderen Berufen nicht erlebt. Daneben gibt es natürlich auch Menschen, die zivil in vergleichbaren Verwendungen arbeiten, vom Koch bis zum Büroangestellten. Im Marketing zeigt man sich natürlich von der besten Seite. Es ist gut, dass die Bundeswehr versucht, Filterblasen aufzubrechen.
203 000 Soldaten soll die Bundeswehr bis 2031 haben. Eine Herausforderung angesichts der aktuell stagnierenden Personalstärke. Und dann stehen noch mögliche Nato-Forderungen im Raum, die von mehr als 270 000 Soldaten sprechen. Ist das nicht utopisch?
Beim Nato-Gipfel in Washington könnte es noch in diesem Monat Richtungsentscheidungen geben. Klar ist, dass die Nato knapp 50 weitere Brigaden aufstellen möchte. Eine Brigade umfasst circa 5000 Soldaten. Gut möglich, dass auch Deutschland zusätzliche Verantwortung übernehmen muss. Das neue Wehrdienst-Modell kann da nur ein Anfang sein. Wenn wir nicht genug Freiwillige finden, werden wir darüber debattieren müssen, wie wir Menschen zum Dienst verpflichten können. Zunächst müssen wir eine Wehrerfassung aufbauen, um zu wissen, wer wehrfähig ist und wen man im Verteidigungsfall heranziehen könnte. Gleichzeitig gilt es, mehr professionelle Soldaten gewinnen.
Also zurück zur alten Wehrpflicht?
Nein, das wäre aus der Zeit gefallen. Schon damals hatten wir kaum Wehrgerechtigkeit. Uns fehlte die Kapazität, alle einzuziehen, die theoretisch zur Bundeswehr gemusst hätten. Eine allgemeine Dienstpflicht für Männer und Frauen, die sich nicht auf die Bundeswehr beschränkt, ist ein Modell, über das wir künftig diskutieren sollten.
Kommt dem Thema Reserve derzeit eine angemessene Bedeutung zu?
Da gibt es Nachholbedarf, den die Bundeswehr erkannt hat. Wir wissen derzeit nicht genau, wen wir im Ernstfall einberufen könnten. Es gibt knapp 900 000 Reservisten. Aber wir haben keine genauen Informationen darüber, wer davon noch wehrfähig ist und wo sich die Menschen befinden.
Wenn Soldaten das Ende ihrer Dienstzeit erreichen, werden sie auf einem Dienstposten in der Reserve eingeplant. Dieses System basiert aber auf Freiwilligkeit. Die Frage ist, ob wir es uns als Nation leisten können, Menschen professionell militärisch auszubilden und dann einfach gehen zu lassen. Das ist kein ernsthafter Weg, mit der derzeitigen Bedrohung umzugehen.

Zur Person

Marcel Bohnert (45) ist Berufssoldat und 2. stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes. Bohnert wurde 1979 in Schwerin geboren. Der Oberstleutnant im Generalstab trat im Jahr 1997 nach dem Abitur als Unteroffizieranwärter in das Heer ein und wechselte 2002 in die Offizierslaufbahn. Bohnert ist Autor zahlreicher Bücher und veröffentlichte Beiträge in verschiedenen Zeitschriften. Zuletzt warb Bohnert intensiv für die Einführung eines bundesweiten Veteranentags.

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