Wo darf in Kassel gekifft werden?

Nach Cannabis-Legalisierung: Frust wegen Kifferregeln in Kassel

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Seit dem 1. April dürfen Erwachsene in Deutschland legal kiffen, doch bislang gibt es viel Frust. Die Konsumenten sind unzufrieden, Behörden erwarten eine Überlastung.

Kassel – Die Legalisierung von Cannabis sorgt für reichlich Frust – sowohl bei Kasseler Kiffern als auch bei Behörden. Seit dem 1. April dürfen Erwachsene mit Einschränkungen legal kiffen. Sie können nun 25 Gramm Cannabis mit sich führen, zuhause sind 50 Gramm erlaubt. Laut dem umstrittenen Gesetz der Ampelregierung darf auch draußen gekifft werden – allerdings nur ab einem Mindestabstand von 100 Metern zu Schulen, Kitas, Spiel- und Sportplätzen.

Frust wegen Kifferregeln in Kassel

Im Polizeipräsidium Nordhessen rechnet man mit einem hohen Aufwand durch die neue Regelung, wie eine Sprecherin erklärt: „Die Novellierungen führen zu einem erheblichen behördlichen Kontrollaufwand und zu zahlreichen neuen Streitfragen.“ Und auch viele Konsumenten sind unzufrieden. Denn der legale Verkauf der Droge in sogenannten Cannabis Social Clubs ist erst ab dem 1. Juli möglich. So sind in der Hanf-Zentrale im Vorderen Westen, wo es seit Jahren Hanfprodukte, aber eben kein Cannabis gibt, zahlreiche Kunden gefrustet. Betreiber Steffen Westhelle sagt: „Alle beschweren sich, dass sie weiter zum Dealer gehen müssen. Das ist der Horror.“ Dabei sollte das von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eingebrachte Gesetz den Schwarzmarkt schwächen, wo oftmals überzüchtetes und verunreinigtes Gras verkauft wird.

An Orten, wo Kiffen weiterhin verboten ist, nehmen Polizei und Stadtpolizei Kontrollen vor. Bei der Stadt verweist man darauf, dass „zunächst aufklärend vorgegangen“ werde, da „die Gesetzeslage für alle noch neu ist“.

Bei manchen Kiffern ist die Vorfreude groß: Teilnehmer einer Cannabis-Demo in Leipzig.

Dagegen zeichnet sich im Straßenverkehr bereits ein erster Trend ab. Wer mit dem Auto, Fahrrad oder E-Scooter unterwegs ist, darf den Grenzwert von 1,0 Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum nicht überschreiten. Nach Angaben einer Polizeisprecherin führten die vermehrten Verkehrskontrollen in Nordhessen seit dem 1. April „zu einem leichten Anstieg bei den festgestellten Fahrten, bei denen Personen mutmaßlich unter dem Einfluss von Cannabis am Steuer saßen“.

Laut dem Unternehmer Dirk Herzog ist es „überwältigend“, wer in Kassel alles Cannabis konsumiert. Der 78-Jährige hat als Student extrem gekifft, raucht längst nichts mehr, plant aber, ab dem 1. Juli mindestens vier Cannabis Social Clubs zu eröffnen. 200 Mitglieder gibt es bereits und ebenso viele Interessenten. Auch Westhelle von der Hanf-Zentrale will einen Club aufmachen.

Wo darf in Kassel gekifft werden?

Grundsätzlich darf in der Öffentlichkeit Cannabis von Über-18-Jährigen geraucht werden. Ausgenommen sind Bereiche in der Nähe von Kindern und Jugendlichen sowie in Sichtweite zu Schulen, Kitas, Spiel- und Sportplätzen. Es gilt ein Mindestabstand von 100 Metern. Zwischen 7 und 20 Uhr darf auch in Fußgängerzonen kein Cannabis konsumiert werden. Einen Überblick liefert die sogenannte Bubatzkarte. Unter bubatzkarte.de gibt es eine interaktive Deutschlandkarte, in der die verbotenen Bereiche rot markiert sind – alles ohne Gewähr. Nicht nur Kassel ist von roten Punkten übersät. Schon ein erster Blick macht deutlich, dass die neuen Regeln schwierig zu kontrollieren sind.

Wer kontrolliert das Verbot?

