Die SPD-Basis entscheidet darüber, ob sie dem Koalitionsvertrag mit CDU/CSU zustimmt. Im Interview spricht Lars Klingbeil über die Koalitionsverhandlungen.
Werra-Meißner – In dieser Woche entscheidet sich, ob die SPD dem Koalitionsvertrag mit CDU/CSU zustimmt. Die Mitglieder haben das letzte Wort. Der Parteivorsitzende Lars Klingbeil ist zuversichtlich. Warum, das sagt er im Interview am Rande der Dialogkonferenz in Baunatal – am Mittag des Tages, an dem Bayern München dann doch (noch) nicht Deutscher Meister geworden ist.
Herr Klingbeil, gibt es eigentlich einen Plan B, wenn die Mitglieder nein sagen zum Koalitionsvertrag?
Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Mitglieder mehrheitlich ja sagen. Ich war heute Morgen auf dem Parteitag in Braunschweig, unter der Woche war ich in Trier, gestern hatte ich eine digitale Schalte mit dem Landesverband Berlin. Da merke ich, dass es Fragen gibt, dass es Kritik gibt und dass nicht zwingend eine Euphorie herrscht. Aber ganz viele sagen, dass es richtig ist, jetzt Verantwortung zu übernehmen und in die Regierung zu gehen.
Was ist eigentlich der tiefere Sinn eines solchen Mitgliederentscheids? Darüber könnte ja auch einfach ein Spitzengremium entscheiden.
Die SPD ist eine Mitglieder-Partei. Wir haben in unserer Satzung verankert, dass wir die Basis bei solch wichtigen Entscheidungen wie den Eintritt in eine Regierung einbinden. Ich finde das gut, und es macht mich stolz, meine Partei so engagiert zu erleben.
Sie sind viel unterwegs und haben eben gesagt, es gebe auch Kritik. Wie sieht die aus? Und was treibt die Basis um?
Es gibt den Blick auf das Wahlergebnis. 16,4 Prozent bei der Bundestagswahl – da ist die klare Erwartung, dass das aufgearbeitet wird, und das tun wir. Auf dem Parteitag im Juni werden wir erste Schritte beschließen. Nach der Wahlniederlage 2017 haben wir das ebenfalls mithilfe einer Kommission getan. Das war dann später eine Art Drehbuch für den Wahlerfolg 2021. Und da ich will, dass wir 2029 wieder erfolgreich sind, habe ich ein riesiges Interesse daran, dass wir die SPD programmatisch, organisatorisch und personell neu aufstellen. Das ist Punkt eins.
Und Punkt zwei?
Punkt zwei ist die konkrete Frage, ob wir Verantwortung für Deutschland übernehmen in dieser Zeit, wie sie gerade ist. Da ist Donald Trump, der die Weltmärkte durcheinander bringt. Da ist der Krieg in der Ukraine, der seit drei Jahren geführt wird. Da ist die Polarisierung in Europa. Das treibt viele um. Dabei gibt es einen nüchternen Blick auf das Notwendige, und da sagen viele: Uns ist es lieber, dass wir mitregieren, als dass wir Neuwahlen oder eine Minderheitsregierung bekommen und doch noch mal Stimmen in der Union lauter werden, die sagen: vielleicht mit der AfD.
Sie gehen fest davon aus, dass die Mitglieder mehrheitlich für den Koalitionsvertrag stimmen. Mit welcher Stimmung gehen Sie denn dann in die Koalition nach all den hörbaren Differenzen zuletzt mit der Union?
