Nach Sylt-Eklat

Nach Sylt-Skandal: Nazi-Parolen auf Kirmes in Hessen zu „L‘Amour Toujours“ – Staatsschutz sucht Zeugen

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Nach dem Sylt-Video: Auch in Alheim im Kreis Hersfeld-Rotenburg gibt es Berichte über das Singen ausländerfeindlicher Parolen.

Obergude – Bei der Kirmes in Obergude, in der Nacht zu Pfingstmontag, sollen einzelne bislang unbekannte Personen volksverhetzende Parolen zu der Melodie des Songs „L’Amour Toujours“ von Gigi D’Agostino gesungen haben. Das teilte das Polizeipräsidium Osthessen gestern mit. Jetzt ermittelt der Staatsschutz wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Ähnliche Szenen ereigneten sich am selben Wochenende auf der Insel Sylt, was für bundesweite Empörung gesorgt hatte, allerdings erst nach dem besagten Kirmesabend.

Wie Stefan Blackert – Vorsitzender der Freiwilligen Feuerwehr Obergude und damit auch der diesjährige Veranstaltungsleiter der Kirmes – mitteilt, seien „Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“ zu dem Partysong gesungen worden. „Wir sind zutiefst schockiert über diesen Vorfall und möchten klarstellen, dass wir uns von jeglicher Form von Rassismus und Diskriminierung distanzieren. Solche Verhaltensweisen sind in keiner Weise mit unseren Werten und unserem Verständnis von Respekt und Toleranz vereinbar“, sagt Blackert – auch öffentlich auf der Facebook-Seite der Feuerwehr. „Deshalb haben wir auch direkt am nächsten Tag Anzeige erstattet.“

Zu dem Zeitpunkt gegen null Uhr, als die Parolen gesungen worden sein sollen, seien Hunderte Gäste im Zelt gewesen. „Ich selbst war währenddessen nicht da, sondern auf Besorgungstour im Dorfgemeinschaftshaus. Als ich zurückkam, liefen andere Lieder. Dennoch wurde ich sofort von Gästen auf den Vorfall angesprochen“, so Blackert. Er sei daraufhin zum DJ Achim Borschel gegangen – in der Region besser bekannt unter „Bo-Music“ – und habe ihn gebeten, eine Durchsage mit einer „Richtigstellung“ zu machen. Der Bitte sei dieser nicht nachgekommen.

Nazi-Parolen zu „L‘Amour Toujours“: Der DJ äußert sich

„Ich frage mich, wieso dieser Song – der aktuell ja sehr in Verruf steht – überhaupt vom DJ gespielt wurde. Fragen muss man sich aber vor allem, wieso die Wiedergabe nicht gestoppt wurde, als dazu Nazi-Parolen angestimmt wurden“, sagt der Ortsvorsteher von Obergude, Thomas Schmidt.

Auf Nachfrage unserer Zeitung sagt der DJ, dass er das Lied „L’Amour Toujours“ seit vielen Jahren auf Partys spielen würde und es nie zuvor Probleme gegeben habe. „Ich wusste nichts davon, dass der Song rassistisch umgedichtet wurde, sonst hätte ich das Lied niemals auf die Wiedergabeliste gesetzt“, sagt Achim Borschel.

Zum Hintergrund: Über den Nazi-Eklat auf Sylt wurde erst nach Pfingstmontag intensiv in den Medien berichtet. Doch ganz unbekannt ist es auch vorher nicht gewesen, dass der eingängige Techno-Hit verstärkt von Rechtsextremen für ausländerfeindliche Parolen missbraucht wird. Auch bei einer Feier im Rotenburger Studienzentrum im Februar dieses Jahres sollen ausländerfeindliche Gesänge angestimmt worden sein, woraufhin unsere Zeitung mehrmals über den Fall berichtete. Die Ermittlungen wurden mittlerweile eingestellt, der Verdacht ließ sich nicht erhärten.

Auf die Frage, weshalb er die Wiedergabe nicht gestoppt habe, nachdem dazu rassistisch gesungen wurde, sagt Borschel: „Ich habe den Titel gestartet und bin dann auf Toilette gegangen. Ich habe von den Parolen nichts mitbekommen.“ Das sei auch der Grund, weshalb er auf Bitten des Veranstalters keine Durchsage im Zelt gemacht habe. „Ich wusste ja zu dem Zeitpunkt noch gar nicht genau, was passiert ist und was ich falsch gemacht haben soll.“

Nazi-Sprüche zu Tanzmusik: Die Szenen, bei denen Menschen auf Sylt ausländerfeindliche Parolen skandieren, haben bundesweit für Empörung gesorgt. Ein Einzelfall ist das nicht. Auch in Obergude sollen die Parolen skandiert worden sein.

