VonUlrike Pflüger-Scherbschließen
Bei der Demonstration der Bauern vor dem Regierungspräsidium Kassel wurde der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels mit Buh-Rufen bedacht.
Kassel – „Ich bin nicht aus Zucker. Ich stelle mich der Kritik“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete Timon Gremmels, als er gestern Vormittag bei seiner kurzen Rede auf der Bühne vor dem Regierungspräsidium ausgebuht worden ist.
Nur wenige Demonstranten wurden allerdings ausfallend. Ein Mann schrie „Lügner“ und „Penner“. Eine Frau bezeichnete es als „Lachnummer“, als der Abgeordnete sagte, dass er den Dialog mit den Landwirten suche.
Keine rechten Plakate bei Bauernprotest in Kassel
Ansonsten blieb es bei der Kundgebung, die aufgrund der Minustemperaturen auch relativ kurz ausfiel, sehr gesittet. Es waren keine Plakate von rechten Gruppierungen zu sehen. Im Gegenteil. Unter den 1700 Teilnehmern waren vornehmlich jüngere Leute, die sich klar gegen die rechte Szene abgrenzten. Auf dem Schild von Landwirt Markus Müller aus Calden war zum Beispiel „Rechte Rüben unterpflügen“ zu lesen. „Unsere Äcker sind bunt, nicht braun“ oder „Bäuerinnen gegen Rechtsextreme“ stand auf den Schildern.
Der Protest der Landwirtinnen und Landwirte sei laut und eindrucksvoll gewesen, so Regierungspräsident Mark Weinmeister, der ebenfalls Worte an die Demonstranten richtete. Nur wenn er beleidigend oder verletzend werde, habe der Protest sein Ziel verfehlt. „Davon war heute in Kassel nach meinem Eindruck zum Glück keine Spur. Ich bin mir sicher, dass der heutige Protest auch in Wiesbaden und vor allem in Berlin gehört wird.“
Klapp: Landwirte können abends nicht mehr einschlafen
Zum Auftakt der Kundgebung hatte Norbert Klapp, Vorsitzender des Regionalbauernverbands, geredet. Er richtete deutliche Worte an die Politiker. Aufgrund der vielen Auflagen (ob nun zum Beispiel die Ausweitung der Antibiotikadatenbank, die Führung eines Weidetagebuchs oder die Tierhaltungskennzeichnungsverordnung) könnten viele Landwirte abends nicht mehr einschlafen, weil sie nicht wüssten, wie sie das alles am nächsten Tag packen sollen.
Allerdings sei er überwältigt und begeistert über die Art und den Umfang der Proteste und die Unterstützung, die die Bauern aus der Bevölkerung in diesen Tagen erfahren würden. Die Kritik von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) und Ministerpräsident Stephan Weil (Niedersachsen) an den Sparbeschlüssen der Bundesregierung würden Anlass zur Hoffnung geben.
Früher sei nicht alles besser gewesen, sagte Klapp. Keiner wolle zurück zu der Zeit, als die Äcker mit Pferdefuhrwerken bestellt worden sind. Aufgrund der schweren Arbeit hätten die Menschen früher mit 60 so ausgesehen wie heute mit 85 Jahren. Um zu unterstreichen, wie sehr die Bauern auf günstiges Agrardiesel angewiesen sind, fuhr ein Fuhrwerk mit zwei Pferden vor. „Links Lotte, rechts Liesel, so geht Ackern ohne Diesel“, kommentierte Klapp. Bis die Sache mit dem Diesel nicht vom Tisch sei, würden die Landwirte weiter protestieren, kündigte zum Abschluss Erich Schaumburg, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Kassel, an. Dafür gab es großen Beifall. (Ulrike Pflüger-Scherb)
Die Bauern demonstrieren. In einer Sternfahrt sind sie aus umliegenden Kommunen nach Kassel gefahren. Wir haben Landwirt Moritz Kramm aus Grebenstein dabei begleitet.
Rubriklistenbild: © Daria Neu