Die Koalitionsverhandlungen waren gut. Es gab vertrauensvolle Gespräche, es gab vernünftige Kompromisse. Aber zuletzt sind einige Dinge nicht gut gelaufen. Wir haben von Anfang an gesagt, die Kraft muss da sein, die großen Fragen dieses Landes zu klären. Also: Wie kriegen wir den wirtschaftlichen Aufschwung wieder hin? Wie sichern wir Arbeitsplätze? Wie kann die außen- und sicherheitspolitische Rolle Deutschlands wieder gestärkt werden? Wie sorgen wir dafür, dass das Leben in Deutschland wieder einfacher wird und besser funktioniert? Das war die Messlatte. Und: Ja, wir haben in diesem Koalitionsvertrag etwas hinbekommen. Dass kurz danach aus der Union eine Debatte losgetreten wird über die Normalisierung der AfD, hat mich sehr geärgert. Es hat abgelenkt von dem, was wir 24 Stunden vorher verhandelt haben.
Vor der Dialogkonferenz gab es eine kleine Demonstration und die Aufforderung an die SPD, sicherzustellen, dass die AfD keine Schlüsselpositionen bekommt. Wie wollen Sie das erreichen? Oder anders gefragt: Wie wollen Sie Herrn Spahn, der wohl CDU-Fraktionschef wird, wieder einfangen?
Auch für Herrn Spahn gilt der Koalitionsvertrag. Und da steht ganz klar drin: Keine Zusammenarbeit mit rechtsextremen Parteien. Wenn wir eine Koalition mit der Union eingehen, sollten jegliche Gedankenspiele beendet werden, mit der AfD etwas zusammen zu machen. Das, was vor der Wahl passiert ist, darf dann nicht wieder vorkommen. Darüber habe ich mit Friedrich Merz auch sehr intensiv geredet.
Zur Person
Lars Klingbeil (47) ist in Soltau geboren. Nach dem Abitur machte der Sohn eines Bundeswehrsoldaten Zivildienst, dann studierte er in Hannover Soziologie, Politikwissenschaften und Geschichte. Seit 2009 sitzt er für die SPD im Bundestag. Seit 2021 ist er Parteivorsitzender der SPD, zuvor war er deren Generalsekretär. Nach der Wahl im Februar wurde er auch Fraktionsvorsitzender. Klingbeil ist verheiratet, hat einen Sohn. Kürzlich machte er eine überstandene Krebserkrankung im Jahr 2014 öffentlich. (red)
Ein Schwerpunkt für die SPD im Koalitionsvertrag ist das Thema Rentenniveau, das nicht gesenkt werden darf. Wie wollen Sie dann aber für zukünftige Generationen die Rente zukunftssicher machen? Oder anders gefragt: Wer soll künftig in die Rente einzahlen?
Das Thema Rente wird seit Jahrzehnten von Mythen begleitet. Auch vor 30 Jahren sind Politiker schon gefragt worden, ob die Rente noch sicher sei. Am Ende hat das System immer funktioniert. Natürlich gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. Aber wir können sehr froh sein, dass wir eine stabile gesetzliche Rente haben. Klar ist aber auch: In den nächsten Jahren kommt die Babyboomergeneration ins Rentenalter, wir müssen also große Herausforderungen bewältigen. Deshalb – so ist es im Koalitionsvertrag festgehalten – soll eine Kommission sehr schnell Ergebnisse vorlegen, wie man die sozialen Sicherungssysteme reformieren kann. Das gilt für Gesundheit, das gilt für Pflege, das gilt auch für Rente. Meine Vorstellung ist auch, darüber zu reden, wer eigentlich künftig in die Rente einzahlt.
Nämlich?
Was ist zum Beispiel mit Politikern? Oder was ist mit Selbstständigen? Wir müssen den Kreis derer, die einzahlen, größer machen. Manche sagen ja, Rentenreform hieße, dass diejenigen, die ihr Leben lang für 2500 Euro gebuckelt haben, einfach noch länger arbeiten sollten. Das ist nicht meine Vorstellung als Sozialdemokrat. Die beste Rentenpolitik ist eine anständige Lohnpolitik. Wenn Menschen gute Jobs haben und gut verdienen, dann ist es immer gut für deren Rente. Deshalb ist es gut, dass wir den Mindestlohn eingeführt haben und das Tariftreuegesetz kommt.
