Volkswagen in der Krise

Eine Woche nach dem Paukenschlag: So spricht Baunatal über die VW-Krise

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Außerordentliche Betriebsversammlung: Baunatals ehemalige Bürgermeisterin Manuela Strube (links) begrüßte gemeinsam mit Hessens Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori den VW-Betriebsratsvorsitzenden Carsten Büchling (rechts).
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So ist die Stimmung in Baunatal in der Volkswagen-Krise: Stimmen aus Politik, Wirtschaft, Kirche und Vereinswesen eine Woche nach dem VW-Paukenschlag.

Baunatal – Der VW-Vorstand in Wolfsburg hat aus Spargründen jüngst sogar Werkschließungen in Deutschland zur Diskussion gestellt. Würde das Werk Kassel in Baunatal dichtgemacht, würde das die gesamte Region treffen, heißt es allerorten. Was also bedeutet der Standort mit 15 500 Beschäftigten für die Menschen? Wir haben uns in der Stadt umgehört.

Der Bürgermeister: Henry Richter zur Stimmung in Baunatal in der Volkswagen-Krise

„Mit Sorge blicke ich auf die Entwicklungen bei Volkswagen“, sagt Baunatals am Montagabend (16. September) eingeführter Bürgermeister Henry Richter (parteilos). „Ein Stellenabbau hätte gravierende Auswirkungen auf unsere Stadt, den städtischen Haushalt und würde zu einer wirtschaftlichen Belastung führen.“

Stellenstreichungen würden abgesehen von VW-Mitarbeitern auch Konsequenzen für Dienstleister, Handel und Produktion in der Region haben. „Jeder Bäcker, Metzger und Gastronom würde es in seinem Portmonee spüren“, die allgemeine Kaufkraft würde sinken.

Der neu eingeführte Bürgermeister Henry Richter ist überzeugt, dass sich mit Leidenschaft und Engagement auch neue Tarifvereinbarungen zwischen VW und den Mitarbeitern finden lassen werden.

„Wir werden in der aktuell angespannten finanziellen Lage der Stadt noch mehr sparen – und den Gürtel enger schnallen“, sagt Richter. „Ich rechne in den kommenden Jahren mit noch weniger Gewerbesteuereinnahmen.“

Die Stadt sei in engem Austausch mit der Werksleitung und dem Betriebsrat, dazu kommen Gespräche mit Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) und der Landesregierung. Richter plant, eine Bürgermeisterrunde der Städte mit VW-Werken – wie Wolfsburg, Emden, Dresden, Hannover und Zwickau – zu initiieren.

Der Sportverein: Viele Mitglieder des KSV Baunatal arbeiten bei VW

Der KSV Baunatal hat mehrere Kooperationen mit dem VW-Werk: Froh über die bisherige Unterstützung sind Katrin Eschstruth (Vorstand, von links), die Mitarbeiter in der KSV-Sportwelt Dennis Siebrecht und Christoph Klein sowie Georg Heinemann und Kira Werner (Vorstand).

Natürlich treiben auch viele der Beschäftigten in den örtlichen Vereinen Sport. Der KSV Baunatal hat beispielsweise unter seinen fast 8.000 Mitgliedern zahlreiche VWler. Dennoch äußert Georg Heinemann vom KSV-Vorstand auch Verständnis für die schwierige Situation in der Autoindustrie.

„Wir sind uns bewusst, dass die Automobilindustrie vor großen Herausforderungen steht, die durch verschiedene Faktoren wie technologische Veränderungen, Marktbedingungen und globale Entwicklungen beeinflusst werden.“

Und: „Die aktuelle Situation ist sowohl für die Volkswagen AG als auch für die Menschen, die dort beschäftigt sind, belastend. Wir nehmen Sorgen und Ängste unserer Mitglieder, die direkt oder indirekt von dieser Situation betroffen sind, sehr ernst.“

Das Hotel: VW beschert Best Western Ambassador (in)direkt Gäste

Profitiert auch vom VW-Werk: Das Hotel Best Western Ambassador. Auszubildender Niklas Dell und Geschäftsführerin Anna Friedrich begrüßen die Übernachtungsgäste in der Baunataler Innenstadt.

