Bündnis erarbeitet Anreize für Umzug

Debatte um Wohnungstausch: Viele Kasseler wohnen alleine in größeren Wohnungen

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Sie wohnt seit fast 50 Jahren in ihrer Wohnung: Hannelore Diederich lebt seit 1974 in der Heinrich-Steul-Siedlung. Seit dem Tod ihres Mannes wohnt sie allein auf 74 Quadratmetern.
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In Kassel fehlen in den nächsten Jahren 8000 Wohnungen. Gleichzeitig lebt jeder zweite Kasseler alleine - viele in einer größeren Wohnung oder in einem Haus.

Kassel – In Kassel fehlen bis 2030 etwa 8000 Wohnungen. Diesen Bedarf hatte das Institut Empirica im Auftrag der Stadt Kassel ermittelt. Doch von diesem Neubauziel ist Kassel weit entfernt. Zudem ist der Wohnungsbau vor allem wegen der stark gestiegenen Zinsen ins Stocken geraten. Die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum wird unter den aktuellen Marktbedingungen zu einer großen Herausforderung. Dabei stellt sich die Frage, ob die Wohnungsnot nicht gelindert werden könnte, wenn die bereits existierenden 107 600 Wohnungen in Kassel anders auf die gut 200 000 Einwohner verteilt werden würden.

Über die Umverteilung von Wohnraum wird schon seit einiger Zeit in der Politik kontrovers diskutiert – auch in Kassel. Häufig geht dabei die Sorge um, dass ältere Menschen aus ihren größeren Wohnungen vertrieben werden sollen, um Platz für Familien zu machen.

Die demografische Entwicklung wird am Wohnungsmarkt deutlich: Von 111 000 Kasseler Haushalten sind 52 Prozent Ein-Personen-Haushalte. Gleichzeitig gibt es nur 20 500 Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen. Das heißt, viele Menschen wohnen allein in Wohnungen mit drei und mehr Zimmern, die theoretisch für Paare oder Familien geeignet wären.

Es fehlt in Kassel an barrierefreien und bezahlbaren Wohnungen

Die Stadt hat zur Behebung des Wohnraummangels das Bündnis für bezahlbares Wohnen gegründet, in dem Vertreter der Wohnungswirtschaft, Sozialverbänden, Mieter- und Eigentümerorganisationen, Behörden und Initiativen sitzen. Eine der Arbeitsgruppen des Bündnisses beschäftige sich mit dem Thema Wohnungstausch, so ein Stadtsprecher. Dazu solle ein Vorschlag erarbeitet werden.

Tatsächlich ist das Thema nicht neu. Mehrere Wohnungsbaugesellschaften unterbreiteten ihren Mietern bereits Angebote, allerdings fehlten oft barrierefreie und bezahlbare Wohnungen, so Harald Kühlborn, Vorsitzender des Mieterbundes Nordhessen. Sowohl der Mieterbund wie der Eigentümerverband Haus & Grund halten solche Angebote für Mieter wie Eigentümer für sinnvoll. Es dürfe aber kein Druck oder Zwang ausgeübt werden, in dem etwa bestimmte Wohnungsgrößen für unterschiedliche Haushalte vorgeschrieben werden, sagt Wolfram Kieselbach, Geschäftsführer von Haus & Grund. Anreize für altersgerechtes Wohnen seien richtig, ein Umzug müsse aber eine freie Entscheidung bleiben. Die beste Lösung sei immer noch der Neubau durch Verdichtung der Bebauung.

Mehrere Städte in Deutschland haben bereits Wohnungstauschbörsen eingeführt. Dazu zählen München, Düsseldorf und Freiburg. Deren Erfolge waren bislang aber mäßig. Darauf verweist auch Harald Kühlborn, Vorsitzender des Mieterbundes Nordhessen. Dennoch könne man auch in Kassel ein solches Projekt ausprobieren. Er hielte es auch für sinnvoll, wenn die Stadt gezielt Hauseigentümer ansprechen würde, weil etliche Wohnungen nicht in der Vermietung seien.

