VonAnna-Laura Weyhschließen
Das Pflegesystem wird zunehmend instabil. Die Probleme zeigen sich auch in Kassel. Pflegeheime kämpfen mit steigenden Kosten und Fachkräftemangel.
Kassel – Immer mehr Pflegeheime stehen vor dem Aus. Mehr als 800 Einrichtungen und ambulante Dienste mussten deutschlandweit allein im Jahr 2023 Insolvenz anmelden oder schließen, meldet der Arbeitgeberverband Pflege. Die Gründe seien vielseitig, heißt es von den Betreibern. Vor allem steigende Kosten und der Fachkräftemangel beuteln die Heime. Auch von den 20 stationären Einrichtungen in Kassel haben kürzlich drei Insolvenz angemeldet.
Neben dem Seniorenheim auf dem Lindenberg nach der Insolvenz von Convivo (mittlerweile betreibt Amicalis Zufrieden Leben die Einrichtung) sind aktuell das Albert-Kolbe-Haus an der Hansteinstraße und die Hausgemeinschaften Am Heimbach (beide Sozialwerk der Christengemeinschaft Hessen) betroffen. Die Betriebe laufen weiter und sollen langfristig eine Zukunft haben, heißt es.
Fachkräftemangel in der Pflege auch in Kassel
In der Stadt Kassel stehen derzeit 1740 Plätze in stationären Pflegeeinrichtungen zur Verfügung, teilt die Stadt Kassel auf eine SPD-Anfrage im Ausschuss für Soziales mit. Aber reicht das aus? Kassels Bevölkerung wird älter. Die Zahl der Menschen über 75 Jahre soll laut einer Prognose von 21 952 (Stand 2020) bis zum Jahr 2040 auf 25 970 Personen steigen.
Bessere Strukturen im Landkreis Kassel
Das Statistische Landesamt meldet Ende 2022 im Landkreis Kassel 60 851 Menschen über 65 Jahren – das entspricht rund 25 Prozent. Nach einer Prognose soll diese Zahl bis 2030 um knapp 8000 steigen. Im Landkreis gibt es 42 Pflegeheime. Er zählt laut Pflegebericht zu den Regionen mit gut ausgebauten Strukturen. Die Stadt Kassel gilt als Region mit hoher Bedarfsentwicklung bei vergleichsweise schlechten Strukturen.
„Ob aufgrund der demografischen Rahmenbedingungen davon auszugehen ist, dass ein Ausbau der Platzkapazitäten erforderlich sein wird, ist derzeit nicht absehbar“, sagt Sozialdezernent Norbert Wett. Denn immer mehr Menschen ziehen die ambulante Pflege in den eigenen vier Wänden vor, sagt er.
Fachkräftemangel in der Pflege auch in Kassel ein Problem
Das bestätigt Martin Müller, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Diakoniestationen in Kassel. „Dahinter steht die Sorge um den Verlust einer selbstbestimmten Lebensführung und von Sozialkontakten“, sagt er. Sigrid Wieder, Sprecherin der Awo Nordhessen, sieht für die Entwicklung auch finanzielle Gründe: „Pflegebedürftige und ihre Angehörigen müssen hohe Eigenanteile an den stationären Pflegekosten tragen“, sagt sie. Der Einrichtungseinheitliche Eigenanteil beträgt in den Kasseler Pflegeheimen laut Stadt aktuell durchschnittlich 1535 Euro pro Monat. Hinzu kommen rund 920 Euro für Unterkunft und Verpflegung sowie Investitionskosten von etwa 570 Euro monatlich.
Dennoch beobachtet die Awo, die in Stadt und Landkreis Kassel acht Pflegeheime mit 742 Plätzen betreibt, einen steigenden Bedarf an stationärer Pflege. „Dem gegenüber stehen zu wenige Pflegekräfte, was die derzeitige und künftige Mangelsituation verschärft“, sagt sie.
Pflegesystem zunehmend instabil: „Situation wird sich verschärfen“
Steigende Kosten und ein sich zuspitzender Fachkräftemangel beuteln die Pflege. Auch in Kassel zeigen sich die Probleme. Drei der 20 stationären Einrichtungen haben kürzlich Insolvenz angemeldet.
Zwar hat sich für das Seniorenheim Am Lindenberg ein neuer Betreiber gefunden, und auch im Albert-Kolbe-Haus an der Hansteinstraße und in den Hausgemeinschaften Am Heimbach läuft der Betrieb ohne Auswirkungen auf Mitarbeitende sowie Bewohnerinnen und Bewohner weiter.
Das sagt der Seniorenbeirat
„Es macht Sorgen, wie es für die Gesellschaft weitergehen soll. Es ist schön, dass alle älter werden, aber dadurch sind es eben auch mehr, die pflegebedürftig werden“, sagt Heinz Gunter Drubel vom Seniorenbeirat der Stadt Kassel. Es sei nicht einfach, einen Pflegeplatz zu finden. „Die Kommunen ziehen sich zurück und überlassen alles den Privaten – und nun gehen die Heime pleite. Und für die Pflegebedürftigen selbst ist es ohnehin kaum zu bezahlen. Das macht Angst.“
Dennoch zeigt sich, dass das Pflegesystem zunehmend instabil wird. Auch die Tagespflege des Seniorenzentrums Wolfhagen hat Ende vergangenen Jahres geschlossen.
