Islamexpertin Prof. Susanne Schröter sagt: „Haben Sie von den Frankfurter Muslimen einen größeren Beitrag gehört, in den sie sich gegen den Terrorakt der Hamas stellen? Ich nicht.“
Islamexpertin Prof. Susanne Schröter spricht im Interview über Pro-Hamas-Demos, Israel und Islamismus auf Frankfurts Straßen.
Frankfurt – Die Toten des Massakers vom 7. Oktober in Israel sind gerade begraben, da schallen die schon Allahu-Akbar-Rufe durch die Straßen. Auch in Deutschland. Auch in Frankfurt. Redakteur Thomas J. Schmidt sprach mit der Islamexpertin Prof. Susanne Schröter über die Motive der Pro-Palästina-Demonstranten.
Wer sind denn die Demonstranten auf unseren Straßen?
Auf der einen Seite diejenigen, die ihre Solidarität mit Israel bekunden. Es sind Menschen aus Parteien und Verbänden, das Ganze hat einen fast offiziellen Charakter. Auf der Gegenseite haben Sie eine Vielzahl von Organisationen. Die pro-palästinensischen, oft sogar pro-Hamas Demonstrationen sind nicht staatlich orchestriert, die Menschen kommen aus eigenem Antrieb. Diese zweite Gruppe ist deutlich größer als die erste. Nicht nur in Deutschland, sondern überall im Westen. In London waren es mehr als 100 000 Leute. Wer da demonstriert, hat eine ganz starke Motivation, ein starkes Engagement. Das muss uns zu denken geben.
Aber das bedeutet noch nicht, dass es gefährlich ist.
Doch. Ein Teil dieser Leute ist extrem gewaltbereit. Die Polizei konnte schon Anschläge verhindern. Ein Isis-Terrorist wollte mit dem Auto in eine pro-israelische Demonstration fahren. Das erinnert an den Breitscheidplatz, an Nizza. Diese Leute, die aus der Isis-Ecke kommen, melden sich wieder zu Wort. Wir haben geglaubt, es sei vorbei, doch die Islamisten waren nie weg. Sie sehen jetzt ihre Stunde, sie glauben, dass sie jetzt Unterstützung bekommen und ihre Leute ihnen zujubeln. Das ist für die Sicherheit in Deutschland ein Riesenproblem.
Aber das ist doch nur eine Minderheit?
Wir haben in den muslimischen Communities ebenfalls eine pro-palästinensische Stimmung, teilweise sogar eine Pro-Hamas-Stimmung. Teilweise bezweifeln diese Leute, dass es das schreckliche Massaker gegeben hat. Diese Leute konsumieren die Medien aus der Heimat, sie werden von ihren Imamen indoktriniert, und es gab in den Familientraditionen immer schon eine Solidarität mit der muslimischen Gemeinschaft, der weltweiten Umma. Sie sind mit der palästinensischen Seite solidarisch und lehnen die Existenz Israels rundweg ab. Der Leiter der türkischen Religionsbehörde hat neulich in einer Freitagspredigt gesagt, Israel sei ein rostiger Dolch im Körper der islamischen Geografie. Das sagt nicht irgendjemand, das sagt der Leiter aller Ditib-Gemeinden in Deutschland. In den islamischen Gemeinschaften existiert ein großes Mobilisierungspotential für antiisraelische Aktivitäten.
Pro-Palästina-Demos in Frankfurt: „Es geht nicht um Fakten, es geht um Identität und um ein Feindbild“
Dabei waren doch die Türken auch nur Landräuber in Palästina: Die Osmanen haben es den Arabern abgenommen, die Araber hatten es den Byzantinern abgenommen, die Römer hatten es den Juden abgenommen. Es ist Landraub seit 2000 Jahren. Römer, Araber und Türken sind Landräuber...