Kasseler Seniorin fordert andere Verteilung des Wohnraums

Am 1. April nächsten Jahres ist es 50 Jahre her, dass Hannelore Diederich in ihre Sozialwohnung in der Heinrich-Steul-Siedlung im Stadtteil Forstfeld gezogen ist. Bis heute lebt sie sehr gerne in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung in der Wohnanlage der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG. Allerdings sieht es die 74-Jährige auch kritisch, dass sie als verwitwete Frau auf 73 Quadratmetern allein lebt, während viele Paare und Familien in Kassel dringend günstigen Wohnraum suchten.

„Ich bin mit meiner Situation nicht allein. Hier in meiner Siedlung gibt es etliche 3-Zimmer-Wohnungen, in denen nur noch eine Person wohnt, weil die Kinder ausgezogen und der Partner gestorben ist“, erzählt die Seniorin, die von 1997 bis 2011 für die SPD in der Stadtverordnetenversammlung saß. Sie selbst lebte einst mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Wohnung. Erst zog die Tochter aus, vor drei Jahren starb dann ihr Mann.

„Es liegt mir fern, langjährige Mieter aus ihren Wohnungen und Häusern zu vertreiben. Ich bin auch bodenverhaftet und kann mir einen Wegzug aus meiner Siedlung auch nicht vorstellen“, sagt Diederich. Gäbe es aber die Option, in eine barrierefreie kleinere Wohnung innerhalb der Siedlung zu wechseln, würde sie darüber durchaus nachdenken – insofern diese dann nicht teurer sei.

Viele scheuen im Alter den Umzug

In der Regel seien neu abgeschlossene Mietverträge aber deutlich teurer als die bestehenden. Sie selbst zahle seit Jahren eine Fehlbelegungsabgabe für ihre Sozialwohnung, weil sie die Einkommenskriterien für den gefördeten Wohnraum nicht mehr erfülle. Dies sei aber immer noch günstiger als die aktuellen Preise, die bei Neuvermietungen gefordert werden.

Bekannten von ihr gehe es ähnlich. Viele würden sich auch aus Kostengründen gerne verkleinern, es fehlten aber schlicht die altersgerechten und bezahlbaren Angebote auf dem Wohnungsmarkt. „Eine Nachbarin hat sich vor fünf Jahren für ein betreutes Wohnen beworben und bis heute keinen Platz erhalten.“

Hinzu komme, dass Hinterbliebene im Trauerschmerz keinen Kopf dafür hätten, sich um eine andere Wohnung zu kümmern. Oft gebe es auch keine Verwandten mehr, die beim Umzug helfen könnten. In dieser Situation sei eine entsprechende Unterstützung nötig. So habe etwa die Awo früher eine Umzugshilfe angeboten. Hier müssten den Betroffenen gezielt Angebote gemacht werden. „Wenn man seinen Partner verliert, ist das Leben ohnehin im Umbruch. In dieser Situation hätte ich mir einen Umzug gut vorstellen können. Wenn schon eine Zäsur, dann eine richtige. Wer nach dem Verlust des Partners länger allein lebt, richtet sich in der Situation ein und wird eher nicht mehr umziehen wollen“, sagt Diederich. Zum Umzug gehöre auch die Trennung von Mobiliar, was die Entscheidung zusätzlich erschwere.

Kassel: Andere Wohnraumverteilung durch gute Angebote und Unterstützung

Diederich betont immer wieder, dass sie Verständnis dafür habe, wenn Menschen im Alter nicht mehr ihr gewohntes Umfeld verlassen wollen. Niemand solle dazu gezwungen werden. Aber durch attraktive Angebote könnten diejenigen erreicht werden, die dies für sich nicht ausschließen. Auch sei es denkbar, dass Wohnungsbaugesellschaften verstärkt in den Umbau investieren. Aus einer 3-Zimmer-Wohnung lasse sich vielleicht auch eine 2-Zimmer-Wohnung machen, damit eine benachbarte Familie mehr Platz bekomme.

„Wir werden alle immer älter und wir sollten den Wohnraummangel in Zeiten des Klimawandels nicht vor allem durch Neubau lösen“, sagt Diederich. Auch über eine andere Verteilung der bestehenden Wohnungen müsse nachgedacht werden – ohne Zwang, aber mit guten Angeboten und Unterstützung. (Bastian Ludwig)

Die Zahl der Sozialwohnungen hat sich in Kassel in 20 Jahren halbiert. Dabei wäre bezahlbarer Wohnraum dringend nötig. Nun versucht die Stadt gegenzusteuern.

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