Warten auf Genehmigung

Wasser darf bald wieder bleiben: Sicherheitsüberprüfung der Kinzigtalsperre abgeschlossen

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Die Sicherheitsüberprüfung der Kinzigtalsperre ist abgeschlossen – zumindest auf der Wasserseite.
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Ein Mammutprojekt nähert sich seinem Ende: Die „vertiefte Sicherheitsüberprüfung“, wie es im Bürokratendeutsch heißt, der Kinzigtalsperre ist abgeschlossen – zumindest auf der Wasserseite. Sobald das offizielle „Okay“ des Regierungspräsidiums Darmstadt (RP) vorliegt, soll mit dem Einstau begonnen werden.

Steinau/Ahl - „Wir haben die Unterlagen beim RP eingereicht. Nun warten wir auf die finale Genehmigung für den Wiedereinstau“, sagt Holger Scheffler, Geschäftsführer des Wasserverbands Kinzig (WVK). Der Verband betreibt die Talsperre im Kinzigtal, die Ende der 1970er Jahre errichtet wurde und seither vor allem zwei Zwecke erfüllt: Hochwasserschutz für die Städte und Gemeinden am Unterlauf der Kinzig sowie bei anhaltender Trockenheit die Sicherstellung einer ausreichenden Wassermenge im Fluss.

Kinzigtal: Sicherheitsüberprüfung der Kinzigtalsperre abgeschlossen

Beides, das wird Scheffler nicht müde zu betonen, sei während der Arbeiten stets gewährleistet gewesen. Als Beleg führt er die aktuelle Situation an: Wegen der starken Regenfälle der vergangenen Wochen hat sich oberhalb der Staumauer bereits wieder ein stattlicher See gebildet – aktuell allerdings wieder mit abnehmender Tendenz. In der Praxis bedeutet dies, dass der offizielle Beginn des Einstaus für den nicht beteiligten Betrachter kaum zu registrieren sein dürfte.

Seit dem Ablassen im Frühsommer 2022 staute sich das Wasser mehrmals. Die Folge war, dass die gerade erst verstärkte 40 Jahre alte Brücke der Baustraße weggeschwemmt wurde und ersetzt werden musste, dass die Wassersperre vor dem Arbeitsraum an der Staumauer ebenfalls von einer Wasserwelle zerstört wurde und nicht zuletzt, dass die Arbeiten immer wieder für Tage oder gar Wochen unterbrochen werden mussten.

Es wurde alles auf Herz und Nieren überprüft, was die Funktionssicherheit der Talsperre angeht.

Holger Scheffler, Geschäftsführer Wasserverband Kinzig

Auch der Beginn des Projekts vollzog sich abseits der Öffentlichkeit: Lange bevor der See trockengelegt wurde, starteten die Vorbereitungen. Fachplaner und die Verantwortlichen machten sich Gedanken darüber, welche Arbeiten notwendig und wann in welcher Reihenfolge ausgeführt werden sollten. Zudem mussten Genehmigungen eingeholt werden, was einige Zeit dauerte, sodass die elf Tonnen Fisch erst Mitte Mai 2022 zu einem hierfür – wegen der Temperaturen nicht besonders gut geeigneten Zeitpunkt – aus dem Gewässer geholt werden konnten.

Für eine Talsperre der Größenordnung des Bauwerks an der Gemarkungsgrenze des Bad Soden-Salmünsterer Stadtteils Ahl und Steinau ist eine „vertiefte Sicherheitsüberprüfung“ alle 20 Jahre vorgeschrieben. Wesentliche Bauteile wie die drei Wehrfelder versahen ihren Dienst bereits seit vier Jahrzehnten. Bei der Sicherheitsüberprüfung 2002 „war nur das Öl der Hydraulik gewechselt worden“.

Im Juli wurde die mittlere der drei Wehrklappen ausgebaut, im Herbst wurden nach und nach die acht Tonnen schweren neuen Stahlkolosse in den Staudamm eingebaut.