Zu den bestehenden Problemen kommt eine steigende Zahl an pflegebedürftigen Menschen. Durch den demografischen Wandel sind immer mehr auf Hilfe angewiesen. Am Jahresende 2021 waren 4,9 Millionen Menschen deutschlandweit pflegebedürftig, meldet das Statistische Bundesamt. Laut Demografieportal wird die Zahl bis 2060 um knapp zwei Millionen Menschen ansteigen.
Fachkräftemangel auch in Kassel: Stationäre Pflege
Laut der Stadt Kassel gibt es insgesamt 1740 Plätze in stationären Einrichtungen im Stadtgebiet. Über die Auslastung, beziehungsweise freie Platzzahlen sind keine Daten vorhanden, teilt die Stadt mit. „Der Bedarf an Pflegeplätzen ist allgemein hoch und wird auf die Zukunft gesehen weiter ansteigen“, sagt Sigrid Wieder, Sprecherin der Awo Nordhessen.
Der steigenden Nachfrage stehen zu wenige Pflegekräfte gegenüber. Die Situation werde sich weiter verschärfen, mutmaßt sie.
„Die Situation lässt einen hellhörig werden“, sagt auch Petra Ullrich von der SPD-Fraktion, die einen entsprechenden Antrag im Sozialausschuss gestellt hat. „Wir wollen uns einen Überblick verschaffen und schauen, was wir tun können, um zu unterstützen“, sagt sie.
Fachkräftemangel auch in Kassel: Ambulante Pflege
Immer mehr Menschen wollen zuhause gepflegt werden. Mehr als 80 Prozent werden dort versorgt, sagt das Statistische Bundesamt. Die Pflege in den eigenen vier Wänden ist beliebt. Das sei aber keine neue Entwicklung, sagt Martin Müller, Geschäftsführer der Diakoniestationen in Kassel: „Der Wunsch, bei Pflegebedürftigkeit das vertraute Wohnumfeld zu erhalten, ist ungebrochen groß.“
Auch Wieder sagt: „Dies liegt zum einen am Wunsch, so lange wie möglich in der eigenen Häuslichkeit verbleiben zu können.“ Zum anderen breche durch den Wegfall des Pflegegeldes – das ist das Geld, das Angehörige erhalten, die Familienmitglieder zuhause pflegen – ein zusätzliches Haushaltseinkommen weg. „Dass diese Menschen Geld bekommen, ist völlig berechtigt. Die Pflege von Angehörigen ist sehr anspruchsvoll. Wir können als Gesellschaft froh sein, dass viele Angehörige diese Pflege übernehmen.“
Aber auch die hohen und weiter ansteigenden Eigenanteile an den stationären Pflegekosten scheuen viele Familien, wodurch sie sich gegen eine stationäre Einrichtung entscheiden. Schon jetzt komme es vor, dass ambulante Pflegedienste neue Kundinnen und Kunden nicht mehr annehmen können. „Wobei Kassel noch immer in der ambulanten Pflege durch eine Vielzahl von Pflegediensten relativ gut versorgt ist“, sagt Müller. Deutlich schwieriger sehe die Situation im Bereich der hauswirtschaftlichen Hilfen aus.
„Hier herrscht ein extremer Mangel an Angeboten“, so der Geschäftsführer. Doch auch die Belegschaft werde älter. „In den nächsten Jahren werden viele Mitarbeitende aus dem Beruf ausscheiden. Die Versorgungssituation in Kassel wird sich deutlich verschlechtern“, sagt Müller.
Fachkräftemangel auch in Kassel: Kurzzeitpflege
Derzeit beträgt die nominelle Kapazität für Kurzzeitpflegeplätze in stationären Einrichtungen in Kassel 117 Plätze, teilt die Stadt mit. Bei Kurzzeitpflegeplätzen handelt es sich in der Regel um eingestreute Pflegeplätze, die Menschen werden also auf nicht belegten Langzeitpflegeplätzen untergebracht. Es ist für Pflegeeinrichtungen jedoch wirtschaftlich attraktiver, Langzeitpflegegäste statt Kurzzeitpflegegäste aufzunehmen.
„Eine wirtschaftlich gesicherte Basis erfordert eine möglichst durchgängige Auslastung von 98 Prozent. Etwaige Vorhaltekosten für freizuhaltende Kurzzeitpflegeplätze in der stationären Pflege stellen ein finanzielles Risiko dar“, sagt Wieder. Das Problem sei der Politik jedoch bekannt. „Es wurden Rahmenbedingungen für eine wirtschaftlich tragfähige Vergütung der Kurzzeitpflege geschaffen. Derzeit laufen die Verhandlungen zur Umsetzung auf Landesebene“, erklärt sie. (Anna Weyh)
