- VonStefanie Salzmannschließen
Drosselrohrsänger, Flussregenpfeifer, Beutelmeise, Zwergdommel, Zauneidechsen, Ringelnattern, Feuerfalter und Blauflügelige Ödlandschrecke – es fliegt, kreucht und fleucht, summt und brummt in dem Naturschongebiet am Nordufer des Werratalsees.
Viele der im Werra-Meißner-Kreis lange als ausgestorben geltenden Vogelarten und weiteres selten gewordenes Getier haben dort wieder Heimat gefunden, singen, brüten und vermehren sich und stören sich wenig daran, dass die Qualität des Seewassers nach menschlichen Gesichtspunkten nicht die beste ist.
Ausweisung von Naturschongebiet am Werratalsee
Im Gegenteil: Die sinkende Wasserqualität des Werratalsees hat den Tieren und ihren Schützern letztendlich in die Hände gespielt. Schon vor dem Ende des Kiesabbaus im Jahr 2016 hatte sich auf der rund die 1,5 Hektar große Fläche am Nordufer ein besonderer Lebensraum entwickelt und Naturschützer hatten für eine Ausweisung als Naturschutzgebiet plädiert.
Dieses Ansinnen lehnte die Stadt Eschwege seinerzeit ab, wollte ein Investor doch dort eine Wasserski- und Wakeboardanlage errichten. Doch der verlor 2017 das Interesse, zu unklar war, wie sich der See entwickeln würde. Stattdessen konnte man sich auf die Ausweisung eines 15 Hektar großen sogenannten Naturschongebietes im nordwestlichen Uferbereich des Sees einigen.
Selten gewordene Vogelarten wieder heimisch am Werratalsee
Ein Naturschongebiet hat keinen rechtlichen Status so wie ein Naturschutzgebiet, ein Betretungsverbot beispielsweise kann nur der Eigentümer aussprechen. Das ist hier die Stadt Eschwege.
Doch gemeinsam mit dem Geonaturpark und der Naturschutzbehörde des Kreises gelang es, das Gebiet mit Leben zu erfüllen oder besser, sich selbst mit Leben zu erfüllen. 2014 gelang dort erstmals der Nachweis einer Blaukehlchenbrut. Tüpfelsumpfhuhn, Rohrschwirl, Flussregenpfeifer und Co. wurden wieder heimisch.
Naturparkranger betreut Naturschongebiet am Werratalsee
Beobachten und betreut wird das Gebiet von dem Naturparkranger Rainer Olßok, der auf seinen täglichen Streifzügen durch das Schongebiet nicht nur die zunehmende Population verschiedenster Vogelarten bilanzieren kann. Auch das Futterangebot für die Vögel nimmt zu und wächst jedes Jahr weiter. Allein im Jahr 2023 konnte er dort 21 Arten von Wildbienen und 12 Schwebefliegenarten feststellen.
„Es gibt kaum eine naturschutzfachliche Begründung, den Bereich nicht des alten Kieswerkes am Nordufer des Werratalsees nicht als Naturschutzgebiet auszuweisen“, schreibt Naturparkchef Marco Lenarduzzi in einem Bericht. Dieser Lebensraum sei für den Werra-Meißner-Kreis einzigartig und habe für einige Vogelarten eine überregionale und sogar hessenweite Bedeutung.
Positive Bilanz des Naturparkchefs zum Naturschongebiet
Dennoch seien die Widerstände der Stadt Eschwege und der Naturschutzbehörden erheblich gewesen. Unter anderem, weil auf Meinharder Seite – praktisch gegenüber auf der anderen Seite der Bundesstraße – das Naturschutzgebiet (NSG) „Mönchsrieth“ ausgewiesen worden war. „Das erreicht die Wertigkeit des Naturschongebietes am Werratalsee bei Weitem nicht“, so Lenarduzzi.
Doch letztendlich zieht Lenarduzzi eine positive Zwischenbilanz: „Objektiv betrachtet ist der effektive Schutzstatus des Naturschongebiets am Werratalsee nicht schlechter als der eines NSG, was die positive Gesamtentwicklung des Gebiets beweist. Mit überschaubaren Mitteln und wenig Bürokratie wurde viel für den Naturschutz erzielt.“
Damit könne das Konzept „Naturschongebiet“ ein zukunftsweisender Ansatz im Natur- und Artenschutz sein, gewissermaßen ein Naturschutz mit einer „gemeinsamen Zielvereinbarung unter Partnern auf Augenhöhe“.
Zweites Schongebiet am Niederhoner Feld
Im Werra-Meißner-Kreis ist mit dem Niederhoner Feld zwischen Niederhone und Jestädt inzwischen das zweite Naturschongebiet mit einer Größe von zirka 14 Hektar an der Werra als Gemeinschaftsaufgabe der Firma Oppermann, des Geo-Naturparks, der Oberen Naturschutzbehörde und der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e. V. (HGON) entstanden. Das Bergbauunternehmen Oppermann kann damit seiner Pflicht zur Rekultivierung nachkommen, die Vogelwelt profitiert.