Schließungen drohen

Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer wird Gastronomen und Gäste hart treffen

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Viele Gastronomen blicken mit Sorge auf den Jahreswechsel: Dann läuft die Reduzierung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf 7 Prozent aus. Das bedeutet: Erhöhen die Wirte ihre Preise nicht, haben sie weniger Einkommen. Für viele geht es inzwischen ums nackte Überleben. Preiserhöhungen sind deshalb unausweichlich. 

Fulda - „Zum Mitnehmen oder zum hier essen?“ In diesem einfachen Satz steckte vor der Corona-Pandemie mehr als nur die Frage, ob das Essen eingepackt werden soll. Die Antwort darauf bestimmte auch, welcher Mehrwertsteuersatz gilt – 19 Prozent, wenn der Gast im Restaurant aß, 7 Prozent, wenn er die Speisen mit nach Hause nahm.

Wenn die Preise auf der Speisekarte für beide Gäste die gleichen waren, blieb beim Gastronomen immer mehr in der Kasse, wenn der Gast das Essen nur abholte. Aufgehoben wurde diese kuriose Regelung 2021 im Zuge der Pandemie. Die Bundesregierung wollte damit der coronagebeutelten Branche wieder auf die Beine helfen.

Fulda: Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer wird Gastronomen und Gäste hart treffen

Und angesichts der Energiekrise wurde die Regelung nochmal verlängert. Im Preis für Speisen stecken nun generell 7 Prozent Mehrwertsteuer –e gal, wo der Gast isst. Weil der ermäßigte Satz offiziell nur bis Ende des Jahres 2023 gilt, schlagen viele Wirte Alarm - auch in der Region Fulda.

„Es sollte bei sieben Prozent bleiben“, sagt Felix Wessling, Geschäftsführer der „Alten Schule“ und der „Heimat“ in Fulda. „Wir haben zwar auch vorher mit 19 Prozent Mehrwertsteuer gewirtschaftet, aber die Herausforderungen sind seit der Krise nicht weniger geworden. Deshalb bin ich absolut dafür, dass die Mehrwertsteuer bei 7 Prozent bleiben sollte.“

Eine Bedienung in einem Restaurant in Stuttgart trägt ein Tablett mit Getränken. Gastronomen plädieren für eine dauerhafte Senkung der Mehrwertsteuer in ihrer Branche.

„Als Gastronom muss man die Steuer in die Kalkulation mit einbringen und letztlich würde sich das beim Endkunden bemerkbar machen. Es geht also uns alle an. Und das ist nicht die einzige Herausforderung: Die Energiekosten sind schwankend, zeitweise hatten wir Probleme, an Produkte heranzukommen. Lieferanten haben zum Teil Tagespreise eingeführt“, erläutert der 41-Jährige.

Er nennt ein Beispiel: „Der Dreierpack Paprika hat zwischen 1,70 und 5,80 Euro gekostet. Hinzu kommt der Personalmangel. Es ist wichtig, dass die Branche zusammen mit der Politik Möglichkeiten findet, um die Arbeit in der Gastronomie wieder attraktiver für die Arbeitnehmer zu gestalten. Und auch der Gesellschaft muss klar sein, dass ein Schnitzel für 12,90 Euro einfach nicht funktionieren kann. Für eine vernünftige Qualität muss auch ein vernünftiger Endpreis bezahlt werden.“

„Es wäre schlecht für uns“, wenn es zur Rückkehr der alten Mehrwertsteuer kommt, meint auch Hans Dieter Hausmann, der den „Gasthof Hausmann“ in Schlüchtern im Kinzigtal betreibt. „Dadurch werden die Speisen teurer und Essen gehen wäre noch mehr Luxus. Wir haben immer noch mit den Nachwirkungen der Pandemie zu kämpfen.“

Hinzu würden die gestiegenen Energiekosten und die höheren Lohnkosten kommen. „Es wäre wirtschaftlich ein starker Schaden, wenn die Mehrwertsteuer wieder erhöht wird“, betont der 59-Jährige. „Ich befürchte auch, dass in einem solchen Fall einige Gastwirte auf der Strecke bleiben und schließen müssen.“

„Die Senkung war längst überfällig“, findet Leonora Frohnapfel. Die Geschäftsführerin bei „Der Florenberg – Gipfel für Genießer“ sagt: „In 23 von 27 EU-Ländern gilt der ermäßigte Steuersatz auf Speisen in Restaurants mitunter schon Jahrzehnte. Es war dementsprechend eine Angleichung auf EU-Ebene, die nicht zurückgenommen werden sollte.“

Viele Wirte - auch in der Region Fulda - schlagen aufgrund der Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer Alarm.