Es geht nicht um Fakten, es geht um Identität und um ein Feindbild, das alle zusammenschweißt. Israel und die Juden seien die Feinde der Umma, der islamischen Weltgemeinschaft, aber auch der Westen und aller Andersgläubigen. Das ist die Erzählung, die in der muslimischen Welt immer wieder erneuert wird. Sie hält die Leute bei der Stange und emotionalisiert sie. Das ist nicht nur in der arabischen Welt so, das ist auch bei uns so.
Was merken wir davon?
Wir merken etwa, wie schwer sich die islamischen Verbände tun, das Massaker vom 7. Oktober zu verurteilen. Es gab, wenn überhaupt, nur heillose Relativierungen.
Die einzigen, die positiv aus dem Rahmen fielen, waren die Ahmadiyya.
Richtig, aber sie gelten den Moslems nicht mal als Muslime. Sie repräsentieren nicht die Mehrheit der Muslime.
Haben wir das Spektrum der Israel-Feinde schon durchschritten?
Nein, es gibt noch zwei weitere Gruppen. Es sind weltliche Gruppen. Zum einen sind es marxistische, leninistische, trotzkistische Gruppen aus dem Pro-Palästina-Block, Gruppen wie Samidoun, die völlig säkular sind, Aber sie sind, wie die Fundamentalisten, unversöhnlich gegen Israel, gegen den Westen. Diese Gruppen haben mit den religiösen Akteuren den Schulterschluss vollzogen.
Aber es gibt doch auch viele sogenannte Akademiker, es gibt eine akademische Linke, die sicher keine Leninisten sind und trotzdem keinerlei Berührungsängste mit diesen religiösen Gruppen haben?
Richtig, und das ist die vierte Gruppe: Es sind Leute, die in einer Ideologie geschult werden, die sich „Postkoloniale Theorie“ nennt. Darin wird behauptet, Israel sei ein Apartheidstaat, ein Siedlerkolonialismus.
Hetze gegen Israel in Frankfurt auch von „angeblichen Studenten“
Lassen Sie uns auf Frankfurt zu sprechen kommen.
Haben Sie von den Frankfurter Muslimen einen größeren Beitrag gehört, in den sie sich gegen den Terrorakt der Hamas stellen? Ich nicht.
Ich war am 14. Oktober bei der Pro-Israel-Demo auf dem Paulsplatz. Ich bin anschließend mit meinem Israel-Fähnchen in der Hand zur verbotenen Pro-Palästina-Demo auf die Hauptwache gegangen, habe am Rand mein Fähnchen geschwenkt und laut gerufen: Free Gaza from Hamas! From the river to the sea Israel will be free! Und mir ist nichts geschehen. Erstaunte Blicke, Gegen-Sprechchöre, aber sonst: nichts. Da muss ich sagen: Das waren friedliche Menschen. Soll man eine solche Demo verbieten?
Wir haben ein liberales Demonstrationsrecht, und das ist auch gut so. Wir dürfen nicht alles verbieten, was uns inhaltlich nicht passt. Was wir allerdings verbieten sollten, sind Organisationen, die zur Gewalt aufrufen, die Hass und Hetze verbreiten. Das machen wir beim Rechtsextremismus auch.
Gibt es hier in Frankfurt solche Organisationen?
Wir haben unter den sogenannten Palästina-Komitees beispielsweise die „Studies gegen rechte Hetze“, die auch bei meiner letzten Konferenz vor der Tür standen und alle Teilnehmer als Nazis und Rassisten beschimpft haben. Diese angeblichen Studenten sollte man genauer beobachten, weil sie tatsächlich extreme Hetze gegen Israel betreiben, und zwar schon lange. Sie arbeiten mit Gruppen wie Samidoun zusammen, die dazu aufgerufen haben, Neukölln in Schutt und Asche zu legen. Also ja, es gibt auch in Frankfurt Extremisten.
Und der Islamismus?
