Kassel

Mehr Kinder in Kassel sind psychisch krank: Auch Klinikum sieht Zunahme

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Immer mehr Kinder haben psychische Probleme. Oft funktioniert das Zusammenleben zuhause nicht, und sie müssen im Krankenhaus aufgenommen werden.
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Psychische Erkrankungen sind 2021 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen gewesen. Auch das Klinikum Kassel sieht eine Zunahme.

Kassel – Psychische Erkrankungen und Verhaltensstörungen sind im Jahr 2021 die häufigste Ursache für stationäre Krankenhausbehandlungen von Kindern und Jugendlichen gewesen. Das teilt das Statistische Bundesamt mit. Mit knapp 81 000 psychisch kranker Patientinnen und Patienten zwischen 10 und 17 Jahren betrifft dieses Krankheitsbild nahezu 20 Prozent aller Klinikbehandlungen in der Altersgruppe. Bei vielen Betroffenen spielen neben psychischen Symptomen auch somatische Beschwerden eine Rolle.

Im nordhessischen Raum werden Betroffene zwischen 12 und 18 Jahren in der Abteilung für pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie des Klinikums Kassel behandelt. Auf der Station gibt es 16 Behandlungsplätze. Dort leben die Kinder und Jugendlichen für den Zeitraum ihrer stationären Behandlung und gehen gemeinsam zur Schule.

Mehr Kinder in Kassel sind psychisch krank

Das Krankheitsspektrum, das behandelt wird, ist vielfältig und reicht von Essstörungen, über Depressionen und Angststörungen bis hin zu chronischen, psychosomatischen Schmerzen. Zudem werden Jugendliche mit körperlichen Krankheiten bei der Bewältigung der damit verbundenen Einschränkungen unterstützt. „Die Kinder und Jugendlichen leiden unter körperlichen Beschwerden, die zum Beispiel im Rahmen einer Traumafolgeerkrankung oder Depression auftreten“, sagt Tatjana Kowala aus dem Leitungsteam der Pädiatrischen Psychosomatik.

Meistens kann das Behandlungsteam die Beschwerden der Kinder nicht nur somatischen oder psychischen Ursachen zuweisen. „Die Krankheitsbilder sind multifaktoriell“, sagt Kowala. Wichtig sei es, zunächst andere Krankheitsbilder auszuschließen. „Dafür ist eine komplexe Untersuchung nötig. Diese können wir am Klinikum leisten“, sagt die Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Dafür arbeiten verschiedene Fachrichtungen, unter anderem Menschen aus der Pädiatrie, der Psychotherapie, Pädagogische Fachkräfte und Pflegefachkräfte sowie Menschen aus Physiotherapie und Kunsttherapie, eng zusammen.

Kassel: „Die Kinder wurden bei Corona vergessen“

Neben den 16 stationären Plätzen behandelt das Team auch Kinder und Jugendliche aus anderen Abteilungen der Kinderklinik des Klinikums – und der Behandlungsbedarf steige immer weiter. Alle Betten der Station seien belegt, auch die ambulanten Systeme seien überlaufen. „Die Wartezeit ist abhängig von der Symptomatik. Bei einer Anorexie etwa kann Lebensgefahr bestehen und wir können gar nicht warten“, betont Dr. Julia Velarde Chaparro, ebenfalls Therapeutische Leitung.

Das Leitungsteam sieht die Pandemie als eine Ursache für die Zunahme psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. „Die Kinder wurden bei Corona vergessen. Man hat ihnen ein Stück Jugend genommen“, sagt Kowala. Die Isolation und der gesteigerte Social-Media-Konsum habe Einfluss auf die Psyche der Kinder, ebenso aber auch die Genetik sowie das familiäre Gefüge zu Hause.

Die Medizinerinnen beobachten, dass die betroffenen Kinder bei Erkrankungsbeginn immer jünger sind. „Wir planen daher zukünftig weitere Behandlungsmöglichkeiten zusätzlich zum bereits bestehenden Angebot“, sagt Velarde Chaparro.

Kasseler Klinik-Team setzt auf partizipatorischen Ansatz

Wichtig sei dem Team der partizipatorische Ansatz der Kinder und Jugendlichen. Etwa bei der Planung der Aktivitäten dürfen sie mitentscheiden. „Sie sollen ihre Autonomie trotz stationärer Behandlung altersgemäß behalten und sich so weit wie möglich weiterentwickeln“, sagt Velarde Chaparro.

Das führe aber dazu, dass bestimmte Krankheitsbilder wie Süchte oder eigen- und fremdgefährdende Kinder und Jugendliche nicht in der Pädiatrischen Psychosomatik aufgenommen werden können. „Da sind die Kinder- und Jugendpsychiatrien die richtigen Ansprechpartner“, sagen die Medizinerinnen. (Anna Weyh)

Voranmeldungen: per Telefon: mittwochs, 15-16 Uhr unter 05 61/9 80-32 80 oder per Mail an julia.velardechaparro@gnh.net und tatjana.kowala@gnh.net

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