In erster Linie die Polizei. Eine Sprecherin kündigt an, dass man in den kommenden Wochen vor allem die Bereiche um Schulen, Kitas, Spiel- und Sportplätzen sowie Fußgängerzonen im Blick behalte: „Hierbei kommt insbesondere der Überwachung des Jugendschutzes eine besondere Bedeutung zu.“ Auch die Stadtpolizei kontrolliert das Verbot – im Zuge des allgemeinen Streifendienstes oder wenn es Beschwerden gibt. In der Praxis wird es wohl auch eine Abwägungssache sein, ob sich ein Kiffer schon in Sichtweite einer Schule befindet oder nicht. In vielen Kommunen ist man mit der Regelung unzufrieden. So sagte ein Mitarbeiter des Ordnungsbehördenbezirks der Kommunen Habichtswald, Breuna, Bad Emstal, Gudensberg, Naumburg, Niedenstein und Zierenberg, durch die fehlenden Zuständigkeiten würde man in der Schwebe hängen.

Welche Strafen drohen, wenn man in der Nähe einer Schule kifft?

Die Stadtpolizei will Kiffer zunächst vor allem aufklären, da die Gesetzeslage für alle noch neu sei, wie ein Rathaussprecher mitteilt. Allerdings: Bei einer Wiederholung können Platzverweise ausgesprochen und Ordnungswidrigkeiten festgestellt werden. Dies kann mit einem Bußgeld geahndet werden. Wer mehr Cannabis mit sich führt als erlaubt, gegen den kann laut der Sprecherin des Polizeipräsidiums Nordhessen bei geringfügiger Überschreitung ein Bußgeld verhängt werden. Bei einem Besitz von mehr als 60 Gramm oder mehr als 30 Gramm im öffentlichen Raum handelt es sich um eine Straftat.

Wann darf ich nach dem Konsum von Cannabis wieder Auto fahren?

Das ist unklar. Der Grenzwert liegt bei einem Nanogramm THC pro Milliliter Blutserum. Laut der Polizeisprecherin ist es „kaum möglich zu wissen, wie viel THC nach dem Konsum noch im Blut ist, denn die negativen Wirkungen auf die Fahrtüchtigkeit sind auch noch lange nach dem Konsum vorhanden“. Das Fahren unter berauschenden Mitteln wie Alkohol und Cannabis gehöre zu den wesentlichen Unfallursachen im Straßenverkehr. „Die Entkriminalisierung von Cannabis dürfte hierauf wahrscheinlich keinen positiven Einfluss haben“, sagt die Sprecherin.

Darf man in Restaurants und Cafés kiffen?

Nein, dort gilt ein Rauchverbot. In Raucherkneipen entscheiden die Betreiber, wie es gehandhabt wird. In der King Schulz Bar am Königstor gibt man sich gelassen. Besitzer Timo Hildebrandt sagt: „Da wir sowieso eine Raucherbar sind, lässt es sich kaum vermeiden. Die Zigarren, die hier teilweise geraucht werden, riechen viel intensiver. Ich sehe keinen Grund, warum ich den Gebrauch eines legalen Rauschmittels verbieten sollte.“ Dagegen hat Sladjan Tutnjevic mit seinem Team von Joe’s Garage entschieden, dass in der Raucherkneipe auf der Friedrich-Ebert-Straße nicht gekifft wird. Bislang habe niemand danach gefragt. Zudem fragt sich Tutnjevic, „ob auf der Friedrich-Ebert-Straße gekifft werden darf. Hierzu müsste die Politik erst einmal etwas sagen.“ Die Antwort: Es kommt darauf an, ob man sich in der Nähe eines Spielplatzes, einer Kita oder Schule befindet. Es bleibt also kompliziert.

Wie schädlich ist Kiffen?

Cannabis kann viele negative Folgen haben. Der Immenhäuser Lungenfacharzt Dr. Achim Rittmeyer verweist darauf, dass ein Joint die Lunge etwa so stark schädigt wie drei bis fünf Zigaretten. Bei jungen Leuten, die regelmäßig kiffen, ist die Wahrscheinlichkeit einer Psychose deutlich erhöht, wie Prof. Dr. Martin Ohlmeier vom Ludwig-Noll-Krankenhaus sagt. In der Liste der gesundheitsschädlichsten Drogen liegt Cannabis übrigens auf Rang acht, vier Plätze hinter Alkohol. (Von Matthias Lohr und Charlotte Steinhaus)

Rubriklistenbild: © Sebastian Willnow/dpa

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