Auch Trommeln waren zu hören

Volkswagen in der Krise: Pfiffe bei Betriebsversammlung in Baunatal

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Die Ankündigung des VW-Konzerns, eventuell Werke zu schließen, sorgt nicht nur in Baunatal für Entsetzen. Mehr Informationen sollte es für die Mitarbeiter bei einer Betriebsversammlung geben.

Baunatal - Zwei Stunden waren angesetzt für die Betriebsversammlung, die um 10 Uhr in der Halle 2 begonnen hatte. Mit Spannung erwarteten die etwa 7000 Mitarbeiter den Auftritt von Technik-Vorstand Thomas Schmall aus Wolfsburg, wo ebenfalls eine Betriebsversammlung stattfand. Ein Mitarbeiter sagte: „Heute wird es keine Antworten geben. Das ist nur der Auftakt für das, was in den nächsten Monaten auf uns zukommt.“

Fast zweieinhalb Stunden hat die Betriebsversammlung am Mittwoch letztlich gedauert. Konkrete Informationen zur Zukunft von VW hat Technik-Vorstand Schmall nicht vorgelegt, wie Beschäftigte berichten. Es gab auch keine Informationen, welche Werke vielleicht geschlossen werden müssen. Klar ist aber, dass kräftig gespart werden muss beim Autobauer aus Wolfsburg. Ein Mitarbeiter, der seit 33 Jahren dabei ist, sagt vor dem Nachhauseweg: „Ich hätte nicht gedacht, dass das Kind so tief in den Brunnen gefallen ist.“

Viele Beschäftigte werfen der Führung Managementfehler vor. Man habe Fehler bei der E-Mobilität gemacht und zu sehr auf große Modelle gesetzt. „Uns fehlt es an wirklichen Volkswagen“, sagt ein 50-Jähriger.

Der Betriebsrat will sich am frühen Nachmittag in einer Pressemitteilung äußern.

VW-Mitarbeiter in Baunatal kurz vor der Betriebsversammlung.

Pfeifkonzert bei Versammlung für Vorstand

Als VW-Technik-Vorstand Thomas Schmall am Morgen die Halle 2 betrat, gab es ein großes Pfeifkonzert. Auch Trommeln waren zu hören. Auf einem Transparent steht: „Ihr wollt Ärger? Ihr kriegt Ärger.“ Auf einem Plakat gegenüber dem Platz von Technik-Vorstand Thomas Schmall war zudem zu lesen: „Können Sie noch ruhigen Gewissens in den Spiegel schauen, Herr Schmall?“

Neben Schmall sprachen heute auch Betriebsratschef Carsten Büchling und Oliver Dietzel, Bezirksbevollmächtigte der IG Metall.

Betriebsversammlung bei Volkswagen in Baunatal ist nicht öffentlich

Für die Betriebsversammlung, die wie gewohnt unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, galten offensichtlich erhöhte Sicherheitsvorkehrungen. Pressevertreter durften die Halle 2 nur in Begleitung des Werksschutzes betreten. Bevor es losging, mussten sie das Gelände wieder verlassen. In der Halle waren etwa 30 Stuhlreihen aufgebaut, die meisten Mitarbeiter mussten stehen. Von der Decke hingen zwei riesige Leinwände. Wichtig, so sagt es ein Pressesprecher, sei heute gewesen, dass jeder vor allem gut zuhören könne.

Ein Mitarbeiter sagte am Mittwochmittag nach der Versammlung: „Man kann es mit einem Satz beschreiben: Es war hitzig.“ Der Mann spricht von Säbelrasseln von Seiten des Vorstandes.

Auch Prominenz aus Wiesbaden war nach Nordhessen gekommen. Baunatals ehemalige Bürgermeisterin Manuela Strube, die mittlerweile Staatssekretärin im hessischen Arbeitsministerium ist, begleitete Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) in die Halle. Anders als VW-Vorstand Schmall bekam er keine Pfiffe.