Es gibt drei Organisationen, die als Nachfolger einer verbotenen islamistischen Organisation gelten. Diese Organisation heißt Hizb ut Tahrir. Es ist eine strikt antisemitische, islamistische Organisation, die ein weltweites Kalifat errichten möchte. Die Nachfolgeorganisationen heißen Generation Islam, Realität Islam und Muslem Interaktiv und werden vom Verfassungsschutz beobachtet. Sie sind stark im Internet vertreten und tauchen auf antiisraelischen Demonstrationen auf. In Walldorf ist der Hauptsitz von Realität Islam. Die Mitglieder dieser Gruppen hetzen in den sozialen Netzwerken gegen liberale Muslime und gegen Islamismukritiker und denunzieren sie als Feinde des Islam. Wenn man weiß, was das für Folgen haben kann – ich nenne nur Salman Rushdie oder Samuel Paty – dann ist das extrem gefährlich. Da verstehe ich nicht, dass man diese Extremisten einfach weiter agitieren lässt.
Pro-Palästina-Demos in Frankfurt: „Deutsche Migrationspolitik weitgehend unübersichtlich“
Was ist mit den Dialogforen in Frankfurt?
Es gibt eine Reihe von Organisationen, die im Rat der Religionen und in anderen Gesprächsformaten der Stadt beteiligt sind. Ich würde raten, auch in diesen Kreisen das Thema Nahostkonflikt und Antisemitismus anzusprechen, denn diese Leute sind Multiplikatoren in die Communities.
Ich würde Schwüren nicht allzu weit trauen...
Es geht mir nicht um Schwüre. Ich glaube, dass die Gesprächspartner aus Angst davor, Unangenehmes zu erfahren, die Gespräche erst gar nicht wirklich robust führen. Man belässt es bei wachsweichen Erklärungen. Ich würde anregen, es nicht dabei zu belassen. Langfristig müssen wir in der politischen Bildung und in der Schulbildung intervenieren. Es wurde lange versäumt, den aktuellen Antisemitismus zum Thema zu machen. In den Schulen hat man Zugang zu allen Kindern, auch zu denen, die einseitige soziale Medien konsumieren. Ihnen muss man die Fakten der Geschichte des Nahostkonflikts vermitteln, die Tatsachen und keine Geschichtsverdrehungen. Vielen scheint beispielsweise unbekannt zu sein, dass die Juden mit dem UN-Teilungsplan einverstanden waren, die Araber ihn aber angelehnt und den ersten Krieg gegen Israel begonnen hatten. Die Kinder müssen die Fakten kennen, als Gegengewicht zu den emotionalen Erzählungen der Familien.
Aber in manchen Schulklassen zeigt sich heute schon die künftige, bunte Demografie Deutschlands...
Einwanderungsgesellschaften müssen aktiv gestaltet werden. Deswegen müssen wir, wenn wir Werte haben, diese Werte auch verteidigen lernen. Das geht zuallererst in der politischen Bildung und in der Schule.
Ich frage mich, woher das Narrativ in vielen muslimischen Familien kommt, dass der Westen böse sei. Diese Leute sind doch aus Ländern hierher gekommen, in denen sie arm waren, unterdrückt waren, deswegen sind sie hergekommen in den Westen. Wie kann man gegen Israel und gegen den Westen sein, wenn die eigenen Herkunftsländer ein Trümmerhaufen sind, aus dem man fliehen musste?
Viele Zuwanderer sind auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland gekommen, nicht unbedingt, weil sie unsere Werte teilen. Andere sind vor Krieg und Unterdrückung geflohen, allerdings nicht immer, weil sie Demokraten waren. Wir haben auch Menschen aufgenommen, die in ihrer Heimat als Islamisten verfolgt wurden. Wir haben sogar islamistische Gewalttäter zugelassen, teilweise in Unkenntnis, wer eigentlich zu uns kommt. Auch jetzt ist die deutsche Migrationspolitik weitgehend unübersichtlich.
