Ein Blick in die Kabine des Traktors von Moritz Kramm: Die Kolonne von Hofgeismar fährt bei strahlendem Sonnenschein und eisigen Temperaturen in Richtung Kassel.
Die Bauern demonstrieren. In einer Sternfahrt sind sie aus umliegenden Kommunen nach Kassel gefahren. Wir haben Landwirt Moritz Kramm aus Grebenstein dabei begleitet.
Grebenstein/Kassel – Die Sonne geht langsam auf über dem Hof von Jörg und Moritz Kramm in Grebenstein. Um acht Uhr färbt sich der Horizont rosarot und orangefarben, dazu sind Wiesen und Felder zart von weißem Reif bedeckt – ein Januarmorgen wie im Bilderbuch.
Vater und Sohn sind für den Tag bestens vorbereitet: Jacke, Mütze, Schal und – das Wichtigste – Thermoskannen voll heißem Kaffee. Denn dieser Wintertag wird lang. Jörg Kramm fährt gleich mit dem Auto nach Kassel, um dort vor dem Regierungspräsidium für die Kundgebung des Kreisbauernverbands am späten Vormittag alles vorzubereiten.
„Arbeit als Landwirt ist abwechslungsreich und fordernd – im guten und im schlechten Sinn“
Moritz Kramm tuckert derweil mit dem Traktor zu den Kelzer Teichen und trifft sich dort mit weiteren Landwirten aus der Region. Er nimmt an der Sternfahrt nach Kassel anlässlich der bundesweiten Protestwoche teil. Moritz Kramm ist erst 24 Jahre alt. Für ihn steht jedoch schon lange fest: Er wird den Hof seines Vaters irgendwann einmal übernehmen – und diesen somit in vierter Generation der Familie führen.
„Ich habe Spaß an meinem Job. Ich sitze zwar nicht, seit ich fünf Jahre alt war, auf dem Traktor, aber die Arbeit als Landwirt ist abwechslungsreich und fordernd – im guten und im schlechten Sinn“, sagt der Grebensteiner, der nach dem Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule in Hofgeismar die Ausbildung zum Landwirt absolviert und im Anschluss Landwirtschaft in Osnabrück studiert hat. Die Bachelorarbeit fehlt noch, aktuell arbeitet Moritz Kramm Vollzeit auf dem Hof der Familie.
Blinkende Traktoren aus allen Richtungen
Von dort sind die Kelzer Teiche nur wenige Fahrminuten mit dem Traktor entfernt. Am Treffpunkt stehen bereits einige weitere Trecker sowie Fahrzeuge von Fleischern und anderen Handwerkern, die sich ebenfalls am Streik beteiligen. Trotz der klirrenden Kälte ist die Stimmung unter den Teilnehmenden angeregt. Ein Koordinator gibt vor Ort bekannt: „Um neun Uhr geht es los Richtung Kassel. Wir lassen keine Lücken zwischen den Fahrzeugen und blockieren nur eine Spur.“
In wenigen Minuten steigt die Anzahl teilnehmender Fahrzeuge auf knapp 190. Aus allen Richtungen kommen blinkende Traktoren, die sich in mehreren Reihen aufstellen und auf das Signal des Organisationsteams warten. Insgesamt werden 900 Fahrzeuge aus verschiedenen Richtungen nach Kassel unterwegs sein, teilt die Polizei später mit.
Eindrücke von der Bauern-Demo mit Sternfahrt nach Kassel und vom Lokführerstreik
Proteste der Bauern in Kassel: Große Solidarität unter Landwirten
Diese große Solidarität unter den Landwirten hat zunächst auch Moritz Kramm nicht für möglich gehalten. „Aber die Sparpläne der Bundesregierung betreffen wirklich alle. Es hat sich viel bei ihnen angestaut“, sagt er, die Hände in den warmen Jackentaschen und gegen die Kälte von einem Fuß auf den anderen tretend.