Betriebsratsvorsitzende geht nicht davon aus, dass das Baunataler Werk geschlossen wird

Der langjährige Baunataler Betriebsratsvorsitzende Carsten Bätzold geht nicht davon aus, dass das hiesige Werk geschlossen wird. Genau dieser Komponenten-Standort sei nach wie vor „das beste Pferd im Stall“, sagte er am Rand der Veranstaltung. Traditionell liefere das Werk Kassel wirtschaftlich gute Ergebnisse ab.

Dass es nicht um Schließungen ging, bestätigten Mitarbeiter, mit denen wir am Mittag gesprochen haben. Sie sagten übereinstimmend, dass das Thema heute nicht angesprochen worden sei.

Thomas Schmall wurde mit Pfiffen und Trommeln empfangen.

IG Metall: Beschäftigte in Baunatal sind wütend

Nach Angaben der IG Metall haben sich die Beschäftigten des VW-Werkes in Baunatal am Mittwoch generell wütend und enttäuscht über den verschärften Sparkurs des Konzerns gezeigt. Man bezweifle nicht die Herausforderungen, vor denen die Automobilindustrie stehe, sagte der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Nordhessen, Oliver Dietzel. Dass aber beim Aufziehen eines rauen Windes „sofort mit Werksschließungen gedroht wird“, sei nicht nachvollziehbar.

Das Werk in Baunatal ist aus Sicht des Betriebsrats „sehr zukunftssicher“ aufgestellt. „Wir haben den Weg der Transformation für unser Komponentenwerk so früh in Angriff genommen wie kaum ein anderer Wettbewerber“, sagt ein Sprecher des Gesamtbetriebsrats. Die Fabrik sei seit 2016 zum Kompetenzzentrum für die Elektro-Antriebe aufgebaut worden. Zuletzt habe Kassel den Zuschlag für das Kompetenzzentrum Großguss erhalten, dessen Arbeit zum Beispiel bei künftigen Batterierahmen gebraucht wird. Wichtigstes Produkt für Verbrennerantriebe ist das Doppelschaltgetriebe, das in E-Autos nicht mehr benötigt wird. 

Der frühe Weg in Richtung Elektromobilität habe sich auch rückblickend als richtig erwiesen. „Denn die Antriebswende wird dafür sorgen, dass in unseren VW-Komponentenwerken über kurz oder lang 70 Prozent der früheren Wertschöpfung verschwinden, die mit dem Verbrenner-Antriebsstrang zusammenhängt“, sagte der Sprecher. Hier werde deutlich, wie unerlässlich neue Geschäftsfelder sind, die die bisherigen ergänzen und je nach weiterem Hochlauf der E-Mobilität ersetzen können.

Das VW-Werk Kassel in Baunatal

Mit 15.500 Mitarbeitern ist Baunatal im Landkreis Kassel das weltgrößte Komponentenwerk des Volkswagen-Konzerns und gilt als größter Arbeitgeber Nordhessens. In Baunatal werden weite Teile des elektrischen Antriebsstrangs hergestellt. 

VW-Spitze verteidigt bei Betriebsversammlung in Wolfsburg Sparkurs 

Die VW-Spitze hat auf der Betriebsversammlung in Wolfsburg ihren verschärften Sparkurs verteidigt. „Wir haben noch ein Jahr, vielleicht zwei Jahre Zeit, das Ruder herumzureißen. Aber diese Zeit müssen wir nutzen“, sagte Konzern-Finanzchef Arno Antlitz vor mehr als 10.000 Beschäftigten im VW-Werk. „Wir geben in der Marke seit geraumer Zeit schon mehr Geld aus, als wir einnehmen. Das geht nicht gut auf die Dauer!“ 

Mit den Einsparungen wolle VW die Mittel freisetzen, die man für neue Produkte brauche. „Dafür brauchen wir jetzt Geld, um kräftig zu investieren“, sagte Markenchef Thomas Schäfer. „Wenn wir es jetzt schaffen, unsere Kosten nachhaltig zu reduzieren und in ein Modellfeuerwerk zu investieren, wie es der Wettbewerb und die Kunden noch nicht gesehen haben, dann werden wir es sein, die die Voraussetzungen geschaffen haben, damit auch die nächsten Generationen hier in Deutschland für Volkswagen arbeiten können.“

