Umzug

„Leben ist zu teuer geworden“: Ehepaar aus Nordhessen kündigt Wohnung und zieht auf Campingplatz

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Tauschen 130-Quadratmeter-Wohnung gegen Wohnwagen mit Vorzelt: Janine und Boris Zacharias ziehen Anfang November aus Kostengründen auf den Campingplatz Weißenthalsmühle in Niedenstein-Kirchberg. Für ihre riesige Sofalandschaft ist dort kein Platz. Janine und Boris Zacharias haben ihre Mietwohnung in Ehlen gekündigt und ziehen Anfang November aus Kostengründen auf den Campingplatz Weißenthalsmühle in Niedenstein-Kirchberg
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In drei Wochen geht es für Janine und Boris Zacharias auf den Campingplatz. Das Ehepaar hat seine Wohnung in Ehlen gekündigt und will künftig dauerhaft im Wohnwagen leben.

Habichtswald - Die Eheleute planen ihren Ausstieg. „Das Leben ist zu teuer geworden“, begründet Boris Zacharias die Entscheidung. „Tanken, Lebensmittel, Heizen“, zählt der 44-Jährige auf. Zusammen mit den Ausgaben für die Miete sei am Monatsende nichts mehr übrig, sie lebten von der Hand in den Mund. Dabei haben beide einen Job und zählen sich mit ihrem Einkommen zur Mittelschicht. Janine Zacharias arbeitet als Verkäuferin in verschiedenen Filialen einer Bäckerei. Ihr Mann beliefert als Fahrer für denselben Betrieb die Geschäfte mit Ware. Vor einem halben Jahr hat er noch einen 520-Euro-Job angenommen und ist als Hausmeister für die Bäckerei tätig.

Seit vier Jahren sind sie ein Paar, seit einem guten Jahr verheiratet. In dieser Zeit seien sie nur einmal für eine Woche an die Nordsee gefahren. Sie hätten bei den hohen Lebenshaltungskosten keine Chance, Geld zu sparen oder etwas für einen gemeinsamen Urlaub zurückzulegen. Extras seien nicht drin. Das soll sich nun ändern. Dabei ist ihnen klar, dass dies einen großen Einschnitt in ihrem Alltag bedeutet.

Ehepaar tauscht 130-Quadratmeter-Wohnung gegen 20 Quadratmeter großen Wohnwagen

Ende Oktober steht der Umzug an. Dann geht es von Ehlen nach Niedenstein-Kirchberg auf den Campingplatz Weißenthalsmühle – von einer komfortablen 130-Quadratmeter-Wohnung mit kleinem Garten in einen knapp 20 Quadratmeter großen Wohnwagen inmitten der Natur. Zehn zusätzliche Quadratmeter beschert ihnen ein Vorzelt, das der 44-Jährige derzeit gegen Mäuse sichert, isoliert und winterfest ausbaut. In ihm sollen später eine Mini-Küche und ein winziges Wohnzimmer untergebracht werden. Ein Gasofen soll an kalten Tagen für Wärme sorgen.

Ihre monatlichen Ausgaben für Miete einschließlich der Nebenkosten würden sich von aktuell 1500 Euro auf etwa 300 Euro reduzieren. In dieser Summe enthalten sei bereits die jährliche Pacht für den Dauerstellplatz von 1100 Euro, sagt Boris Zacharias, der davon überzeugt ist, dass künftig mehr Menschen das Wohnen auf dem Campingplatz für sich entdecken werden, „ganz einfach, weil es günstiger ist“.

Für Janine Zacharias, die anders als ihr Mann bislang noch keine Berührungspunkte mit dem Campen hat, wird der Wechsel vom Dorf auf einen zumindest im Winter wenig belebten Platz im Wald „eine Riesenumstellung sein“. Drei Gründe hätten sie von dem ungewöhnlichen Vorhaben überzeugt. „Wir sparen Geld, haben ganz viel Ruhe, und ich glaube, dass ich so mit meinem Mann glücklich alt werden kann.“ Für sie gehe es nun darum, während der kalten Jahreszeit die ersten Erfahrungen mit dem spartanischen Leben zu sammeln. Dazu gehört auch, dass das Paar auf 90 Prozent seines Besitzes verzichten muss. Werkzeug, Gartengeräte und wichtige Dokumente dürfen bleiben, von Sofalandschaft und Bett werden sie sich trennen. Die meisten Einrichtungsgegenstände lagern sie ein, um sie nach und nach übers Internet zu verkaufen. Auf Flohmärkten haben sie ebenfalls Dinge an die Frau beziehungsweise den Mann gebracht.

Im nächsten Jahr wollen sich beide ein Mobilhome anschaffen

Vor allem in den ersten Monaten wird es eng in ihrer neuen Bleibe, hinter der die Ems plätschert. Und zwar nicht nur für die Eheleute. Denn auch Janine Zacharias’ elfjährige Tochter wird alle zwei Wochen für zwei Wochen bei dem Paar leben. „Die ist ganz begeistert“, sagt die 40-jährige Mutter, für die die Einstellung ihrer Tochter ein wichtiges Entscheidungskriterium war. Im Sommer habe ihre Tochter bereits eine Probenacht an der Weißenthalsmühle verbracht und ihr Okay gegeben. Das Mädchen bekommt einen eigenen Schlafbereich, der sich mit einer Schiebetür abtrennen lässt.

Im nächsten Jahr wollen sich beide ein Mobilhome anschaffen, dann hätte die Tochter den Wohnwagen für sich, und das Zusammenleben würde etwas komfortabler. Die Elfjährige besucht die Theodor-Heuss-Schule in Baunatal, „dorthin fährt der Bus“, sagt Boris Zacharias. Neben Janine und Boris Zacharias und der Tochter werden auch die beiden Familienhunde in den Wohnwagen umziehen. (Antje Thon)

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