Das aktuelle Projekt begann „2021 mit dem Austausch von Teilen der technischen Einrichtungen im Damm, wie etwa Schieber und Steuerungssystem. Das allein hat einen siebenstelligen Betrag gekostet“, erinnert Scheffler an den Beginn. Damals seien als Kosten für das Gesamtprojekt vier Millionen Euro veranschlagt worden. Aktuell hält sich der WVK-Geschäftsführer mit Angaben zu den Kosten zurück. Genaue Zahlen lägen erst 2024 vor, sagt er.

Gut möglich, dass der prognostizierte Betrag nicht ausreicht. Allein die drei Wehrklappen samt der Hydraulik verteuerten sich von einer auf fast zwei Millionen Euro – ganz abgesehen davon, dass sie im Vergleich zum ersten Zeitplan mit mehr als einem Jahr Verzögerung geliefert und eingebaut wurden. Hintergrund waren offenbar Lieferschwierigkeiten bei den Hydraulikaggregaten und -zylindern für die acht Tonnen schweren Kolosse.

Talsperre in Zahlen

550 Meter lang und 14 Meter hoch ist die 1976 bis 1979 errichtete Sperrmauer.

220.000 Kubikmeter Material wurden für den Damm verbaut.

7,2 Millionen Kubikmeter Wasser fasst der 125 Hektar große Stauraum.

6 Kubikmeter Wasser strömen normalerweise durch das Ablassbauwerk.

2,1 Kilometer im Winterstau und bis zu 3,5 Kilometer bei Maximalstau beträgt die Länge des Kinzigstausees.

„Was in der Praxis gemacht werden muss, ist erst zu sehen, wenn der See leer ist. Dafür ist diese Prüfung nach 20 Jahren gedacht. Und es musste mehr gemacht werden als erwartet“, räumte Scheffler schon im Spätherbst 2022 ein, also dem eigentlich vorgesehenen Zeitpunkt für den Abschluss der Arbeiten.

Hier einige Beispiele für Arbeiten, die aus der Ferne nicht gleich ins Auge stachen und zumindest zum Teil nicht im nun ausgeführten Umfang vorgesehen waren. Das betrifft etwa die rund um den See angelegten Messpunkte, die die Stände von Oberflächen- und Grundwasser registrieren und die Drainagen, die Wasser aus den umliegenden Hängen abführen.

Vor der Staumauer befindet sich eine Dichtung auf einer Fläche von zweieinhalb Hektar. Darunter befinden sich Drucksensoren, die „den Wasserdruck messen. Ab einem Grenzwert werden die unterhalb der Sperre befindlichen Entspannungsbrunnen zugeschaltet“. Diese Einrichtungen wurden geprüft und – so weit notwendig – instandgesetzt oder ausgetauscht. Das gilt auch für Dichtungen und Fugen.

Kinzigtalsperre: Warten auf Genehmigung für Einstau

Weithin sichtbar – und aufgrund von zeitweisen Sperrungen des Dammes auch spürbar – war die Sanierung des Betonbauwerks, die wegen Überschwemmungen im Baufeld immer wieder unterbrochen werden musste. Am Grundablass mussten durch die Strömung entstandene Kiesnester entfernt werden und „alte Injektionslöcher, die im oberen Bereich ausgespült waren, wurden neu verschlossen und abgedichtet“, berichtet Scheffler weiter. Schließlich wurden der Bypass, durch den das Wasser während der Arbeiten durch die Sperre geleitet wurde, und die Baustraße samt Sedimentsperre zurückgebaut.

„Gegenüber vor 20 Jahren gab es einen erheblich höheren Sanierungsbedarf. Daher haben wir die Zeitschiene gestreckt. Die Entkrautung, also die Entfernung der Büsche und Gräser aus dem Stauraum, haben wir vorerst auf den wesentlichen Stauraum beschränkt, um nun den An-stau in Angriff nehmen zu können“, zieht Holger Scheffler ein vorläufiges Fazit.

Einen Schlussstrich kann der WVK damit unter die Überprüfung der sicherheitsrelevanten Bereiche der Talsperre ziehen, nicht aber unter das Gesamtprojekt. Die restliche Entkrautung, die Betonsanierung des Tosbeckens und die Sanierung der Luftseite des Dammes stehen aus.

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