VW in der Krise: Betriebsversammlung in Baunatal

Betriebsversammlung in Baunatal
Betriebsversammlung in Baunatal © Sven Kühling/Matthias Lohr/Andreas Fischer
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Betriebsversammlung in Baunatal © Sven Kühling/Matthias Lohr

Keine neuen Details zu Sparplänen bei Volkswagen

Von den Mitarbeitern war der Vorstand - wie auch in Baunatal - mit scharfem Protest empfangen worden. Neue Details zu den am Montag verschärften Sparplänen nannte VW bei dem Auftritt auf Einladung des Betriebsrats nicht. Europas größter Autobauer hatte angekündigt, angesichts der sich zuspitzenden Lage den eingeschlagenen Sparkurs bei der Kernmarke VW noch einmal zu verschärfen. 

Auch eine Werkschließung in Deutschland und betriebsbedingte Kündigungen werden nicht länger ausgeschlossen. Betriebsrat und IG Metall hatten erheblichen Widerstand angekündigt, das an VW beteiligte Land Niedersachsen forderte den Autobauer auf, Standortschließungen zu vermeiden.

Mit Blick auf die Standorte verwies Antlitz auf Überkapazitäten. In Europa würden derzeit zwei Millionen Autos weniger pro Jahr verkauft als vor der Corona-Pandemie. Und das werde sich auch kaum ändern. Für VW mit einem Marktanteil von rund einem Viertel in Europa bedeute das: „Es fehlen uns die Verkäufe von rund 500.000 Autos, die Verkäufe für rund zwei Werken. Und das hat nichts mit unseren Produkten zu tun oder schlechter Leistung des Vertriebs. Der Markt ist schlicht nicht mehr da.“

Betriebsversammlung in Baunatal

Volkswagen in der Krise: Welche Standorte geschlossen werden könnten, steht noch nicht fest

Angaben zu möglichen Standorten, die schließen könnten, machte VW weiter nicht. Der Konzern hatte zuvor erklärt, Werkschließungen wären nur die letzte Maßnahme, wenn es nicht gelinge, mit schnellen Maßnahmen gegenzusteuern. VW betreibt Autowerke in Wolfsburg, Emden, Osnabrück, Hannover, Zwickau und Dresden, hinzu kommen Komponentenfabriken in Kassel, Salzgitter, Braunschweig und Chemnitz.

Die Ankündigung des Konzernvorstandes, Milliarden an Euros einsparen zu wollen und das wohl auf Kosten von Arbeitsplätzen, hatte für große Aufregung im Volkswagen-Werk in Baunatal geführt. Der Baunataler Betriebsrat am zweitgrößten deutschen VW-Standort mit 15.500 Beschäftigten hatte auf diese Entwicklung mit Einberufung einer außerordentlichen Betriebsversammlung reagiert, die am Mittwoch nun stattfand.

„Der Fisch stinkt vom Kopf“: VW-Mitarbeiter bangen um Jobs und das Werk in Baunatal

Am Haupttor vor dem VW-Werk Kassel in Baunatal knallte Dienstagmittag die Sonne vom Himmel – und doch konnte die Stimmung der ein- und ausgehenden Mitarbeiter getrübter kaum sein. Wir haben mit einigen gesprochen. „Der Fisch stinkt immer vom Kopf“, sagte etwa ein Mitarbeiter.

Die meisten Mitarbeiter des VW-Werks in Baunatal kommen aus dem Schwalm-Eder-Kreis. Der Standort hat aber für die gesamte Region eine immense Bedeutung. Wir haben uns bei Mitarbeitern, Politikern und Experten umgehört. (mit dpa)

Rubriklistenbild: © Sven Kühling

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