Auch Bürgermeister Dr. Andreas Brethauer (SPD) äußert sich zu dem Vorfall: „Ich bin über den Fall informiert und mit allen beteiligten Stellen im Austausch. Der Veranstalter hat konsequent gehandelt – das heißt, es wurde direkt eingegriffen und der Vorfall wurde auch selbst zur Anzeige gebracht. Wir tolerieren rechtsradikales Gedankengut in keiner Weise und werden alle nötigen Konsequenzen ziehen.“

Die osthessische Polizei appelliert in diesem Zusammenhang – unabhängig von der strafrechtlichen Relevanz –, sich von Personengruppen zu distanzieren, die solche Gesänge beziehungsweise andere fremdenfeindliche Äußerungen von sich geben oder ähnliches Verhalten in der Öffentlichkeit zeigen. Ein solches Verhalten sei inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen. Zeugen, die entsprechende Wahrnehmungen machen, sollten sofort die Polizei informieren. Diese würde entsprechende Straftaten konsequent verfolgen. Um den Sachverhalt in Obergude zu klären, sucht die Polizei Zeugen. Diese sowie Personen, die Ton- oder Videoaufnahmen während des Abspielens gemacht haben, werden gebeten, sich unter der Telefonnummer 0661-1053520 zu melden. (Carolin Eberth)

Kommentar von HNA-Redakteur Christopher Ziermann

„Man darf ja nix mehr sagen. Man ist ja immer gleich ein Nazi.“ Haben Sie das schon mal gehört? Wenn es um Corona, die Energiewende oder Kritik an Menschen mit Migrationshintergrund geht? Man kann darüber streiten, wann vermeintliche moralisierende Zeigefinger übertrieben, manchmal vielleicht sogar kontraproduktiv sind. Die Reaktion könnte viel öfter so ausfallen: „Natürlich darfst du eine andere Meinung vertreten als ich, was soll das mit Nazis zu tun haben?“

Eines darf man nun aber nicht mehr, und da kann sich auch niemand mehr herausreden, seitdem das Sylt-Video ab dem 23. Mai – nach der Oberguder Kirmes – bundesweit durch die Medien ging: Das Lied „L’Amour Toujours“ hat auf keinem Volksfest mehr etwas verloren, in keiner Kneipe, in keinem Sporthaus. Es ist nun mit einer glasklaren Nazi-Parole verschmolzen, die eine unmissverständliche Aussage hat: Wir wollen in Deutschland keine Menschen mit Migrationshintergrund. Das sind 24,9 Millionen deutsche Mitbürger. Da gibt es kein Vertun, keinen Millimeter Toleranz: Das ist rechtsextremes Gedankengut, meilenweit von einem alkoholgeschwängerten schlechten Scherz entfernt.

Das eingängige Techno-Lied, in dem es eigentlich um Liebe geht, ist ein Paradebeispiel für Situationen geworden, in denen jeder von uns einschreiten und sagen sollte: „Hör auf, diesen Scheiß’ zu singen.“

„Gegen Nazi-Parolen sollten wir uns alle verbünden“

Und für Menschen, die „Gegröle“ in Bierzelten, beim Fußball oder am Ballermann grundsätzlich verdächtig finden und mit dem Zeigefinger besonders oft zucken, sollte es ein Paradebeispiel dafür sein, was tatsächlich und immer kritikwürdig ist. Nämlich das: Nazi-Parolen. Wer Fans populärer Bands wie den Böhsen Onkelz – die sich mit Anfang 20 aus der Rechten Szene verabschiedeten und deren spätere Gassenhauer man lyrisch und musikalisch doof finden kann – aber ansatzweise in die gleiche Ecke rückt, tut das Gegenteil von dem, was er möchte: Er macht einen Großteil seiner Mitmenschen, gerade aufm Dorf, zu Feinden statt zu Verbündeten. Und gegen Nazi-Parolen sollten wir uns alle verbünden.

Die Verharmlosung greift in sogenannten sozialen Medien, oft durch anonyme Accounts, bereits um sich. Der Techno-Hit wird auch nach Sylt noch mitunter auf Festen gespielt. Viele wissen nun, was man dazu skandieren kann. Reaktionen zu Berichten darüber fallen sinngemäß oft so aus: „Es gibt Schlimmeres, typisch linksgrüne Gutmenschen.“

Nein. Einfach Nein. (Text: Carolin Eberth, Kommentar: Christopher Ziermann)

Rubriklistenbild: © Friso Gentsch/SPA

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