„Die Reduzierung der Mehrwertsteuer für die speisengeprägte Gastronomie war ein zwingender Schritt zur Stärkung der Branche. Nicht zu vergessen: Innerhalb des ersten Pandemiejahres waren wir sieben Monate zwangsgeschlossen“, führt 39-Jährige aus. Zwar mache allein die Steigerung der Mehrwertsteuer kein solides Geschäftsmodell kaputt, doch da sei mehr.

„Über das bisherige Jahr 2023 gerechnet, verzeichneten Gaststätten einen realen Umsatzverlust von durchschnittlich rund 13 Prozent pro Monat im Vergleich zu 2019. Das heißt: Die Preise für Speisen und Getränke konnten gar nicht so weit angehoben werden, dass die Inflation ausgeglichen ist. Jetzt müssten die Preise zunächst aufgrund der Inflation angehoben werden.“

„Nun befindet sich Deutschland in einer technischen Rezession. Unternehmen fahren Investitionen zurück, die Kaufkraft der Verbraucher schwindet, die Löhne wachsen nicht mehr so schnell. Kommt die Mehrwertsteuererhöhung von 7 auf 19 Prozent on top, kann ich jeden verstehen, der bei den Preisen in der Gastronomie mehr als stutzig wird“, sagt Leonora Frohnapfel.

Hintergrund: Gastro In Zahlen 

2 Millionen Menschen arbeiten in der Gastronomie in Deutschland. 18.6000 Gastronomiebetriebe gibt es in Deutschland insgesamt.. 12000 Betriebe müssen bei einer Rückkehr zur vollen Mehrwertsteuer auf Speisen aufgeben. Davon geht der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband aus.

„Denn die schlechte Wirtschaftslage trifft uns alle. Gastronomiebetriebe sind ein Ort des Miteinanders, ein Austausch der Kulturen, eine Basis unserer Demokratie. In der derzeitig angespannten Situation unserer Volkswirtschaft die Steuern zu erhöhen, halte ich für einen Fehler seitens unserer Politiker.“

„Die Differenz müssen die Gastronomen einkalkulieren“, erklärt Kathrin Brähler, Geschäftsführerin des Landgasthofs „Zum Stern“ in Michelsrombach. „Wenn die Mehrwertsteuer wieder auf 19 Prozent erhöht wird, wird das vor allem für reine Restaurationsbetriebe ein Problem. Die Differenz müssen die Gastronomen drauf schlagen.“

Der ein oder andere werde sich dann überlegen, ob er essen geht oder lieber bestellt und sich so die Getränke spart. „Restaurants verdienen aber auch dadurch, dass die Leute zwei, drei Getränke trinken“, sagt die 40-Jährige. „Klar: Bleibt die Mehrwertsteuer bei 7 Prozent, dann fehlt das in der Staatskasse, allerdings führt eine Erhöhung womöglich dazu, dass Betriebe schließen müssen und dann gar keine Mehrwertsteuer mehr zahlen.“

Klar: Bleibt die Mehrwertsteuer bei 7 Prozent, dann fehlt das in der Staatskasse, allerdings führt eine Erhöhung womöglich dazu, dass Betriebe schließen müssen und dann gar keine Mehrwertsteuer mehr zahlen.

Kathrin Brähler, Geschäftsführerin Landgasthof „Zum Stern“ in Michelsrombach

Angesichts der Probleme der Branche, die sich unter anderem in höheren Lebensmittel- und Energiepreisen niederschlagen, fordern inzwischen auch Politiker und Verbände, den Steuersatz dauerhaft bei 7 Prozent zu belassen. FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler sagt: „Aus meiner Sicht braucht die Gastronomie jetzt dringend das Signal, dass die Mehrwertsteuer auf Speisen über das Jahresende hinaus abgesenkt bleibt.“