In den vergangenen Jahren habe es bereits viele Reglementierungen gegeben, etwa Verschärfungen in der Düngeverordnung, Kürzungen bei den Flächenprämien oder auch Auflagen, um das Tierwohl besser zu erfüllen.
„Vor allem Letzteres ist auch richtig so, aber diese Richtlinien müssen in allen EU-Ländern gelten. Sonst produzieren wir vor Ort zu höheren Preisen – und günstigere Produkte aus dem Ausland werden importiert.“ Auf dem Hof der Kramms wird Ackerbau mit Getreide, Mais und Zuckerrüben betrieben sowie 2300 Schweine und ebenso viele Hühner gehalten.
Man fühlt sich unerwünscht. Wir sind keine Helden, wir arbeiten ganz normal. Aber es ist ein Wirtschaftszweig, der anerkannt werden sollte.
„Man kann nicht Wasser predigen und Wein saufen“
Beim Protest beteiligt sich Moritz Kramm auch, weil er darauf aufmerksam machen möchte, wo Lebensmittel eigentlich herkommen und wie wichtig die regionale Produktion ist, erzählt er, nachdem sich die endlos scheinende Kolonne langsam in Bewegung gesetzt hat. Viele Menschen hätten den Kontakt zur Landwirtschaft verloren, sagt der Grebensteiner:
„Politik und Gesellschaft fordern viel, auch zurecht. Aber man kann nicht Wasser predigen und Wein saufen. Nur das günstige Fleisch zu kaufen, funktioniert nicht. Auch wir müssen wirtschaftlich handeln.“
Der Weg bis zur Kundgebung führt Moritz Kramm und die anderen Landwirte entlang der Bundesstraße 83. Vorbei an Grebenstein und dem Hotel Schäferberg, durch Vellmar und über die Holländische Straße in das Zentrum Kassels. Die Menschen am Straßenrand winken und klatschen, zeigen den Daumen nach oben. Der Protest der Bauern findet Zuspruch.
„Wir sind keine Helden, wir arbeiten ganz normal“
Das erlebt Moritz Kramm auch in seinem Umfeld so. „Viele finden es gut, dass wir etwas unternehmen. Manche fragen auch, warum wir das tun. Wenn wir die Thematik dann erklären, zeigen viele Verständnis“, sagt der junge Landwirt und hupt einer Gruppe fröhlich zu.
Auf der Weserstraße in Höhe der Tramhaltestelle Katzensprung trifft der Treckerzug aus Hofgeismar auf den aus Fuldatal. Die Fahrer winken, man kennt sich untereinander. Über den Altmarkt hinweg reihten sich auf dem Steinweg schon Traktor an Traktor. Die Schilder sind kreativ: „Keine Zukunft ohne Kuhzunft“ und „Ernten wir auch Respekt und nicht nur Getreide?“ steht da geschrieben. Moritz Kramm parkt seinen Traktor nach Anweisung eines Polizeibeamten an der Schönen Aussicht hinter dem Landgericht. Noch einen letzten Schluck Kaffee aus der Thermoskanne und los geht es zur Kundgebung am Regierungspräsidium.
Die Kürzung von Agrarsubventionen lässt Moritz Kramm zwar nicht daran zweifeln, dass er den Hof übernehmen möchte. Aber etwas nachdenklich wirkt er schon. Die vielen Auflagen sorgen für Planungsunsicherheit und Resignation, sagt er: „Man fühlt sich unerwünscht. Wir sind keine Helden, wir arbeiten ganz normal. Aber es ist ein Wirtschaftszweig, der anerkannt werden sollte.“
Diese Meinung teilen auch seine Kollegen. Nach der Kundgebung tuckern sie mit ihren Traktoren wieder Richtung Heimat. Bei Tempo 20 fühlt sich das an wie ein weiter Weg. Aber wie weit wird wohl der Weg bis zu dem Respekt, den sich die Landwirte wünschen?