Klimaschutz

„Muss erst jemand ertrinken?“: Hochwasser sorgt für Zorn im Frankfurter Norden

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Geplagte aus Harheim, Kalbach, Nieder-Eschbach klagen im Klimaausschuss ihr Leid. Forderung nach Schritten an den Oberläufen – und nach Enteignungen.

Frankfurt – Es war noch einmal voll am Donnerstagabend in der letzten Sitzung des Klimaausschusses der Stadtverordneten vor der Sommerpause – voll wie nie, wenn man es genau betrachtet. Die Probleme mit dem Klima sind aber auch so groß wie seit ein paar Millionen Jahren nicht mehr.

Mehr als zwei Stunden zog sich die „Bürgerinnen- und Bürgerrunde“, wohlweislich nicht mehr „Bürgerfragestunde“ genannt wie früher, denn die Stunde reicht längst nicht mehr. Diesmal waren besonders Hochwassergeplagte aus dem Frankfurter Norden in großer Zahl vor Ort.

Hochwasser in Frankfurt: „Es ist schlimmer als je zuvor“

„Muss es erst ein Schaden sein, der es ins Fernsehen schafft, bis sich etwas ändert?“, wetterte ein Mann aus Harheim: „Was ist denn nun mit dem Hochwasserschutz? Das Wasser wartet nicht.“ Einer, der seit 42 Jahren am Eschbach wohnt, berichtete, früher habe es gelegentlich Überflutungen gegeben – jetzt dreimal in 18 Monaten. „Es ist schlimmer als je zuvor. Wir haben Angst um unsere Häuser.“ Dass ihm gesagt werde, das Haus „dürfte da gar nicht stehen“, helfe nicht weiter: „Das steht da seit 1956 mit genehmigtem Bauantrag.“ Und habe jetzt einen Wasserschaden von 70 000 Euro. Noch zahle die Versicherung – „aber wie lange noch?“

Anwohner Gert Klostermeyer verlangte, die Kommunen müssten „etwas tun, damit nicht mehr so viel Wasser den Taunus runterkommt“. Sonst bestehe Gefahr für Leib und Leben, Autos würden zerstört, Keller liefen voll. Auch der neue Kunstrasenplatz des Fußballvereins müsse aufwendig saniert werden.

„Muss erst jemand ertrinken?“, fragte ein Nachbar. „Geben Sie ihren Ämtern den politischen Schub, damit sie tätig werden können“, forderte ein anderer. „Beziehen Sie die Bauern ein, damit Überflutungszonen und Ausgleichsflächen geschaffen werden können“, verlangte eine Anwohnerin.

Die Heinrich-Becker-Straße am Schwimmbad von Nieder-Eschbach, eine der Problemzonen.

Damit waren die wichtigsten Ansatzpunkte skizziert: Gebiet fürs Wasser schaffen, in das es anstelle der Keller weiträumig abfließen kann – und mit den Kommunen an den Oberläufen der Fließgewässer verhandeln, damit bereits dort Vorsorge getroffen wird. Punkte, die die Koalition bereits vor zwei Jahren mit einem Antrag auf den Weg gebracht habe, sagte Ausschussmitglied Thomas Schlimme (Grüne): „Es ist nicht so, dass uns das alles überrascht.“ Aber: „Das ist alles ganz schön schwierig.“

Das Wort Enteignung fällt im Frankfurter Norden

Yannick Schwander (CDU) verlangte: „Es muss dringend gehandelt werden, und zwar am Oberlauf.“ Das müsse man aber nicht den Hochtaunus- und Wetteraugemeinden überlassen. Die Stadt Frankfurt könne dort sogar eigenständig tätig werden: in den Waldgebieten, die sie seit jeher auch außerhalb der Stadtgrenzen besitzt. Selbst das Wort „Enteignungen“ müsse man in den Mund nehmen, sagte der Grüne Schlimme. Letztlich aber habe der Starkregen einen Grund: den Klimawandel. „Wenn wir dagegen nichts tun und die Klimakrise weiter beschleunigen, dann wird es noch schlimmer werden. Dann kommen noch ganz andere Sachen auf uns zu.“

Daniela Mehler-Würzbach (Linke) wurde bei der Erwähnung von Enteignungen hellhörig. Sie habe kürzlich eine interessante Liste gesehen: „Wie viele Flächen zum Beispiel für Autobahnprojekte enteignet wurden.“ Das seien weitaus mehr gewesen als für den Hochwasserschutz, sagte sie.

Mit Ortsbeiratsanträgen zum Thema Hochwasser ist das städtische Politikportal Parlis voll. Die nächsten werden garantiert bald kommen – so wie das nächste Hochwasser.

Rubriklistenbild: © Rolf Oeser

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