Islamexpertin erwartet für Frankfurt keine Auseinandersetzungen wie in Neukölln
Meine Beobachtung bei diesem Demo-Samstag war, dass die alle akzentfrei Deutsch gesprochen haben. Das waren keine Flüchtlinge, sondern die Kinder und Enkel von Einwanderern von vor 40 oder 50 Jahren.
Aber das ist kein Widerspruch. Man kann in Deutschland leben und dennoch seine Informationen aus dem syrischen oder türkischen Fernsehen oder von arabischen Imamen beziehen. In der Diaspora hält man viel auf das, was aus der alten Heimat kommt. Deswegen ist das Erstaunen darüber, dass sich Menschen aus der dritten Einwanderergeneration radikal äußern, etwas seltsam. Man hat es den Leuten viel zu leicht gemacht. Sie mussten sich nie mit unserem Wertekanon auseinandersetzen, geschweige denn, ihn akzeptieren.
In den vergangenen zwei Wochen hat sich das Thema Integration ja noch einmal zugespitzt. Olaf Scholz hat dem Spiegel ein Interview gegeben, dass man glauben könnte, er tritt der AfD bei...
Ich verbuche so etwas in der Rubrik markige Sprüche und Sonntagsreden. Wenn man schaut, was wirklich umgesetzt wird, sieht es anders aus. Nach dem Massaker sollte Samidoun verboten werden. Momentan hört man nichts mehr davon. Nancy Faeser ist im Urlaub.
Wir sind am Anfang eines Konflikts. Worauf müssen wir uns in Frankfurt noch einstellen? Könnte es so werden wie in Neukölln, wenn der Krieg in Nahost länger dauert?
Es wird nicht so werden wie in Neukölln. Dort gibt es seit langem segretierte Communities, die auffällig geworden sind. Es gibt Clankriminalität, in vielen Schulen gibt es drunter und drüber, wir haben Übergriffe auf Rettungsdienste zu Silvester erlebt. Probleme dieser Dimension haben wir in Frankfurt nicht. Es gibt allerdings Communities in den Vororten, in denen es schon anders aussieht. Eine ehemalige Schulleiterin aus Griesheim hat über die Missstände geschrieben. Wir müssen verhindern, dass diese Communities in eine Lage rutschen wie viele in Neukölln. Wir müssen Probleme anpacken und nicht kneifen aus Angst, dass sich jemand diskriminiert fühlt. Wir sind als Einwanderungsgesellschaft aufgerufen, die Einwanderung so zu gestalten, dass sie ein Erfolg wird. Momentan ist sie in Gefahr an ihren Konflikten zu scheitern.
Wie schaut es aus mit der jüdischen Minderheit?
Mir hat jüngst jemand erzählt, dass auch in Frankfurt Häuser mit dem Davidstern gekennzeichnet wurden. Das ist bedrohlich, denn es zeigt, dass der Nahostkonflikt in Frankfurt angekommen ist und Juden bedroht werden. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft alles zu tun, damit die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung gewährleistet wird, und ich würde mir wünschen, dass auch sich Muslime für die jüdischen Nachbarn einsetzen.
Manche ihrer Gegner würden ihr am liebsten den Mund verbieten: Susanne Schröter (66) hat sich mit ihrer Arbeit viele Feinde gemacht. Die Ethnologin und Islamforscherin ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI). Sie veranstaltete Konferenzen, unter anderem zum Kopftuch, bei dem Befürworter und Gegner zu Wort kamen, sie lud zuletzt bei einer Konferenz zur Flüchtlingskrise den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ein, und immer erntet sie Kritik. Kritik von linken Hochschulgruppen und von Moslems, die schon in der geringsten kritischen Frage an den Islam eine „Islamophobie“ oder „antimuslimischen Rassismus“ wittern. Aber Schröter lässt sich den Mund nicht verbieten. Sie leistet weiter ihre Beiträge zur Aufklärung, zum Verständnis und zur Kritik, die in einer offenen Gesellschaft immer und in alle Richtungen nötig sind.