Heimplätze verzweifelt gesucht

„Pflege droht der Kollaps“: Heimsterben auch im Kreis Kassel

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Heimplätze fehlen: Immer mehr Einrichtungen schließen, Angehörige suchen verzweifelt nach Plätzen. Im Landkreis sei die Lage weniger angespannt als im landesweiten Vergelich, heißt es.
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In ganz Deutschland schließen Pflegeheime in alarmierender Zahl. Die finanziellen und personellen Herausforderungen bringen selbst etablierte Einrichtungen an ihre Grenzen.

Kreis Kassel – Die Situation ist deutschlandweit dramatisch: Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes Pflege (AGVP) mussten 800 Pflegeheime und ambulante Dienste im vergangenen Jahr Insolvenz anmelden oder schließen. Der Präsident des AGVP, Thomas Greiner, sieht kein Ende in Sicht und rechnet mit weiterem Heimsterben, egal ob Pflegeheim, kirchliche Sozialstation oder Pflegeunternehmen. Der pflegerischen Versorgung drohe der Kollaps, sagt er.

Auch im Landkreis Kassel ist dieser Trend deutlich spürbar. Laut Information der örtlich zuständigen Betreuungs- und Pflegeaufsicht (BPA) beim Hessischen Amt für Versorgung und Soziales Kassel wurden im Jahr 2023 fünf pflegerische Einrichtungen geschlossen, drei in 2024 (Stand: April 2024). Als Gründe für die Betriebseinstellungen nennt Susanne Andriessens, Pressesprecherin des Hessischen Landesamt für Gesundheit und Pflege, wirtschaftliche Gründe in Verbindung mit einem Sanierungsstau, Personalmangel sowie persönliche Entscheidungen.

Acht Einrichtungen geschlossen

Im vergangenen Jahr wurden im Landkreis Kassel das Pflegeheim Haus Abendfrieden und das Seniorenzentrum Viadukt in Zierenberg geschlossen. Außerdem die Tagespflegen Kastanienhof in Calden, die Tagespflege am Burgberg in Schauenburg und die Tagespflege König in Fuldatal. In diesem Jahr hat es bereits das Pflegeheim Haus Habichtswald in Dörnberg, die Tagesbetreuung am Reinhardswald in Immenhausen und die Tagespflege am Bergpark in Zierenberg getroffen.

Für Christoph Jaworski, Chef des Pflegeunternehmens ascleonCare aus Kassel, das unter anderem ein Seniorenheim in Zierenberg und Tagespflegen in Wolfhagen, Immenhausen und Bad Karlshafen im Kreis betreibt, ist die Sache klar: Vor zwei Jahren sei das Tariftreuegesetz in Kraft getreten, was die Einrichtungen verpflichte, nach Tarif zu zahlen. „Das ist prinzipiell auch gut und angemessen“, sagt Jaworski, der seinen Mitarbeitern Gehälter nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst zahlt. Allerdings hätte damit auch eine rechtzeitige Anhebung der Pflegesätze verbunden sein müssen.

Betreiber pochen auf zügige Anhebung von Pflegesätzen

„Das muss laut Sozialgesetzbuch innerhalb von sechs Wochen geschehen. Bei uns und anderen Betreibern hat es bis zu zehn Monate gedauert“, so Jaworski. Da müsse man vorfinanzieren. Hinzu kämen gestiegene Mieten, Fachkräftemangel, sowie die Inflation mit hohen Lebensmittelpreisen und Energiekosten. „Kein Wunder, wenn kleinen Heimen die Luft ausgeht.“ Er könne das als großes Unternehmen kompensieren, zumal ihm die Immobilien in der Regel gehörten.

„Der Mangel an Heimplätzen ist immens groß“, sagt Christoph Jaworski, der an 16 Standorten Pflege in Nordhessen und Südniedersachsen anbietet. Seit immer mehr Einrichtungen dichtmachten, hätten sich die Anfragen bei ihm verdoppelt. „Sogar Angehörige aus Paderborn, Hamm, Hannover oder beispielsweise Bremen haben zuletzt händeringend einen Heimplatz gesucht, weil bei ihnen vor Ort nichts frei ist“, so der Geschäftsführer von Ascleoncare.

Diese Entwicklung war laut Jaworski vorhersehbar und werde sich noch verschärfen. Die Politik habe davor die Augen verschlossen. Die Bundesregierung müsse notwendigerweise die weiter steigende Kostenbelastung der Pflegeanbietenden anerkennen und die Pflegefinanzierung generalüberholen. Der Pflegeunternehmer hofft, dass sich bald etwas tut. Lauterbach habe durchaus „coole Ideen“, was das betreffe. Für die kleinen inhabergeführten Heime mit 20 bis 30 Betten kämen aber Veränderungen zu spät. „Das ist auch ein Verlust an Pflege und Zuwendung, die sehr persönlich und familiär war.“

Heimbetreiber mit eigenen Immobilien sind besser aufgestellt

„Weil uns die meisten Immobilien selbst gehören und Ascleoncare ein großes Unternehmen ist, können wir besser mit der Situation umgehen“, so der Unternehmer aus Kassel, der in diesem Jahr drei Pflegeheime in Südniedersachsen, Holzminden und Hamburg vor der Schließung bewahren will.

Beim Landkreis Kassel bedauere man die Aufgabe der Pflegeeinrichtungen sehr, so Sprecherin Laura-Madlein Scharpen. Da es sich dabei aber um privatwirtschaftliche Einrichtungen handele, habe man keine Möglichkeit einzugreifen. Die Situation im Pflegebereich ist aus Sicht des Kreises allerdings weniger angespannt als im landesweiten Vergleich. Dies zeige ein Blick in den Hessischen Pflegebericht. „Im Februar 2024 hatten wir 42 Alten- und Pflegeheime im Landkreis und zählen damit zu den gut ausgebauten Strukturen. Im Bereich der vollstationären Pflegeeinrichtungen kommen im Landkreis 45,1 Plätze auf 100 Personen über 84 Jahre“, so Scharpen. Der Landesschnitt liege bei 38,5 Plätzen. (Bea Ricken)

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