Sollte der Mindestlohn künftig gesetzlich festgesetzt werden oder sollte dies einer Kommission überlassen werden?
Im Koalitionsvertrag ist das klar geregelt. Es macht eine Kommission. Die hat zuletzt deutlich gemacht, dass sie sich an den europäischen Vorgaben orientiert. Das hieße: 15 Euro Mindestlohn. Ich gehe fest davon aus, dass es so kommen wird.
Sozialen Sprengstoff birgt auch das Thema Mieten. Was tun Sie, um die Schere auf dem Mietmarkt zu beseitigen?
Das Wichtigste ist, dass wir mehr bauen. Und das muss unbürokratischer und schneller gehen. Aber wir müssen auch den Wucher mancher Vermieter stoppen. Deshalb haben wir hart dafür gekämpft, dass die Mietpreisbremse für die nächste Legislaturperiode verlängert wird.
Aber das Instrument Mietpreisbremse schützt ja die Bestandsmieter nicht.
Sie greift, wenn jemand nach langer Zeit aus seiner Wohnung auszieht und die Mieten dann auf einmal explosionsartig erhöht werden sollen. Da setzen wir einen Riegel vor.
Wer wird von Steuerentlastungen profitieren? Wer muss Steuererhöhungen befürchten?
Wir haben zwei Dinge konkret verabredet: Es wird für die Unternehmen einen Investitionsbooster geben. Es soll sich wieder massiv lohnen, hier in Deutschland zu investieren. Dann steigen wir ein in die Unternehmenssteuerreform. Das Zweite ist: Wir werden mit einer Reform der Einkommensteuer dafür sorgen, dass Menschen mit kleinem und mittlerem Einkommen mehr Geld im Geldbeutel haben. Daran arbeiten wir bis zur Mitte der Legislatur.
Das ist vereinbart unter der Maxime, dass es bezahlbar ist?
Alles muss bezahlbar sein. Ich habe gerade eine Koalition durchlebt, die euphorisch gestartet ist. Dann kam der Krieg. Dann kam ein Urteil des Verfassungsgerichts zum Haushalt. Auf einmal fehlten 60 Milliarden Euro, und dann war nichts mehr möglich. Man hat sich nur noch um Geld gestritten. Deshalb haben wir sehr stark darauf gedrungen, dass wir im Koalitionsvertrag Dinge priorisieren. Dazu gehören die beiden Steuersenkungen. Aber alles steht unter Finanzierungsvorbehalt. Ich will noch eins dazu sagen.
Nur zu.
Ich habe gerade das Foto von Trump und Selenskyi am Rande der Trauerfeier des Papstes gesehen, ich sehe, was beim Thema Strafzölle los ist. Das hat alles das Potenzial, die Welt, wie sie jetzt Ende April ist, innerhalb von Tagen durcheinanderzubringen. Wir müssen jederzeit in der Lage sein, Prioritäten zu ändern und Entscheidungen zu treffen. Für mich war das einer der größten Fehler der Ampel: dass man sich finanziell so eingemauert hatte. Man hat krampfhaft versucht, die Wege so weiter zu beschreiten, als gäbe es all die Veränderungen nicht.
Zum Abschluss noch ein Satz zum Personal. Sollte die Mehrheit der Mitglieder für den Koalitionsvertrag stimmen, soll bis zum 5. Mai feststehen, wer von der SPD Minister wird. Sie werden uns nicht verraten, wer was wird. Aber wie läuft solch eine Kür ab?
Ich kann Ihnen verraten: Das bedeutet viele Gespräche und Abwägungen.
Also hat Saskia Esken noch eine Chance, Ministerin zu werden?
Wir machen das in enger Abstimmung, und wir haben gute Leute.
Und wir haben jetzt mit dem künftigen Finanzminister und Vizekanzler gesprochen?
Sie haben mit dem SPD-Vorsitzenden gesprochen, dessen Lieblingsverein heute vorzeitig Deutscher Meister werden könnte.(Jörg-Stephan Carl und Florian Hagemann)