VonChristopher Hessschließen
Gastronomen aus der Region schlagen Alarm: Die anstehende Erhöhung der Mehrwertsteuer werde für viele Betriebe Existenz bedrohend. Sie bringe das Fass zum Überlaufen. Wenn sich nichts ändert, müssten die Betriebe schließen, Angebote runterfahren – und die Preiserhöhung an die Kunden weitergeben.
Fulda - „Die Gastronomie geht schweren Zeiten entgegen“, sagt Dieter Kehl. Er ist seit Jahrzehnten in der Gastro-Branche tätig, führt mit Sohn Benjamin das Landhaus Kehl in Tann-Lahrbach im Kreis Fulda und ist Ehrenvorsitzender des Zusammenschlusses Rhöner Charme. So gefährdet wie jetzt sei die Branche noch nie gewesen. Hohe Energiepreise, Inflation, Personalmangel – und nun die anstehende Steuererhöhung. „Das bringt das Fass zum Überlaufen. Das Ende der Fahnenstange ist irgendwann erreicht und unsere Branche am Ende“, sagt Kehl mit sorgenvollem Blick.
Mehrwertsteuer-Erhöhung: Gastronomen aus Fulda schlagen Alarm
Gemeinsam mit Stefan Hohmann (Gasthof Hohmann in Hilders), ebenfalls Rhöner Charme, Stefan Faulstich (Rhönblick Petersberg-Steinau, Vereine der Köche), Benjamin Kehl und dem Dehoga-Kreisvorsitzenden Andreas Jahn hat er in dessen Landgasthof Zum Stern in Poppenhausen geladen. „Wir wollen die Bürger da draußen aufklären, wieso wir am Ende die Preise erhöhen müssen. Es bleibt uns dann einfach nichts mehr anderes übrig“, sagt der erfahrene Gastronom.
Sohn Benjamin Kehl spricht von Preiserhöhungen von bis zu 30 Prozent. „So wirklich wissen wir das aber selbst noch nicht“, sagt er. Zu ungewiss sei, wie sich die Kostenlage für die Gastronomen entwickelt. Kehl rechnet vor, dass sich die Energiekosten für dieses Jahr bereits von 60.000 auf 100.000 Euro erhöht hätten. Die Gefahr bestehe, dass sich viele Menschen – auch jetzige Stammkunden – einen Restaurantbesuch schlicht nicht mehr leisten können.
2024 sieht sich die Branche aller Voraussicht nach nicht nur mit der Erhöhung der Mehrwertsteuer von 7 auf 19 Prozent konfrontiert, hinzu kämen höhere Kosten für Zulieferer unter anderem aufgrund der CO2-Steuer. „Darüber hinaus haben wir ja jetzt schon mit den immens hohen Energiekosten zu kämpfen und wollen ja auch unsere Mitarbeiter noch angemessen bezahlen“, fügt Dehoga-Kreisvorsitzender Jahn hinzu.
Für viele ist der Traum von der Gastronomie zu einem Albtraum geworden.
Die Erhöhung der Mehrwertsteuer werde vor allem zu Schließungen von Betrieben führen, die ohnehin noch an den Folgen der Corona-Schließungen zu knabbern haben. Wenn sie es nicht schon getan haben. „Wir haben mittlerweile viele Orte in der Region, in denen es keine Gaststätte mehr gibt“, stellt Benjamin Kehl fest. „Dabei sind Gaststätten unfassbar wichtig für einen Ort, sie sind soziale Treffpunkte. Dort kommen noch Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen“, führt Kehl fort.
Jahn ergänzt: „Wir haben einen gesellschaftlichen Auftrag. Egal ob Taufe, Hochzeit, der Tröster nach einer Beerdigung, für all diese Anlässe sind wir auch da.“ In Zukunft könne es aber deutlich teurer werden, eine solche Feier in der Gaststätte zu feiern. „Oder wir müssen die Angebote herunterschrauben, das müssen wir jetzt teilweise schon“, ergänzt Benjamin Kehl. Die vielen Preissteigerungen machten es in Zukunft für die ländlichen Gastronomen schwieriger, regionale und faire Produkte einzukaufen und den Kunden anzubieten. „Jeder wird sein Kapital zusammenhalten müssen“, so Kehl.
Die Gastronomen äußern schwere Kritik an der Politik. Von „leeren Lippenbekenntnissen“ seitens der Bundesregierung – allen voran von Kanzler Olaf Scholz und Finanzminister Christian Lindner – ist die Rede. „Was können wir als Branche der Politik denn überhaupt noch glauben“, fragt Stefan Faulstich. Er spricht zudem von fehlender Wertschätzung der Branche seitens der Politik. Faulstich möchte dem Glauben entgegenwirken, die Gastronomiebetriebe hätten sich an der Senkung der Mehrwertsteuer zu Zeiten der Coronakrise bereichert.
Video: Höherer Mehrwertsteuersatz: Wird Essengehen im Jahr 2024 zum Luxus?
„Die Steuersenkung war wichtig für uns, um unser Personal zahlen zu können, die Teilschließungen und die Hygieneauflagen abzufangen. All das hat viel Geld gekostet.“ Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen war zeitlich begrenzt. 2022 war sie noch einmal bis zum Ende diesen Jahres verlängert worden. Dennoch hatten die Gastronomen die Hoffnung, dass die Politik die Steuer nicht wieder erhöht.
„Die Lage für uns hat sich seit 2022 einfach noch einmal verschärft. Der Ukraine-Krieg und damit gestiegene Energiekosten kamen hinzu, auch die Inflation hat weiter angezogen“, so Fuldas Dehoga-Chef Jahn. Bleibt es bei der Erhöhung der Mehrwertsteuer, dann werde sich auch die ohnehin häufig schon problematische Nachfolge noch schwieriger als ohnehin schon gestalten. „Wer will denn unter solchen Voraussetzungen noch einen Betrieb übernehmen“, fragt Dieter Kehl.
„Dabei ist es so ein schöner Beruf, es gibt immer noch viele Wirte, die das mit Herzblut machen und auch junge Menschen, die Lust darauf haben“, sagt Jahn. Es brauche aber ein Umdenken seitens der Politik, um den Beruf auch in Zukunft attraktiv gestalten zu können. „Wir sind dazu in ständigem Austausch mit Vertretern der Politik“, so Jahn. Erst kürzlich haben sich Vertreter aus Politik und der Gastronomie in der Hessenmühle in Kleinlüder versammelt, um mögliche Lösungsansätze zu finden. Es brauche zusätzliche Förderprogramme für die Gastronomie-Branche. „Wir müssen entlastet werden“, fügt Benjamin Kehl hinzu. Für viele sei der Traum von der eigenen Gastronomie inzwischen zum Albtraum geworden – das müsse sich dringend ändern.
