VonNiklas Hechtschließen
Der Popsong „L‘Amour Toujours“ wird seit Monaten für rassistische Hetze missbraucht. Nun sorgen weitere Fälle für Schlagzeilen. Ein hessischer Musikverlag geht dagegen vor.
Kassel/Merenberg – Erneut ist der Popsong „L‘Amour Toujours“ in einem Kontext in den Medien, in dem die Rechteinhaber aus Hessen ihn sicherlich nicht sehen möchten. Der Musikverlag ZYX aus Merenberg (Limburg-Weilburg) war schon vor Monaten gegen den Missbrauch vorgegangen, als Videos in Sozialen Medien zeigten, wie Menschen auf die 2000er-Hit von Gigi D‘Agostino die rechtsradikale Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gröhlten.
So auch nun wieder: Ein entsprechendes Video aus Sylt sorgt derzeit für Schlagzeilen. Mindestens eine junge Frau und mehrere Männer rufen im Takt von “L’Amour Toujours” rechtsradikale Parolen. Aufgenommen wurde es offenbar im Nachtclub „Pony“ im Kampen. Auf Instagram hat sich der Club bereits distanziert: „Hätten wir von diesem Vorfall gewusst, hätten wir die betreffenden Gäste selbstverständlich des Hauses verwiesen. Es gibt keinen Platz für Rassismus“, heißt es dort.
Mittlerweile zieht der Vorfall immer weitere Kreise: Eine Influencerin kündigte einer Angestellten aufgrund des Videos das Anstellungsverhältnis, eine Hochschule prüft die Beteiligung eines Studierenden an der gefilmten Sequenz. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz äußerte sich.
Am Freitagabend kursierte ein weiteres Video von einem Schützenfest in Niedersachsen in den sozialen Medien.
Fälle von Volksverhetzung in Hessen wegen TikTok-„Trends“
Die sozialen Medien, darunter vor allem TikTok, entwickeln sich in den vergangenen Monaten immer mehr zu einem Einfallstor für rechtes Gedankengut. Auf der chinesischen Plattform ist nicht nur die AfD und ihre Bundessprecherin Alice Weidel besonders stark vertreten, über sogenannte „Challenges“ kommen hier vor allem junge Menschen in Kontakt mit rassistischen Inhalten. Die Fälle, in denen wegen Volksverhetzung ermittelt wird, nahmen zuletzt auch in Hessen zu.
So untersucht der Staatsschutz derzeit einen Vorfall an einer Schule im Lahn-Dill-Kreis, bei dem zwei 16-jährige Schüler mutmaßlich wegen eines TikTok-Trends im Februar „fremdenfeindliche“ Äußerungen getätigt haben sollen. „Gerade rechtsextremistische Gruppierungen nutzen die sozialen Medien, um ihre rassistischen oder fremdenfeindlichen Ideologien mit hoher Reichweite unter jungen Menschen zu verbreiten. Hierbei nutzen sie gezielt Trends, die gerade bei Kindern oder Jugendlichen ‚in‘ sind“, erklärte damals das hessische Landeskriminalamt. Ein anderes Video zeigte Ende November 2023 eine feiernde Menge im osthessischen Kalbach (Fulda), die „Ausländer raus“-Rufe grölte.
Bildungsstätte Anne Frank warnt vor Hass und Propaganda
Viele Jugendliche seien sich der Tragweite solcher Aktionen nicht bewusst, teilte das LKA Hessen zuletzt in Bezug auf die rechten „Trends“ mit. Unbedarftheit und das Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören, führten dazu, dass Jugendliche unüberlegt handelten. Auch die Bildungsstätte Anne Frank mit Sitz in Frankfurt warnte vor Kurzem vor der Falschinformation und Propaganda auf TikTok, vor allem in Bezug auf den Krieg in Gaza. „Kein anderes soziales Medium versorgt eine so vulnerable Zielgruppe mit derart verstörendem Content – weitgehend ohne Aufsicht“, so die Bildungsstätte und kritisierte die chinesische Plattform scharf, wegen der Verbreitung von Israelhass.
Und die tägliche Dröhnung mit Verschwörungstheorien und Rassismus zeigt Wirkung. Man könne in der Gesellschaft eine Trendumkehr feststellen, erklärte zuletzt Tina Dürr vom Demokratiezentrum Hessen in Marburg. Rechtsextreme Einstellungen würden generell zunehmen und seien seit neustem insbesondere bei Jugendlichen zu beobachten. In der Vergangenheit war dagegen eher die ältere Generation solchen extremistischen Ansichten zugeneigt. (nhe)
Rubriklistenbild: © Screenshot X