Eine Rückkehr zum alten Mehrwertsteuersatz sei in der aktuellen Situation Gift für die schwer gebeutelte Branche. „Meiner Meinung nach sollten wir unbedingt vermeiden, dass eine Erhöhung der Mehrwertsteuer nun zum Todesstoß für viele Betriebe wird, die sich trotz all der schwierigen Umstände durchgekämpft haben.“

Sein Parteikollege und Finanzminister Christian Lindner hingegen will erst einmal die Steuerschätzung im November abwarten – wie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auch. Scholz sagte, im November oder Dezember müsse der Bundestag schauen, ob er das Geld hat oder nicht. „Das ist ja eine teure Veranstaltung.“

Preise könnten im nächsten Jahr deutlich steigen - Bundesregierung will abwarten 

Wenn man die Regelung verlängern wolle, brauche man dafür den Bundestag und den Bundesrat. Denn die Verlängerung koste nicht nur den Bundeshaushalt Geld, sondern auch die Länder und Gemeinden. Zum Jahresende werde man mit Blick auf die weitere Finanzentwicklung sehen können, „was da geht“, sagte Scholz. 

Der reduzierte Mehrwertsteuersatz kostet den Fiskus pro Jahr rund drei Milliarden an Einnahmen. Geld, das im Haushalt dringend nötig wäre.  Für eine dauerhafte Senkung spricht sich auch Julia Klöckner, wirtschaftspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, aus. Es gehe jetzt darum, der Branche „nicht eine neue Steuererhöhung zum 1. Januar aufzubrummen“, so die CDU-Politikerin.

In der Gastronomie in Deutschland arbeiten etwa zwei Millionen Menschen. „Der ermäßigte Steuersatz hilft, dass dieser Bereich mit am Leben bleibt“, so Klöckner. Und auch von Seiten des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) kommt die eindeutige Forderungen: „Wer die Gastronomie schwächt, schwächt die gesamte touristische Dienstleistungskette. Deshalb müssen die 7 Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen über das Jahresende hinaus beibehalten werden.“

Hintergrund: Rechen-Beispiel

Kostet ein Schnitzel mit Pommes 16 Euro oder demnächst knapp 18 Euro? Darum geht es beim Kampf um die Mehrwertsteuer in der Gastronomie. Das Beispiel ist fiktiv und setzt bei einem Preis von 15 Euro an, den der Wirt für sein Schnitzel kalkuliert, und zu dem noch die Mehrwertsteuer hinzukommt. Bleibt es beim jetzigen reduzierten Satz von 7 Prozent, dann stehen auf der Rechnung 16,05 Euro. Stiege der Satz wieder auf die regulären 19 Prozent und würde der Wirt diesen Aufschlag an die Kunden weitergeben, , dann müssten die Gäste 17,85 Euro zahlen – also würde das Schnitzel 1,80 Euro teurer.

Tourismus lebe besonders auch von gastronomischen Erlebnissen. Gute regionale und internationale Küche sei essentiell für die Aufenthaltsqualität. „Durch die massiv gestiegenen Kosten bei Personal, Energie und Lebensmittel mussten Preise in vielen Bereichen in den letzten Monaten angehoben werden.“

„Schon jetzt sehen wir, dass sich manch einer den Urlaub nicht mehr leisten kann. Wird das Essen gehen zu teuer, schwächt dies die Wettbewerbsfähigkeit der Städte und Regionen als attraktive Tourismusstandorte“, erklärt Sven Liebert, Generalsekretär des BTW, zu den Auswirkungen. 

In der E-Paper-Ausgabe der Fuldaer Zeitung (Ausgabe vom Samstag, 2. September) gibt es zudem einen ausführliches Interview mit Steffen Ackermann, Vorsitzendes des Kreisverbandes des Dehoga Fulda und Vizepräsident des Dehoga in Hessen, zu den Folgen, die bei einer Rückkehr zur alten Mehrwertsteuer drohen.

Indes gab es jüngst einen traurigen Abschied von einer rührigen Rhönerin und Wirtin: Elisabeth Laudenbach starb im Alter von 71 Jahren. Das Land Hessen will derweil mit einem Förderprogramm das Gaststätten-Sterben im ländlichen Raum verhindern. Zwei Gasthöfe in der Rhön und einer im Vogelsberg profitieren.

Rubriklistenbild: © Bernd Weißbrod/dpa

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