Ebenso profitieren auch die Baunataler Hotels vom Betrieb des VW-Werks. Anna Friedrich, Geschäftsführerin vom Hotel Ambassador, sagt: „Volkswagen arbeitet mit vielen in- und ausländischen Firmen aus verschiedenen Bereichen zusammen. Dadurch entsteht Übernachtungsbedarf in Baunatal und der näheren Region. Für den nordhessischen Tourismus und seine Arbeitsplätze ist VW ein wichtiger Bestandteil.“

Die Staatssekretärin: Manuela Strube und ihr Draht ins VW-Werk Kassel

Baunatals frühere Bürgermeisterin Manuela Strube (SPD) hatte einen guten Draht ins Werk. Seit Januar gehört sie als Staatssekretärin im Sozialministerium mit zur Landesregierung. Sie besuchte nach dem Bekanntwerden des geplanten Sparkurses bei VW auch die außerordentliche Mitgliederversammlung am 4. September im Werk Kassel.

„Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass der Standort in Baunatal erhalten und nicht geschlossen wird“, sagt sie im Gespräch mit der HNA. Sollte es aber Kündigungen geben, „dann müssen diese sozialverträglich sein“.

Aus unserer Sicht ist es wichtig, dass der Standort in Baunatal erhalten und nicht geschlossen wird.

Manuela Strube, Staatssekretärin

Und was tut die Landesregierung für den Standort? Die Wirtschaftsministerien der Länder mit VW-Standorten stehen laut Strube in engem Kontakt. „Ich bin im Sozialministerium für Arbeit zuständig“, sagt die Staatssekretärin weiter. Auch da solle es länderübergreifend einen Austausch geben.

„Wir schauen von Tag zu Tag, von Woche zu Woche.“ Strube geht davon aus, dass die nun ab 25. September laufenden Verhandlungen zwischen Konzernleitung und IG Metall härter verlaufen werden, als sonst übliche Tarifverhandlungen, wo es meist nur um einige Prozent mehr Lohn gehe. Jetzt hänge mehr dran.

Die Eisdiele: Auch im Eiscafé Cellino ist die VW-Krise bestimmendes Thema unter Gästen

Deni De Filippo vom Eiscafé Cellino setzt mit einem Dessert in VW-Farben ein Zeichen.

Die VW-Krise ist auch im Eiscafé Cellino in der Innenstadt präsent. „Die Stimmung bei unseren Gästen ist getrübt, die Lage bei VW ist in vielen Gesprächen das beherrschende Thema“, sagt Inhaber Deni De Filippo. „Ist weniger Geld in Umlauf, und geht es den Leuten schlechter, wirkt sich das unmittelbar auf unsere Gastronomie aus.“

Der Pfarrer: Dirk Muth von der Evangelischen Gemeinde Altenbauna berichtet von Sorgen

Dirk Muth ist Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde Altenbauna. Er kennt die Sorgen vieler Gemeindemitglieder. „Junge Familien, neugebaute Häuser, Kreditfinanzierungen – an den Jobs bei VW hängen viele menschliche Schicksale.“

Junge Familien, neugebaute Häuser, Kreditfinanzierungen – an den Jobs bei VW hängen viele menschliche Schicksale.

Dirk Muth, Pfarrer in der Evangelischen Gemeinde Altenbauna

Viele fragten sich, ob sie nun ihre Arbeit verlieren und eine neue Stelle suchen müssen. „Dazu kommen Aussiedler, die die Situation nicht immer einschätzen können. Da fällt schon mal die Frage, ob VW verkauft wurde.“

Die Damen-Boutique: Einzelhändlerin Giesela Sandgaard ist gegen Panikmache

Eine, die schon viele Krisen erlebt, auch bei VW, ist Giesela Sandgaard. Sie betreibt seit fast 40 Jahren die Janett Boutique am Marktplatz.

Giesela Sandgaard von der Janett Boutique rät von vorschneller Panikmache ab.

„Vorschnelle Panikmache ist nicht sinnvoll“, sagt die Einzelhändlerin von Damenmode. „Möglicherweise handelt es sich auch nur um einen Schlagabtausch zwischen Konzernvorstand und Betriebsvertretung um zu einer neuen Tarifvereinbarung zu finden.“ (Raphael Digiacomo / Sven Kühling)

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